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Bad Homburg
Finanzakrobat wird Fresenius-Chef

Stephan Sturm: Finanzakrobat wird Fresenius-Chef
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Bad Homburg. Stephan Sturm war einst bei McKinsey Büro-Nachbar von Martin Blessing. Seit 2005 ist er Finanzchef beim Gesundheitskonzern Fresenius. Work-Life-Balance hält er für ein Fremdwort. Von Andreas Kröner

Als Stephan Sturm 2005 beim Bad Homburger Gesundheitskonzern Fresenius anheuert, muss er erst mal Überzeugungsarbeit leisten. Denn er ist der erste Investmentbanker, der direkt in den Vorstand eines Großunternehmens aus der Realwirtschaft wechselt. Doch die Zweifel mancher Mitarbeiter, ob ein Banker in der Pharma- und Krankenhausbranche Fuß fassen kann, räumte Sturm rasch aus. Zusammen mit Vorstandschef Ulf Schneider brachte der Finanzchef Milliarden-Übernahmen auf die Spur und fuhr einen Rekord-Gewinn nach dem anderen ein.

Nun geht Ulf Schneider als Konzernchef zum Nahrungsmittel-Riesen Nestlé. Der 50-jährige Manager soll das Amt Anfang 2017 übernehmen, teilte der Schweizer Konzern gestern mit. Sein Nachfolger bei Fresenius wird der 52-jährige Stephan Sturm.

Dabei hat Sturm eigentlich gar keine Lust, im Scheinwerferlicht zu stehen. Ihm liegt es mehr, im Hintergrund Deals einzufädeln. "Meister der Anleihen" hat ihn Schneider einmal genannt. Begleiter beschreiben ihn als zugänglichen Manager und harten Arbeiter, der auch seinen Mitarbeitern viel abverlangt. In einem Gespräch über die richtige Balance von Arbeit und Freizeit (Work-Life-Balance) habe er einmal scherzhaft "Work life what?" gefragt, erzählt eine Mitarbeiterin.

In Bad Homburg erwarte ihn eine große Aufgabe: Fresenius ist der größte private Klinikbetreiber in Europa, dessen Tochter Fresenius Medical Care das größte Dialyseunternehmen der Welt. Sturm begann seine Karriere bei der Unternehmensberatung McKinsey, wo er das Büro mit dem ehemaligen Commerzbank-Chef Martin Blessing und dem HypoVereinsbank-Chef Theodor Weimer teilte. Später arbeitet er für Credit Suisse und leitet das deutsche Investmentbanking. Bis 2004 sieht alles nach einer klassischen Banker-Laufbahn aus, doch dann heuert der Manager zur Überraschung aller bei Fresenius an.

"Für mich war es eine einmalige Chance", sagt Sturm. Ihm sei klar gewesen, dass Fresenius viel Potenzial habe und sich künftig verstärkt über den Kapitalmarkt finanzieren müsse. Schneider und Sturm sind der Ansicht, dass im Gesundheitsmarkt am Ende weltweit nur wenige Großunternehmen übrig bleiben. "Und wir wollen konsolidieren, nicht konsolidiert werden", betont Sturm.

Seit seinem Amtsantritt hat Fresenius Übernahmen und Kapitalerhöhungen gestemmt und den Umsatz auf 28 Milliarden Euro fast vervierfacht. Kritiker nennen den Konzern den "Finanzinvestor der Gesundheitsbranche". Sturm findet das übertrieben. "Die Ausrichtung an der Kapitalrendite schadet nicht, solange sie nicht das einzige Kriterium ist." Investoren sind mit dem Kurs zufrieden. Der Wert der Fresenius-Aktie hat sich seit Sturms Amtsantritt fast verachtfacht. Das Unternehmen, das aus der Frankfurter Hirsch-Apotheke hervorgegangen ist, ist zu einem global aktiven Firmenkonglomerat gewachsen. Banker finden es beachtlich, dass Fresenius viele Fusionen und Übernahmen (M&A) mit einem kleinen Experten-Team durchzieht, meist geräuschlos und ohne externe Hilfe. "M&A ist schließlich kein Hexenwerk", sagt Sturm dazu. "Banker als Berater engagieren wir nur, wenn es die Rahmenbedingungen erfordern." Als sich Sturm und eine Handvoll Kollegen 2013 mit Managern des Konkurrenten Rhön-Klinikum treffen, um über den Kauf zahlreicher Rhön-Kliniken zu verhandeln, sitzt auf Fresenius-Seite außer Sturm kein Banker mit am Tisch.

Zurück in die Finanzbranche zieht es ihn nicht. "Bei Fresenius erlebe ich eine andere Art von Vielfalt." Zudem genießt es Sturm, dass er nicht mehr nur auf der Jagd nach dem nächsten Deal ist. "Als Banker konnte ich die nächste Woche planen, die übernächste Woche vielleicht noch zu 50 Prozent", erzählt er. "Heute habe ich ein sehr viel besser planbares Leben."

(rtr)
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