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Komplizierte Tarifverhandlungen
Das große Ringen um die 28-Stunden-Woche

Tarif 2018: IG Metall und Arbeitgeber streiten über 28-Stunden-Woche
IG-Metall-Bezirksleiter Knut Giesler (l.) und der Verhandlungsführer der Arbeitgeber, Arndt Kirchhoff, in einem VIP-Raum des Signal Iduna Park in Dortmund. FOTO: dpa, bt fgj
Dortmund. Normalerweise streiten IG Metall und Arbeitgeber hinter verschlossenen Türen über Lohnerhöhungen und Arbeitszeiten. In Dortmund durfte mit einem Reporter unserer Redaktion erstmals ein Außenstehender dabei sein. Von Maximilian Plück

Die Stimmung vor dem Signal-Iduna-Park in Dortmund ist aufgeheizt. Einige BVB-Anhänger, die sich im Fan-Shop eindecken wollen, laufen staunend an der Truppe vorbei, die vor einer kleinen Bühne steht und lautstark den Simon-and-Garfunkel-Song "The Boxer" schmettert. Statt schwarz-gelber Trikots dominiert hier die Farbe rot auf Mützen, Schals und Plakaten.

Mehrere hundert IG Metaller haben sich vor dem Stadion versammelt, um für etwas zu trommeln, was die Arbeitgeber als Provokation empfinden: Sechs Prozent mehr Lohn und eine Absenkung der Arbeitszeit von 35 auf 28 Stunden pro Woche für zwei Jahre. Schichtarbeiter, Eltern kleiner Kinder und pflegende Angehörige sollen zudem einen Lohnausgleich enthalten.

Verkürzt sind das die Forderungen, mit der die IG Metall in die Tarifverhandlungen der größten Branche der Republik gestartet ist. 3,8 Millionen Menschen arbeiten in der Metall- und Elektroindustrie. Hier in Dortmund geht es um die 700.000 Beschäftigten des Bezirks NRW.

Trübe Atmosphäre

Knut Giesler, IG-Metall-Bezirksleiter, steht gut gelaunt wenige Meter von der Bühne entfernt. Gleich wird er die Mitglieder energisch auf die Tarifauseinandersetzung einschwören. Eigentlich ist der Gewerkschafter ja Schalke-Fan und damit auf feindlichem Terrain. Das nutzt Ralf Goller aus der IG-Metall-Geschäftsstelle Gelsenkirchen. Er zaubert aus einer weißen Plastiktüte zwei blau-weiße Schalke-Schals: "Einer für Dich und einer für Herrn Kirchhoff", sagt er zu Giesler. Denn der Präsident des Arbeitgeberverbands Metall NRW ist ebenfalls Schalker, hat sich als Gastgeber aber aus organisatorischen Gründen - sein enger Zeitplan sah vor der Verhandlung einen Termin bei einem lokalen Unternehmen vor - für das Dortmunder Stadion als Austragungsort der ersten Tarifrunde entschieden.

Tatsächlich hat Giesler den Schal dabei, als er vor dem Tagungsraum mit dem lyrischen Namen "Weiße Wiese" um 16.14 Uhr auf den Arbeitgebervertreter trifft. Auf jeder Seite des Saals stehen je drei Stuhlreihen, dazwischen zwei Leinwände, auf denen beide Lager später ihre Präsentationen zeigen. Die Vertreter der 26 NRW-Bezirke sind bereits da, als die IG Metaller den weiten Weg vom Stadionvorplatz durch die Katakomben zum Tagungsraum gefunden haben.

Wie bei einer Polonaise ziehen die Gewerkschafter an den Reihen der Arbeitgeber vorbei. Das freundliche Händeschütteln darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Atmosphäre zwischen den Lagern zuletzt eingetrübt hat. Die Arbeitgeber in Norddeutschland hatten vorgelegt und die aus ihrer Sicht unliebsame Forderung der Gewerkschaft nach der 28-Stunden-Woche schon mit einer Gegenforderung gekontert: Statt weniger fordern sie nun längere Arbeitszeiten, dazu niedrigere Überstundenzuschläge und eine längere Befristung. Man muss kein Tarifexperte sein, um zu erkennen, dass das von der IG Metall als Affront aufgefasst werden muss.

Giesler hat neben dem Schal noch ein weiteres Geschenk für Kirchhoff dabei: einen Wecker, der den Streitpunkt Nummer eins, die Arbeitszeit, symbolisieren soll.

Grundsätzlich einig

Nach einer kurzen Begrüßung schlägt zunächst die Stunde der Volkswirte: Beide Seiten legen aus ihrer Sicht die wirtschaftliche Lage dar. Grundsätzlich sind sie sich einig. IG-Metall-Tarifexperte Richard Rohnert bringt es auf die griffige Formel: "Wie man bei uns im Ruhrgebiet sagt: Läuft!" Allerdings suchen sich beide Seiten unterschiedliche Aspekte heraus. Die Arbeitgeber sprechen beispielsweise davon, dass die Stückkosten aus dem Ruder zu laufen drohen und dass es enormen Investitionsbedarf beim Thema Digitalisierung geben werde.

Nachdem Rohnert den fleißig mitschreibenden Arbeitgebervertretern die Forderungsteile dargelegt hat und Begriffe wie "tarifdynamischer Zuschuss" durch den Raum geflogen sind, wird Argumentations-Pingpong gespielt. Zunächst ergreift Gastgeber Arndt Kirchhoff das Wort: Die Branche sei die am besten bezahlende in Deutschland. "40.000 Euro direkt nach der Ausbildung - das ist nicht schlecht." Dann pflückt er die Arbeitszeitforderung auseinander. Alle im Raum wüssten, dass die Firmen zuerst an die Kunden denken müssten. "Wir wollen nicht an die 35-Stunden-Woche als Basis ran, aber darum pendeln können."

Arbeitgebervertreter wie Horst Gabriel aus Solingen berichten aus der Praxis: "Wir können manche Arbeiten nicht mehr erledigen, weil wir nicht mehr genügend Fachkräfte haben. Wenn wir dann noch Ihre 28-Stunden-Forderung erfüllen müssen, können wir den Laden gleich dicht machen."

"Wir halten das Arbeitszeitthema für sehr kritisch"

Der Ton wird angespannter, aber niemand fällt aus der Rolle. Auch die Gegenseite ist beherrscht, als Wolfgang Rasten, zweiter Bevollmächtigter von Köln-Leverkusen, kontert, die Arbeitgeber hätten sich den Fachkräftemangel aufgrund fehlenden Ausbildungswillens selbst zuzuschreiben.

So geht es einige Male hin und her. Und dann ergreift kurz vor Schluss Metall-NRW-Chef Kirchhoff noch einmal das Wort: "Wir wollen Sie gerne mit einer klaren Forderung nach Hause entlassen", sagt er freundlich. "Wir akzeptieren Ihre Forderung nicht. Wir sollten Dinge tun, die für mehr Tarifbindung sorgen. Wir halten das Arbeitszeitthema für sehr kritisch." Und dann gibt er den Gewerkschaftern die Gegenforderung mit auf den Weg. Verkürzt gesprochen sind auch dies längere Arbeitszeiten, niedrigere Überstundenzuschläge, eine längere Befristungsdauer und differenzierende Sonderregelungen für Unternehmen in Schieflage.

Giesler schlägt vor, man möge die Zeit bis zur nächsten Runde nutzen, um die Einzelforderung detaillierter vorzubereiten. Nach dreieinhalb Stunden ist die Auftaktrunde vorbei. Stoff für harte Auseinandersetzungen am 14. Dezember in Wuppertal haben beide Seiten reichlich im Gepäck.

Quelle: RP
 
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