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Interview mit TK-Chef Baas
"80 Prozent der Rücken-Operationen sind überflüssig"

TK-Chef Jens Baas: "80 Prozent der Rücken-Operationen sind überflüssig"
"Es ist nicht realistisch, dass auf Dauer allein die Arbeitnehmer den Kostenanstieg finanzieren", sagt Jens Baas. FOTO: dpa
Düsseldorf. Die Techniker Krankenkasse will 2016 den Zusatzbeitrag anheben. Das sagt Kassenchef Jens Baas im Interview mit unserer Redaktion. Zudem spricht er über Kostentreiber und nötige Änderungen im Gesundheitswesen. Von Antje Höning

Herr Baas, Sie tragen einen Fitness Tracker, einen Schrittzähler, am Handgelenk. Und, wie viel Schritte schaffen Sie am Tag?

Baas Als Büromensch schafft man im Schnitt 5000 Schritte. Das ist zu wenig, um fit zu bleiben. Da braucht man mindestens 10.000 Schritte. Deshalb habe ich mir ein Headset zugelegt und laufe beim Telefonieren im Büro um den Schreibtisch herum. Der Fahrstuhl ist auch tabu. So klappt es gut.

Viele Manager tragen diese Armbänder...

Baas Vielleicht weil sie so gerne Statistiken lesen. Die App zum Tracker speichert und wertet ja Unmengen Gesundheitsdaten über einen aus.

Die hätten die Krankenkassen sicher gerne, um den Beitrag an die Lebensführung der Versicherten anzupassen.

Baas Nein, ich bin dagegen, den individuellen Beitrag an das individuelle Gesundheitsverhalten zu koppeln. Allerdings müssen wir uns über den Datenschutz Gedanken machen. Und da ist es besser, wenn regulierte und kontrollierte Krankenkassen die Daten der Menschen sammeln als US-amerikanische Konzerne oder Start-ups. Vor allem müssen die Versicherten selbst entscheiden dürfen, wozu ihre Daten genutzt werden. Hier muss der Gesetzgeber handeln.

Derzeit liegt der allgemeine Beitragssatz bei 14,6 Prozent des Bruttolohns, der Zusatzbeitrag im Schnitt bei 0,9 Prozent. 2016 werden viele Kassen erhöhen. Was erwarten Sie?

Baas Ich rechne damit, dass wegen der steigenden Gesundheitskosten der Zusatzbeitrag im Schnitt auf 1,1 Prozent steigt. Zudem wird die Spanne zwischen günstigen und teuren Kassen größer.

Was plant die Techniker Krankenkasse?

Baas Auch wir werden unseren Zusatzbeitrag anheben müssen, weil wir seriös finanziert bleiben und nicht unsere Rücklagen antasten wollen. Derzeit nehmen wir 0,8 Prozent. Und wir arbeiten hart daran, auch unter dem neuen Branchendurchschnitt zu bleiben.

Das klingt nach 1,0 Prozent. Wann fällt die Entscheidung?

Baas Wir rechnen noch. Unser Verwaltungsrat wird am 11. Dezember entscheiden.

Ist es gerecht, dass nur die Arbeitnehmer die Beitragsanhebung schultern? Der Arbeitgeber-Beitrag ist bei 7,3 Prozent eingefroren.

Baas Es ist nicht realistisch, dass auf Dauer allein die Arbeitnehmer den Kostenanstieg finanzieren. Spätestens 2017, im Jahr der Bundestagswahl, wird diese Diskussion Fahrt aufnehmen.

Die steigenden Ausgaben setzen einzelnen Kassen stark unter Druck. Als Problemfall gilt die DAK. Werden Sie diese mal übernehmen?

Baas Zur Lage anderer Krankenkassen will ich mich selbstverständlich nicht äußern. Allgemein kann man sagen, dass der Fusionsdruck in der Branche steigt. Ich erwarte, dass wir bald weniger als 100 Krankenkassen haben. Derzeit sind es noch 123.

Warum steigt der Beitrag eigentlich? Die Konjunktur brummt doch.

Baas Ursachen für den Kostenanstieg sind der medizinische Fortschritt, die teilweise ungerechtfertigte Ausweitung der Leistungen und auch die Alterung der Gesellschaft. Und diese Faktoren wirken langfristig.

Was heißt das für den Beitragssatz der Zukunft?

Baas Allein aufgrund der demografischen Entwicklung droht der Beitrag bis zum Jahr 2050 auf 20 Prozent des Einkommens zu steigen. Berücksichtigt man Kosten von Fortschritt und Leistungsausweitung, landen wir bei 50 Prozent. Theoretisch. Denn das kann und will niemand bezahlen.

Was muss geschehen?

Baas Entweder wir bereinigen die Landschaft und trennen uns von schlechten Kliniken und überflüssigen Arzneien – oder die Leistungen müssen rationiert werden. Dann gäbe es eben ab 75 keine neue Hüfte mehr und Psychotherapie auch nur noch für schwere Fälle. Das lehne ich jedoch strikt ab.

Bislang ist noch jeder Gesundheitsminister beim Versuch gescheitert, Krankenhäuser zu schließen...

Baas Wir dürfen nicht die Klinik-Zahl vorgeben, sondern die Qualität. Dann regelt sich vieles andere fast von selbst. Und Qualitätsmanagement heißt nicht nur: Operiert der Arzt gut? Sondern zuallererst auch: Ist die Operation überhaupt nötig? Hier haben Stichproben Ergebnisse geliefert, die aufhorchen lassen.

Nämlich?

Baas 80 Prozent der Rücken-Operationen sind demnach überflüssig. Hier schafft sich offenbar ein Überangebot an Chirurgen seine Nachfrage. Patienten, denen der erste Arzt eine Rücken-Operation empfohlen hat, kamen nach Meinung eines zweiten Arztes auch mit Physiotherapie und anderen konservativen Methoden aus. Das ist übrigens im Sinne der Patienten, denn eine Operation am Rücken ist keine Kleinigkeit.

Was muss der Gesetzgeber tun?

Baas Vor planbaren Eingriffen, zu denen auch der Einsatz einer künstlichen Hüfte oder eine Herzkatheter-Untersuchung gehören, sollte eine Zweitmeinung eingeholt werden. Dadurch ließen sich viele sinnlose Operationen vermeiden – zum Wohle der Patienten.

Kostentreiber ist auch die Pharmaindustrie. Was muss hier passieren?

Baas Aus Sicht der Pharmaunternehmen ist es verständlich, dass sie versuchen, so viel Geld wie möglich mit Arzneimitteln zu verdienen. Doch der Gesetzgeber muss einen Rahmen schaffen, damit die Kassen gegenhalten können. Ein Tumormedikament ist kein Auto, bei dem Angebot und Nachfrage den Preis regeln können. Ein System, das durch Zwangsumlagen finanziert wird, kann nur sozial tolerierte Gewinne bezahlen.

Das heißt konkret?

Baas Das Zugeständnis an die Unternehmen, im ersten Jahr nach Zulassung eines neuen Medikaments jeden beliebigen Preis verlangen können, auch wenn dem Mittel später kein Zusatzbutzen bescheinigt wird, muss beschnitten werden. Es darf nicht ein Jahr lang Weihnachten für Pharmakonzerne geben. Wenn sie und die Kassen einen Höchstpreis ausgehandelt haben, muss der auch rückwirkend vom Tag der Markteinführung an gelten. So ließe sich bei gleicher Qualität viel Geld sparen.

Und was ist mit den niedergelassenen Ärzten?

Baas Ärzte sollen gut verdienen, Aber sie sollen sich auch besser über Land und Fachrichtungen verteilen. In Hamburg gibt es mehr Psychotherapeuten als Hausärzte. Und trotzdem gibt es lange Wartezeiten. -Da stimmt ganz offenkundig etwas nicht.

Was ist zu tun?

Baas Derzeit gilt: Je mehr ein Mediziner mit Geräten arbeitet und je weniger am Patienten, desto besser verdient er. Deshalb stehen Radiologen beim Honorar-Ranking immer oben und Hausärzte unten. Umgekehrt müsste es sein. Statt den Ärzten Pauschalen für Patienten zu zahlen, sollten wir ihnen die Zeit vergüten. Da ständen Hausärzte, die sich für ihre Patienten Zeit nehmen, plötzlich ganz anders da.

Am Freitag berät der Bundestag ein Korruptionsgesetz. Brauchen wir das?

Baas Ja. Zwar hat sich in den vergangenen Jahren viel beim Selbstverständnis der Ärzte getan. Dennoch ist das Signal wichtig: Wir dulden keine Bestechung. Ich erwarte zwar keine Welle von Prozesse, die weit überwiegende Mehrheit arbeitet ehrlich und engagiert. Doch natürlich gibt es auch unter Ärzten schwarze Schafe, und die lassen sich dann leichter bestrafen.

Mit Jens Baas sprach Antje Höning.

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