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Essen/Lausitz
Tschechen übernehmen ostdeutsche Braunkohle

Essen/Lausitz. Daniel Kretinsky besitzt einen Fußballverein und künftig auch Tagebaue. Die Essener Steag geht leer aus. Ein Schlag für die Gewerkschaft IG BCE. Von Antje Höning

Daniel Kretinsky ist eine schillernde Persönlichkeit. Der 40-jährige Jurist gilt als einer der reichsten Tschechen. Er sammelt Kunst und italienische Sportwagen, er ist Mitbesitzer des Fußballvereins Sparta Prag - er weiß die schönen Dinge des Lebens zu genießen. Und nun hat er Millionen in die Vergangenheit investiert: Kretinsky und sein Unternehmen EPH (Energetick Prumyslov Holding) haben den Zuschlag für das zweitgrößte deutsche Braunkohle-Revier erhalten.

Der schwedische Konzern Vattenfall hatte bereits vor Längerem seine vier Tagebaue, drei Braunkohle-Kraftwerke in Brandenburg und Sachsen sowie die Beteiligung am Kraftwerk im sächsischen Lippendorf zum Verkauf gestellt.

"Wir sind sehr zufrieden mit der Lösung", sagte Vattenfall-Chef Magnus Hall. Der Konzern erhöhe seinen Anteil an klimafreundlicher Stromproduktion damit von 50 auf 75 Prozent. Braunkohle ist der Energieträger, bei dessen Verfeuerung das meiste Kohlendioxid (CO2) entsteht. Die rot-grüne Regierung in Stockholm hatte Vattenfall zuvor das Ziel vorgegeben, mehr erneuerbare Energien anzubieten.

Wegen der Malaise der deutschen Braunkohle-Kraftwerke hatte es zwischenzeitlich so ausgesehen, als würde Vattenfall seine Beteiligung gar nicht loswerden. Die Großhandelspreise sind um zwei Drittel eingebrochen, fast überall in Deutschland schreiben Braunkohle-Blöcke rote Zahlen, zumal die Produktionskosten nicht gesunken sind.

Warum tut ein smarter Typ wie Kretinsky sich das an? Aus Mangel an Alternativen. Und der Hoffnung, mit deutscher Kohle Kohle zu machen, solange diese noch als Brückentechnologie benötigt wird, wie er in Interviews selbst gesagt hat. Der tschechische Heimatmarkt ist weitgehend in der Hand des staatlichen Konkurrenten CEZ. Zudem hat Tschechien bereits seit langem die weiteren Fördergebiete begrenzt. EPH versucht seit langem, im deutschen Markt Fuß zu fassen und wollte einst schon die Steag kaufen.

Zudem soll die Lausitz am Ende ein Schnäppchen gewesen sein. In Branchenkreisen ist die Rede davon, EPH habe unterm Strich 50 Millionen Euro gezahlt. Die Unternehmen wollten sich dazu nicht äußern. Klar ist, dass EPH Anlagen mit einem Buchwert von 3,4 Milliarden Euro übernimmt und die in der deutschen Vattenfall befindlichen Barmittel von 1,7 Milliarden Euro erhält. Zugleich übernimmt EPH aber auch Milliarden-Verpflichtungen für Pensionen und Rekultivierung. Die Krater, die die Braunkohle-Bagger hinterlassen, müssen aufwendig rekultiviert werden.

Für die Gewerkschaft IG BCE ist die Entscheidung ein herber Schlag. Sie hatte darauf gesetzt, dass der Essener Versorger Steag den Zuschlag erhält. So hoffte Gewerkschafts-Chef Michael Vassiliadis, die 8000 Braunkohle-Jobs in der Lausitz zu retten. An diesen hängen rund 16.000 weitere Arbeitsplätze bei Zulieferern.

Da die Steag aber gar kein Geld für große Sprünge hat, wollten sie und die IG BCE, dass die ostdeutsche Braunkohle in eine Stiftung überführt wird und die Steag die Anlagen von Vattenfall gegen eine Betriebsführungsgebühr betreibt. Das hätte zugleich die künftigen Geschäfte der Steag gesichert, bei der Vassiliadis stellvertretender Aufsichtsrats-Chef ist. Die Schweden winkten dankend ab.

Nun fordern IG BCE und Betriebsräte Job-Sicherung. "Alle Tarifverträge müssen auch nach dem Eigentümerwechsel gültig bleiben. Das gilt genauso für den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen bis mindestens 2020", erklärte Vassiliadis. Darüber hinaus erwarte man eine Unternehmensstrategie, die der Bedeutung der Braunkohle für die Region Rechnung trage.

Greenpeace übte Kritik am Verkauf an den tschechischen Versorger. Dieser löse keine Problem. Die Umweltschutzorganisation hatte selbst ein Gebot abgegeben. Sie hätte die Tagebaue nach einem Zuschlag rasch stillgelegt.

Quelle: RP
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