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AB 6040 von München nach Düsseldorf
Mein letzter Flug mit Air Berlin

AB 6040: Mein letzter Flug mit Air Berlin
Bald zum Einsteigen bereit: Flug AB 6040 in München. FOTO: Oliver Burwig
Düsseldorf. Flug AB 6040. Planmäßiger Abflug: 18.10 Uhr in München. Planmäßige Ankunft: 19.20 Uhr in Düsseldorf. Ganz normale Flugdaten eigentlich. Doch dieser Flug ist besonders. Von letzten Chancen, Schoko-Herzen und Tränen zum Abschied. Von Oliver Burwig

Die Augen des kleinen Jungen im grünen Pullover werden wieder weit. "Papa, wir sind im Himmel", ruft er seinem Vater zu. Der Mann mit den kurzen, grauen Haaren wirkt erschöpft und antwortet nicht mehr auf jede laute Erkenntnis, die sein vielleicht fünfjähriger Sohn neben ihm hat.

Aus dem Fenster blicke ich an beiden vorbei auf einen dunkelblauen Wolkenteppich. Es ist gleich 19 Uhr, und die Sonne ist für die Menschen Tausende Meter weiter unten schon untergegangen. Hier oben sieht man noch ihr stechendes, orangefarbenes Licht am Horizont. Ich muss gähnen, der Druck auf den Ohren lässt nach, und ich höre wieder das monotone Pfeifen der Triebwerke.

Der traurige Abschied der Air Berliner in Düsseldorf

Es ist erst der sechste Flug meines Lebens. Ich bin Passagier einer A 320 auf ihrem letzten Flug als Air-Berlin-Maschine. Ein Flug wie Hunderttausend andere – bis auf die Begleitumstände.

Es ist nicht der asiatische Geschäftsmann, der im fast menschenleeren Wartebereich am Gate mit Kopfhörern und geschlossenen Augen auf einer Bank sitzt. Nicht der kahlgeschorene Herr auf dem Platz links vor mir, der sich, vielleicht wegen eines Nervenleidens, vielleicht aus Flugangst, immer wieder kurz aus seinem Sitz nach vorne wirft und dann wieder anlehnt. Nicht die Frau über den Gang rechts neben mir, die "Candy Crush" auf ihrem Smartphone spielt. Fast egal auch, dass mir kurz vor dem Start meine Tasche auf den Kopf fällt, die ich über mir in die Gepäckablage gestopft hatte. Ein Mann hinter mir muss sich das Grinsen verkneifen.

Abschied von Air Berlin am Düsseldorfer Flughafen FOTO: Hans-Juergen Bauer

Ich kann nur ein Wort verstehen: Arbeitsamt

Auffälliger sind schon eher die beiden Boulevardjournalisten: ein dicker Mann mit Mecki-Frisur und ein etwa 40-Jähriger mit Tarnjacke und Turnschuhen. Der Bürstenkopf ist Fotograf, er knipst seinen Kollegen, wie dieser sich in den Gang stellt und Grimassen schneidet. Als zwei blonde Flugbegleiterinnen mit dem Servierwagen vorbeikommen, bestellen sich die Männer Getränke in Plastikbechern. Die beiden Frauen bugsieren den Wagen mit Dosenbier und Süßigkeiten weiter. Beide wirken müde. Sie lächeln trotzdem, wenn jemand sie anspricht. Sie tragen einen Dutt und tadellose, dunkelblaue Jacken zu altmodischen, dunkelblauen Röcken. Ich frage mich, ob es auf dem knapp einstündigen Flug kostenlosen Kaffee gibt.

Kurz bevor die beiden Frauen mich erreichen, marschiert aus Richtung des Cockpits eine ihrer Kolleginnen auf sie zu. Sie hat dunkle Haare, bei jedem Schritt wirft sie zackig eine Schulter zurück. Die beiden Frauen halten an, unterhalten sich kurz mit ihr. Der Ohrendruck ist zurück, ich kann nur ein Wort verstehen: "Arbeitsamt". Die Damen lachen, die Dunkle geht zurück in Richtung Cockpit, und die beiden anderen schieben und ziehen ihren Wagen weiter.

"Macht das Flugzeug die Wolken kaputt?", fragt der Junge links von mir. "Nein", sagt der Vater. "Doch, doch!", sagt der Kleine. "Die Wolken sind aber aus Wasser", antwortet der genervte Vater. "Aus Wasser?" Der Junge spielt mit dem Malbuch herum, das die Flugbegleiterinnen an die vier Kinder im Flugzeug verschenkt haben. Dabei starrt er an die Plastik-Rückseite des Sessels vor ihm. Jeder zweite Sitz ist leer, die Stewardessen können sich über die Polster beugen, um den Passagieren ihre Becher zu reichen oder abzunehmen. "Letzte Chance!", ruft die eine von ihnen scherzhaft, als sie an mir vorbeikommt. Die andere lacht. "Letzte Chance", wiederholt sie nachdenklich. Die Maschine geht in den Sinkflug.

19.27 Uhr, wir sind gelandet. Die Boulevard-Männer stehen in der Gangway und machen Bilder von jedem der aussteigenden Menschen. Einige posieren grinsend für die Kamera, bis der Fotograf sie mit einem "Weiter!" verjagt. "Klaus!", ruft sein Kollege einem älteren Passagier zu, der gerade aus der niedrigen Flugzeugtür tritt. Klaus bleibt kurz stehen und lächelt für das Foto. In der Hand hält er sein Air-Berlin-Schokoladenherz, in rote Alufolie gewickelt.

Die Stewardessen hinter ihm wünschen den Fluggästen einen schönen Abend. Eine von ihnen hat Tränen in den Augen.

(bur)
 
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