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Essay
Die Digitalisierung spaltet die Gesellschaft

Amazon und Poststreik: Die Digitalisierung spaltet die Gesellschaft
FOTO: dpa, cch lof rho sab
Meinung | Düsseldorf. Wegen der Streiks bei der Post müssen die Menschen länger auf ihre Pakete warten. Nur Amazon Prime-Kunden werden pünktlich beliefert. Das Beispiel zeigt, welche Folgen die Digitalisierung für unsere Gesellschaft haben kann – und warum wir dies nicht einfach so hinnehmen dürfen. Von Florian Rinke

"Vielen Dank für Ihre Bestellung", heißt es am Freitag, 12. Juni 2015, um 15 Uhr in der Mail von Amazon. Und außerdem: "Lieferung voraussichtlich: Samstag, 13. Juni 2015". Keine 24 Stunden liegen zwischen Bestellung und Auslieferung. Dabei wird die Post seit Tagen bestreikt, Tausende Briefe und Pakete bleiben seitdem liegen – außer Sendungen von Amazon-Prime-Kunden. Die Post behandelt sie bevorzugt, fischt ihre Pakete aus dem langen Strom der Päckchen heraus und tut alles, damit sie pünktlich beim Kunden ankommen. Dafür bezahlt der Kunde schließlich. Dafür bezahlt Amazon. Dafür müssen andere eben etwas länger warten.

Es ist ein weiteres Zeichen dafür, dass mit der Digitalisierung eine immer ausgeprägtere Spaltung der Gesellschaft einhergeht. Die Zeiten, in denen der Spruch der drei Musketiere "Alle für einen und einer für alle" noch galt, sind jedenfalls längst vorbei. Inzwischen kämpft jeder für sich allein. Das ist bitter für die, die dabei auf der Strecke bleiben, die in der neuen Zwei-Klassengesellschaft auf der falschen Seite stehen – und am Ende des Tages ist es sogar gefährlich für unsere Demokratie.

Bislang gab es in unser Gesellschaft einen Grundkonsens: Leistung muss sich lohnen, aber für alle soll gesorgt sein. Also schufen wir ein Gesundheitssystem, das nicht perfekt ist, aber doch jedem ermöglichte, im Krankheitsfall einen Arzt aufsuchen zu können, ohne den finanziellen Ruin befürchten zu müssen. Wir schufen einen Arbeitsmarkt, auf dem Leistung durch Aufstieg und höhere Gehälter belohnt werden; Schwächere sichern wir jedoch ab und verhindern, dass sie in Armut und Verelendung landen. Wir schufen ein Straßen- und Telefonnetz, das alle Menschen gleichermaßen benutzen können – und in dem niemand bevorzugt wird, nur weil er sich ein teureres Auto oder Telefon leisten kann. Und natürlich sind auch vor Gericht alle Menschen gleich.

Doch dieser Gesellschaftsvertrag wird brüchig. Die Tradition, wonach es für die gleiche Arbeit den gleichen Lohn gibt, haben die Unternehmen angesichts eines verschärften globalen Wettbewerbs, der sich auch durch die Digitalisierung beschleunigt, aufgekündigt. Auch die Post versucht diesen Schritt gerade zu gehen, in dem sie 6000 Mitarbeiter im Paket-Geschäft ausgliedern und schlechter bezahlen will. Dass der Konzern gleichzeitig in diesem Jahr einen Gewinn von bis zu 3,2 Milliarden Euro anpeilt und die Dividenden für die Aktionäre seit Jahren steigen, scheint dabei egal: Stattdessen verweist die Post lieber auf Wettbewerber, die ihre Mitarbeiter zu noch schlechteren Bedingungen bezahlen. Der Online-Handel, der die Zahlen der versendeten Pakete hochschnellen lässt, macht das Geschäft lukrativ – und sorgt gleichzeitig für einen enormen Preiskampf, weil viele Online-Händler den Kunden einen kostenlosen Versand inklusive Retour versprechen. Dieses Geld muss natürlich an anderer Stelle gespart werden. Zum Beispiel bei den Paket-Zustellern.

Es ist nicht das einzige Beispiel:

Immer wieder versuchen Telekommunikationskonzerne, die Netzneutralität aufzuweichen. Sie wollen bestimmte Dienste schneller durch das Internet schicken – natürlich gegen Bezahlung. Auf der Strecke bleiben kleine Unternehmen und Nutzer, die sich das nicht leisten können. Seit Jahren versucht die Netzgemeinde daher, jede Form eines Zwei-Klasseninternets zu verhindern. Wohin es führen würde, zeigt der Post-Streik exemplarisch: Finanzkräftige Online-Konzerne wie Amazon erkaufen sich Vorteile, was dazu führt, dass noch mehr Menschen lieber auf ihre Angebote zurückgreifen. Vielfalt und wirklicher Wettbewerb bleibt so auf der Strecke.

Krankenkassen beginnen damit, ihren Kunden spezielle Tarife anzubieten, wenn sie im Gegenzug ihre Gesundheit mit digitalen Fitness-Armbändern überwachen. Das fatale: Je mehr Leute mitmachen, umso größer wird der Druck auf all diejenigen, die sich dem entziehen wollen. Denn warum sollten sie das tun? Sind sie etwa nicht gesund und haben etwas zu verbergen? Profitieren werden am Ende vor allem diejenigen, die genug Geld haben, um sich ein gesundes Leben leisten zu können – Geld für das Fitnessstudio, die Bio-Nahrung, den Wellness-Urlaub zum Entspannen. Wer aufgrund körperlich harter Arbeit schon früh gesundheitliche Probleme hat, mit psychischen Problemen kämpft oder aus irgendeinem anderen Grund einfach nicht so leistungsstark ist, hat Pech. Er muss mehr bezahlen, weil er in den Augen des Algorithmus ein größeres finanzielles Risiko für die Krankenkasse darstellt. Es wäre die totale Ökonomisierung des Menschen.

Und wie frei sprechen wir noch – wenn wir permanent davon ausgehen müssen, dass wir überwacht werden? Gesetze wie das Briefgeheimnis sichern uns den Schutz unserer Privatsphäre zu. Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist grundgesetzlich verbrieft. Doch was ist, wenn nicht mehr Staaten, sondern Konzerne die Regeln festlegen. Wenn Algorithmen unliebsame Beiträge in unserer Timeline unterdrücken können und wir bei jeder Mail, die wir schreiben, Angst haben müssen, dass sie mitgelesen und ausgewertet wird? Und wo wir gerade dabei sind: Können wir im Netz noch frei sprechen, wenn wir Angst haben müssen, dass jede Aussage ein Leben lang gespeichert und irgendwann gegen uns verwendet werden kann? Wird so nicht jede Individualität vernichtet, jede Form der freien Meinungsäußerung erschwert – weil man sich immer einer Phalanx von Millionen öffentlichen Online-Richtern gegenüber sieht, die meine abweichende Meinung mit einem Shitstorm ersticken wollen?

Es ist wichtig, dass wir uns diese Gefahren bewusst machen. In vielen Ländern der Welt sterben tagtäglich Menschen bei ihrem Kampf für mehr Freiheit. Wir müssen sie nur noch verteidigen. Der Philosoph John Rawls sprach einst vom "Schleier des Nichtwissens", der maßgeblich sein sollte für die Frage, wie eine Gesellschaft aussehen sollte: Wenn der Mensch nicht wüsste, welche Stellung er in einer Gesellschaft einnehmen würde, so Rawls Theorie, würde er sie möglichst gerecht machen. Im Grunde gilt Rawls Botschaft auch für die digitale Zukunft: Wie soll die Welt aussehen, in der wir künftig leben wollen? Wer legt ihre Regeln fest? Und wäre es nicht gut, wenn wir selbst dafür sorgen könnten, dass die Welt möglichst gerecht ist? Dafür würde es sich sogar lohnen, auf das Päckchen einen Tag länger zu warten.

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