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AOK-Bundesverbandschef Jürgen Graalmann im Interview
Kassenpatienten werden preisbewusster

IGel-Hilfe: Selbst zahlen, oder nicht?
IGel-Hilfe: Selbst zahlen, oder nicht? FOTO: dpa, Patrick Pleul
Düsseldorf. Der Chef des AOK-Bundesverbandes spricht über die Neigung der Krankenversicherten, ihre Kasse zu wechseln, und über die geplante Krankenhausreform. Er fordert, Kliniken mit schlechten Leistungen das Handwerk zu legen. Von Eva Quadbeck

Erwarten Sie durch die Umstellung der Beitragssätze reihenweise Kassenwechsel der Versicherten?

Graalmann Nein. In der alten Welt bis 2009, als noch alle Kassen ihren Beitragssatz selbst bestimmten, wechselten jährlich rund fünf Prozent der Versicherten. Damals gab es eine Beitragssatzspanne zwischen 13,7 und 17,4 Prozent. Der pauschale Zusatzbeitrag, der 2010 erstmals erhoben wurde, sorgte bei den betroffenen Kassen dafür, dass zehn Prozent der Mitglieder die Kasse verließen. Ab 2015 werden wir nun einen prozentualen Zusatzbeitrag haben. Die Preisspanne der Krankenkassen liegt aber bei nur etwa einem Prozentpunkt. Das wird kein Wechselfieber erzeugen.

Ist die Wechselfreudigkeit der Versicherten nicht größer geworden?

Graalmann Wir beobachten schon ein erhöhtes Preisbewusstsein. Und wegen der Umstellung zum Jahresbeginn gibt es für das Thema auch eine hohe Aufmerksamkeit. Trotzdem wird das Wechselverhalten aber geringer sein als 2010. Nach einer Umfrage unter unseren Versicherten entscheiden nur etwa zehn Prozent die Kassenwahl nach dem Beitragssatz. Die Übrigen schauen sinnvollerweise auf Stabilität, Verlässlichkeit, Qualität und Nähe.

Welche Prognose stellen Sie dem Beitragssatz in den kommenden Jahren?

Graalmann Es gibt ein grundsätzliches Problem: In den letzten Jahren sind die Ausgaben doppelt so schnell gestiegen wie die Einnahmen. Das produziert jedes Jahr eine durchschnittliche Beitragssatzsteigerung über alle Kassen von 0,2 oder 0,3 Prozentpunkten. Ich gehe davon aus, dass die Rücklagen bald aufgezehrt sein werden und im Jahr der nächsten Bundestagswahl der durchschnittliche Zusatzbeitrag deutlich höher liegen wird. Dann kann sich durch den höheren Durchschnittsbeitragssatz zwar auch auch eine höhere Spanne der Kassenbeitragssätze ergeben, wir als AOK sind aber grundsätzlich gut aufgestellt.

Welche Änderungen kommen auf die Versicherten durch die Krankenhausreform zu?

Graalmann Die Notwendigkeit einer Krankenhausreform ist offenkundig. Es gebührt der Regierung zwar Lob, dass sie das Thema endlich angeht, aber was bisher dazu geplant ist, reicht definitiv nicht aus. Kliniken haben wirtschaftliche Probleme, weil die Länder jahrelang ihren Investitionsverpflichtungen nicht nachgekommen sind. Es gibt aber auch qualitative Mängel. Egal, ob Hüfte, Knie oder Blinddarm - da gibt es erhebliche Qualitätsunterschiede. So sind etwa bei Hüftgelenk-OPs im Viertel der schlechtesten Kliniken mehr als doppelt so viele Patienten von Komplikationen betroffen wie im besten Viertel der Kliniken.

Wird es denn besser werden?

Graalmann Vorgesehen ist, dass Qualitätsanforderungen auch in die Krankenhausplanung einfließen sollen. Das ist ein richtiges Vorhaben. Leider sind die Eckpunkte der Krankenhausreform dazu jedoch bisher völlig wachsweich gehalten. Nötig ist, dass verbindliche Qualitätsmindeststandards formuliert werden, ohne deren Einhaltung keine Leistungen abgerechnet werden dürfen. Wenn Kliniken tatsächlich qualitativ unzureichende Leistungen erbringen, dann reichen auch keine Abschläge aus, dann darf das Krankenhaus die entsprechende Operation oder Behandlung schlicht nicht mehr erbringen. Ich will gute Qualität für unsere Versicherten und nicht für schlechtere Qualität weniger bezahlen.

Das heißt, für die Versicherten wird sich nicht viel ändern?

Graalmann Genau. Der Qualitäts-und Patientenorientierung ist mit den bisherigen Ankündigungen noch kein Dienst erwiesen. Deshalb muss die Krankenhausplanung der Länder auf mehr Qualität verpflichtet werden. Auswahl gibt es zuhauf, aber höchste Qualität ist nicht immer garantiert. Beispiel Ratingen: Bei einer Anfahrtszeit von rund 30 Minuten findet man hier 66 Krankenhäuser, die bei Bedarf ein neues Kniegelenk einsetzen.

Ist es denn in Ordnung, dass die Regierung die Krankenhausreform mit Beitragsgeldern finanzieren will?

Graalmann Grundsätzlich sind die Krankenkassen bereit, in die Klinik-Strukturen zu investieren. Es macht aber keinen Sinn, Beitragsmittel in eine Reform zu investieren, bei der keine strukturellen Änderungen zu erkennen sind. Der Beitragszahler soll im Rahmen dieser Krankenhausreform kräftig zur Kasse gebeten werden, aber ohne dass er als Patient einen erkennbaren Nutzen davon hat. Das geht nicht. Zumal ich bezweifle, dass die geplanten Gesamtkosten der Reform von 3,7 Milliarden Euro in drei Jahren realistisch angesetzt sind. Ich rechne eher mit fünf Milliarden Euro.

Gehen Sie davon aus, dass sich durch die Termingarantie beim Facharzt wirklich etwas ändern wird?

Graalmann Ich gehe davon, dass bereits die Ankündigung des Gesetzes die Lage für die Versicherten verbessert. Die Versicherten erwarten zu Recht, dass sie innerhalb von vier Wochen einen Facharzttermin bekommen, wenn dieser medizinisch notwendig ist. Die AOK Rheinland/Hamburg hat schon seit Jahren sehr gute Erfahrungen damit gemacht, dass sie selbst innerhalb von drei Tagen einen Facharzttermin vermittelt. Wir machen das in einem sehr kooperativen Verhältnis mit den Ärzten. Diesen Service wollen wir weiter anbieten.

Sie trauen dem Termin-Garantie-Gesetz also nicht?

Graalmann Nein, das ist kein Misstrauensvotum. Wir bieten unseren Versicherten auch andere Serviceleistungen an wie Behandlungsfehlermanagement oder Zweitmeinungsverfahren. Wir sehen das Gesetz daher eher als Bestätigung für unsere bisherigen Aktivitäten.

EVA QUADBECK FÜHRTE DAS INTERVIEW.

Quelle: RP
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