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Mittelschicht zahlt Umverteilung
Arm und Reich in Deutschland

Wie die Presse über das Hartz-IV-Urteil stritt
Wie die Presse über das Hartz-IV-Urteil stritt FOTO: AP
Düsseldorf (RP). Die Ungleichheit beim Einkommen in Deutschland nimmt zwar zu, doch der Staat korrigiert das durch eine kräftige Umverteilung. Dafür muss auch die Mittelschicht zahlen. Von Antje Höning

Die Hartz-IV-Debatte befeuert auch eine Lieblingsdebatte der Deutschen: Wie gerecht sind Einkommen und Vermögen verteilt? "Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer", meinen viele. In mancher Hinsicht haben sie recht. In vielen Industrieländern hat in den vergangenen 20 Jahren die Ungleichheit zugenommen, wie die aktuellste Studie der Industrieländer-Organisation OECD zeigt. Am stärksten legte so die Ungleichheit in Norwegen, Kanada, den USA und Deutschland zu, haben die Forscher im Vergleich der 30 größten Industrieländer ermittelt.

Ökonomen beurteilen die Verteilung in einem Land anhand des sogenannten "Gini-Koeffizienten". Ein Wert von null bedeutet totale Gleichverteilung – alle haben dasselbe. Ein Wert von eins heißt: totale Ungleichverteilung – einer hat alles, die anderen nichts.

In Deutschland lag der Gini-Koeffizient nach der Studie von 2008 (aktuellster Wert) bei 0,29. Zwanzig Jahre zuvor hatte er 0,25 betragen. Das zeigt, dass die Einkommen nun ungleicher verteilt sind. Eine Ursache ist der starke Anstieg der Arbeitslosigkeit bis 2005. Zudem hat die Globalisierung einfache Arbeit unattraktiv gemacht. Die Löhne für Einfachjobs etwa in Handel, Sicherheits- und anderen Dienstleistungsbranchen sind relativ gefallen, die sinkende Tarifbindung der Betriebe tut ein Übriges.

Doch von frühkapitalistischen Zuständen bleibt Deutschland weit entfernt. Im internationalen Vergleich liegen wir weiter im Mittelfeld (siehe Grafik). Zudem hat die Ungleichheit nur bei den Markteinkommen zugenommen, also bevor der Staat seine gewaltige Umverteilungsmaschine angeworfen hat. Nach staatlicher Umverteilung liegt der Gini-Koeffizient laut Armutsbericht der Bundesregierung doch wieder nur bei 0,25.

Finanziert wird die Umverteilung vor allem durch Gutverdiener: Die zehn Prozent bestverdienenden Bürger zahlen mehr als 50 Prozent der Einkommensteuer. Die unteren 20 Prozent zahlen fast nichts. Auch die Mittelschicht ist – vor allem durch die "kalte Progression" – mehr belastet worden. Im Jahr 1993 stemmten die oberen 30 Prozent der Einkommenbezieher 68 Prozent der Steuern. Zehn Jahre später waren es 72 Prozent, so das Institut der deutschen Wirtschaft.

Ein echtes Problem ist dagegen die ungleiche Verteilung des Vermögens. Zumal in der schrumpfenden Gesellschaft eigentlich immer mehr Deutsche später ihren Ruhestand aus Vermögen finanzieren sollten. Laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung haben zwei Drittel der Bevölkerung keine oder nur geringe Werte (Immobilien, Wertpapiere, Sparbücher). Das reichste Zehntel hält dagegen 60 Prozent des Nettovermögens.

Auch die Vermögens-Verteilung lässt sich durch den Gini-Koeffizienten messen. Er liegt für Deutschland bei 0,79 und damit höher als der internationale Durchschnitt. In Deutschland sind die Vermögen also ungleicher verteilt als in vielen anderen Ländern der Welt.

Sollte der Staat jetzt also eine Vermögensteuer einführen? Sicher nicht. Kapital ist ein scheues Reh, heißt es. Es flieht, wenn es sich bedrängt fühlt, außer Landes. Das ist in Zeiten von Steuer-CDs zwar schwieriger geworden. Doch auch legal lässt sich Vermögen im Ausland oft besser anlegen als in einem Land mit Vermögensteuer. Sinnvoller ist es, dafür zu sorgen, dass Arme ein anderes Kapital ansammeln können – Humankapital, das Wissen in den Köpfen. Je besser die Ausbildung, desto höher das Einkommen und damit die Chance, Vermögen aufzubauen. Die beste Vermögenspolitik ist demnach eine gute Schul- und Arbeitsmarktpolitik.

"Die Erhöhung von Steuernzur Bekämpfung der Ungleichheit kann nur eine temporäre Maßnahme sein", heißt es auch im OECD-Bericht. "Die Industriestaaten müssten größere Anstrengungen unternehmen, um die Menschen in Beschäftigung zu bringen, anstatt auf Arbeitslosenunterstützung zu setzen", so die OECD-Forscher. Auch das ist ein Hinweis darauf, dass mit einer Erhöhung der Hartz-Sätze in Deutschland nichts gewonnen ist.

Quelle: RP
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