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Interview mit dem Unternehmer Arndt Kirchhoff
"5,5 Prozent mehr Lohn sind realitätsfern"

Arndt Kirchhoff: "5,5 Prozent mehr Lohn sind realitätsfern"
Arndt Kirchhoff geht für den Arbeitgeberverband Metall NRW erstmals als Verhandlungsführer in die Tarifgespräche. FOTO: Kirchhoff
Düsseldorf. Für den Unternehmer Arndt Kirchhoff beginnt gerade die erste Metall-Tarifrunde als Verhandlungsführer des Arbeitgeberverbands Metall NRW. Am heutigen Dienstag beschließt die IG Metall NRW offiziell ihre Forderung. Vom Bundesvorstand vorgeschlagen sind 5,5 Prozent mehr Gehalt, eine von den Arbeitgebern mitfinanzierte Bildungsteilzeit und neue Regeln für die Altersteilzeit. Im Interview mit unserer Redaktion spricht der Manager über die Tarifverhandlungen, Häkelkurse und die Lage der Branche. Von Maximilian Plück

Herr Kirchhoff, wie laufen Ihre Geschäfte?

Kirchhoff Grundsätzlich ist weltweit die Geschäftslage in der Automobilindustrie gut. Davon profitiert auch mein Unternehmen. Aber je nachdem, für welches Modell oder in welche Region man liefert, kann die Situation extrem durchwachsen sein.

Das müssen Sie genauer erklären.

Kirchhoff Es gibt Problemmärkte wie Russland. Da liegen die Geschäfte sanktions- und krisenbedingt 15 bis 20 Prozent zurück. Insgesamt muss man sagen, dass von den BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China einzig China noch als Markt interessant ist. Dort haben wir in diesem Jahr wieder ein zweistelliges Wachstum. Auch die USA, Zentral-, Ost- und große Teile Westeuropas funktionieren gut. Allerdings machen uns Italien und Frankreich Sorgen. Beide haben beim Thema Staatsschulden ihre Hausaufgaben versäumt. Das schlägt sich im geringsten Autoabsatz in Europa nieder.

Könnte das nicht Zufall sein?

Kirchhoff Nein, denn diejenigen, die harte Reformen durchgeführt haben, Spanien, Portugal, Griechenland, Irland, haben alle ein zweistelliges Plus beim Autoabsatz.

Was bedeutet die wirtschaftliche Lage für die anstehende Tarifrunde?

Kirchhoff Bezogen auf die Autoindustrie ist das Bild ganz differenziert. Es gibt diejenigen, denen die Sonne lacht, viele Marken haben einen guten Lauf. Andere wiederum müssen Werke schließen oder beantragen Kurzarbeit.

Bei der letzten Tarifrunde mussten Sie eine zweistufige Erhöhung von 3,4 Prozent und 2,2 Prozent hinnehmen. Wie viele Unternehmen waren davon überfordert?

Kirchhoff Nimmt man noch den Abschluss von 2012 dazu, kommt man auf Lohnsteigerungen von weit über zehn Prozent. Das trifft unsere Unternehmen unterschiedlich stark. Diejenigen, die in der Wertschöpfungskette am Anfang und am Ende stehen, haben in der Regel weit weniger Personalkosten als die klassischen Zulieferer, die bis zu 75 Prozent der Arbeitsleistung erbringen. Für einige sind solch hohe Abschlüsse existenzgefährdend.

Die Forderungsempfehlung des IG-Metall-Vorstands beträgt 5,5 Prozent. Begründung: Der Produktivitätszuwachs liege bei 1,5 Prozent, die Zielinflation bei zwei Prozent. Hinzu kommt eine nebulöse "zusätzliche Verteilungskomponente" von zwei Prozent. Aus Ihrer Sicht schlüssig?

Kirchhoff Was sich da als Forderung abzeichnet, ist völlig realitätsfern. Die Inflation liegt seit drei Quartalen bei 0,8 Prozent. Ich wage mal den Tipp, dass sie bis Jahresende allenfalls bei einem Prozent liegen wird. Der Produktivitätszuwachs wird bei unseren energieintensiven Betrieben von den hohen Energiekosten aufgezehrt. Von der Umverteilungskomponente müssen wir gar nicht erst sprechen.

Was wäre denn Ihrer Meinung nach eine realistische Zahl?

Kirchhoff Es gibt ja derzeit nur die Forderungsempfehlung. Wir warten jetzt den Beschluss ab. Dann hören Sie Konkretes von unserer Seite.

Werden Sie versuchen, eine lange Laufzeit durchzusetzen?

Kirchhoff Das Thema wird zwar erst sehr spät in den Tarifverhandlungen aufgerufen, aber klar ist: Im Sinne der Planungssicherheit ist das eine sehr interessante Variante.

Die Gewerkschaft verlangt eine von den Arbeitgebern mitfinanzierte Bildungsteilzeit. Laut IG Metall entscheidet bislang nur die Erstqualifikation über die berufliche Entwicklung. Stimmt das?

Kirchhoff Das ist Blödsinn. Meine Branche gibt Jahr für Jahr acht Milliarden Euro für Weiterbildung aus. Das ist auch erforderlich. Wenn sie eine Erstqualifikation einmal erworben haben, dauert es beim heutigen Fortschritt nur zwei bis drei Jahre, bis neue Maschinen und Prozesse eine Nachschulung erfordern. Wer seine Mannschaft nicht auf Stand hält, droht die Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren.

Dann spricht nichts gegen einen verbindlichen Anspruch.

Kirchhoff Wir befürchten, dass wir dann über Weiterbildungsmaßnahmen reden, die nicht dem Betrieb nützen. Das darf nicht passieren.

Aber die IG Metall wird keine Häkelkurse für die Mitarbeiter verlangen.

Kirchhoff Vielleicht nicht so etwas Absurdes, aber der Verdacht liegt nahe, dass sie auch über nicht-betriebsnotwendige, aber vielleicht wünschenswerte Weiterbildungsgänge sprechen will. Das wäre dann aber ganz klar kein Thema der Unternehmen. Bei uns gibt es nur betriebsnahe Weiterbildung - und das ist vollkommen ausreichend.

Die IG Metall beklagt, dass es zu wenig Zeit für die Weiterbildung gibt.

Kirchhoff Zeit für Weiterbildung zu schaffen, gehört zu den Überlegungen, die wir mit der Gewerkschaft gemeinsam anstellen. Wir haben nach der letzten Tarifrunde Gespräche zum Thema Lebensarbeitszeit aufgenommen. Da geht es neben Weiterbildung auch um Zeit für Pflege und Erziehung. Es war aber verabredet, dass diese Gespräche nichts mit der nächsten Tarifrunde zu tun haben. Dass die IG Metall jetzt anders als besprochen einen Teil doch in die Runde packt, ist ärgerlich. Aber nicht alles, was sie auf den Tisch legt, muss auch zu einer Vereinbarung führen.

Könnte das einseitige Vorgehen der IG Metall zum Abbruch aller Gespräche über die Lebensarbeitszeit-Themen führen?

Kirchhoff Nein, dafür ist das zu wichtig. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels müssen wir als Arbeitgeber attraktiv bleiben.

Neben der Bildung soll auch über eine Neuregelung der Altersteilzeit gesprochen werden.

Kirchhoff Das bieten wir ja bereits an. Wenn einer nicht mehr kann, dann muss er auch früher ausscheiden dürfen. Das Gros der über 60-Jährigen will aber sogar länger arbeiten. Vielleicht nicht Vollzeit.

Heißt das, Sie haben Sympathien für die Arbeitszeitverkürzung für Ältere, wie sie gerade die IG BCE in der Chemiebranche fordert?

Kirchhoff Sowas machen wir doch schon längst. Dafür benötigen wir aber keine tarifvertraglichen Regelungen. Das lässt sich individuell klären.

Die IG Metall will durchsetzen, dass Beschäftigte mit belastenden Tätigkeiten eine sechsjährige Altersteilzeit nehmen können. Das müssten Sie doch als verantwortungsvoller Unternehmer unterschreiben.

Kirchhoff Das ist überhaupt nicht angemessen. Noch einmal: Es ist immer eine individuelle Frage, wann jemand nicht mehr kann. Außerdem mal ein Gegenvorschlag: Man kann doch auch einfach nach einem anderen Arbeitsplatz schauen. Kein Mensch sagt, dass der Beschäftigte immer dasselbe machen muss. Da gibt es doch Uraltmodelle: Im Bergbau hat man keinen älteren Kumpel bis zur Rente unter Tage gelassen.

Altersteilzeit, Bildungsteilzeit und Entgelt, was ist der kritischste Punkt?

Kirchhoff Schwierig ist die Entgeltfrage. Für die Altersteilzeit müssen wir ein vernünftiges Modell finden. Das Thema Bildungszeit gehört in die Gespräche über eine lebensphasenorientierte Arbeitszeit.

Rechnen Sie mit Streiks ab dem 28. Januar, wenn die Friedenspflicht endet?

Kirchhoff Um das zu beurteilen, ist es ein bisschen früh.

Sie sind erstmals Verhandlungsführer. Wie groß ist der Respekt vor der Aufgabe?

Kirchhoff Ich bin schon lange im Tarifgeschäft, allerdings erstmals in dieser Rolle. Ich kenne und schätze alle handelnden Personen.

Wie sehr wünschen Sie es dem IG-Metall-Bezirkschef von NRW, Knut Giesler, dass er den Pilotabschluss hinbekommt?

Kirchhoff (lacht) Fragen Sie ihn doch mal, wie viel Lust er dazu hat.

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