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Atomrücklagen
Panikverkäufe bei Aktien von Eon und RWE

Düsseldorf. Wegen drohender Milliardenlücken bei den Atomrückstellungen brachen die Aktien zeitweise um 13 Prozent ein. Kommunen überlegen nun, ob sie sich von ihren RWE-Paketen trennen sollen. Essen will an RWE festhalten. Von Antje Höning

Bei den Aktionären der Energieriesen brach am  Dienstag Panik aus: Aus Sorge vor Milliarden-Lücken bei den Atomrückstellungen verkauften sie massenhaft Papiere. Die Eon-Aktie brach zeitweise um bis zu 12,9 Prozent auf 7,46 Euro ein. Das war der größte Kursrutsch seit Fusion des Unternehmens aus Veba und Viag im Jahr 2000. Die RWE-Aktie rauschte zeitweise sogar um 13,7 Prozent in die Tiefe auf 10,18 Euro. Die beiden Unternehmen zogen den Dax mit und sorgten für nervöse Stimmung am Markt.

Auch bei den kommunalen Aktionären von RWE wächst die Unruhe. In manchen Städten wird überlegt, sich angesichts der Talfahrt der Aktie (und der schwindenden Dividendenaussichten) von RWE-Paketen zu trennen. Denn sollte der Kurseinbruch von Dauer sein, sind die Städte laut Gemeindehaushaltsverordnung verpflichtet, ihr Anlagevermögen abzuschreiben. Entsprechend sinkt ihr Spielraum für Ausgaben weiter. Dann lieber jetzt verkaufen, bevor die Krise noch tiefer wird, heißt es in Teilen der Kommunen.

Die Stadt Essen, die 3,03 Prozent der RWE-Anteile hält, müsste bei den aktuellen Kursen 250 Millionen Euro abschreiben, wie Essens Kämmerer Lars Martin Klieve unserer Redaktion sagte. An einen Verkauf denkt Essen gleichwohl nicht: "In der Stadt Essen sehe ich keine Mehrheit für einen Verkauf der RWE Aktien. Das wäre für Essen als Konzernsitz und in vielfältiger Weise (Arbeitsplätze, Steuern, gemeinsame Stadtwerke ) mit RWE verbundene Kommune auch etwas völlig anderes als seinerzeit für Düsseldorf." Die Stadt Düsseldorf hatte sich 2005 von RWE getrennt. Damals stand die Aktie bei 55 Euro.

Am Abend zuvor waren erste Zahlen aus dem Stresstest bekannt geworden, den das Bundeswirtschaftsministerium in Auftrag gegeben hatte, um die Nachhaltigkeit der Atomrückstellungen überprüfen zu lassen. Im schlechtesten Szenario waren die Prüfer der Düsseldorfer Kanzlei Warth Klein Grant Thornton zum Ergebnis gekommen, dass den vier Atomkonzernen insgesamt bis zu 30 Milliarden Euro fehlen. Bislang haben sie 38 Milliarden zurückgelegt.

Bis 11 Uhr gab es für die Aktien kein Halten, obwohl die Konzerne Zweifel an den Rückstellungen zurückwiesen. Es gebe noch kein Ergebnis, sondern nur einen Entwurf zum Stresstest, erklärte Eon. "Unsere Rückstellungen sind sachgerecht, richtig und angemessen bilanziert". Auch RWE betonte: "Wir gehen davon aus, dass unsere Rückstellungen richtig und angemessen sind." Das konnte die Anleger aber nicht beruhigen, die Aktien gerieten in den freien Fall. Um kurz nach 11 Uhr zog das Wirtschaftsministerium dann die Notbremse. Ein Sprecher erklärte, das Ergebnis des Stresstests werde erst im Herbst erwartet. Später sprach Hausherr Sigmar Gabriel von "unverantwortlichen Spekulationen". "Die Zahlenspiele sind keine Grundlage für unser konkretes politisches Handeln." Daraufhin erholten sich die Aktien etwas. Am Ende des Börsentages schloss Eon bei minus 6,2 Prozent und RWE bei minus 3,3 Prozent.

In Berliner Kreisen heißt es dagegen, man habe den Konzernen deutlich machen wollen, wohin die Reise gehen kann. Die Gutachter haben in Szenarien beleuchtet, welche Rückstellungen notwendig sind. Je nachdem, welchen Zinssatz sie unterstellen, kommen sie zu erheblichen Lücken. Im schlechtesten Szenario, in dem sie einen negativen Realzins annehmen, ergibt sich (wie berichtet) eine Lücke von bis zu 30 Milliarden Euro, darunter bis zu 12 Milliarden Euro für Eon und bis zu zehn Milliarden Euro für RWE. Ob sich dieses Horror-Szenario am Ende auch im Abschlussgutachten findet, auf dessen Basis die Regierung über eine Atomstiftung zur Sicherung der Rückstellungen entscheiden will, bleibt abzuwarten.

Quelle: RP
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