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Interview mit Audi-Betriebsratschef Peter Mosch
"Eigenes Denken Fehlanzeige"

Audi-Betriebsratschef Peter Mosch: "Eigenes Denken Fehlanzeige"
Audi-Betriebsratschef Peter Mosch erklärt die Folgen der Digitalisierung für den Autobauer. FOTO: Schaller,Bernd
Düsseldorf. Der Audi-Betriebsratschef Peter Mosch über Datenbrillen, Roboter in den Fabriken und Abstimmungen per Smartphone.  Von Maximilian Plück und Florian Rinke

Seit Wochen beherrscht der Skandal um manipulierte Abgaswerte bei VW die Schlagzeilen. Der Konzern hatte zugeben müssen, mittels Software falsche Werte erzeugt zu haben. Betroffen ist inzwischen auch Tochter Audi. Der Fall zeigt, wie groß die Rolle von Computertechnik schon heute in der Fahrzeugindustrie ist - und das nicht nur in den Autos. Auch die Arbeit in den Fabriken wandelt sich rasant. Audi-Betriebsratschef Peter Mosch will dafür sorgen, dass die Mitarbeiter dabei nicht auf der Strecke bleiben.  

Zeigt der Abgasskandal nicht einmal mehr, dass die Autoindustrie stärker auf alternative Antriebe setzen muss?

Mosch Natürlich muss Elektromobilität in Zukunft eine noch wichtigere Rolle spielen. Das ist ganz klar. Aber dafür müssen auch die Rahmenbedingungen passen. Ladesäuleninfrastruktur oder Batteriezellproduktion sind dabei nur zwei Schlagworte eines umfangreichen Gebietes. Südkorea, Japan und die USA sind hier einen Schritt weiter. Vor allem, was die Förderung der Batterietechnologie betrifft, legen die USA kräftig vor. Deshalb muss sich die Politik bei uns stärker engagieren, auch finanziell.

Ihr Konkurrent BMW hatte zuletzt betont, dass man weiterhin Batterien vom südkoreanischen Unternehmen Samsung beziehen will.

Mosch Das ist aus meiner Sicht zu kurzsichtig. Die Batterieentwicklung und Nachfrage wird in den kommenden Jahren sprunghaft nach oben gehen. Die Hersteller werden sich dann nicht mehr damit zufrieden geben, nur Batteriezellen zu verkaufen – die werden Komponenten schnüren. Wenn die Automobilindustrie das verschläft, sind Arbeitsplätze in Gefahr. Wir müssen daher die Batterieforschung und -fertigung nach Deutschland holen, notfalls auch mit Subventionen.

Das könnten Sie doch auch einfach gemeinsam mit den anderen Herstellern auf den Weg bringen.

Mosch Klar wäre das sinnvoll. Dabei geht es aus meiner Sicht aber nicht nur um die Automobilindustrie – es geht um unsere Gesellschaft: Batterien sind für einen gewissen Zeitraum für Autos verwendbar. Danach ist die Leistung für die Fahrzeuge zu schwach. Trotzdem sind die Batterie dann noch so leistungsfähig, dass sie beispielsweise gut in Solarzellen-Parks als Speicher eingesetzt werden können oder auch in Privathaushalten. Deshalb muss sich auch der Staat bei der Forschung engagieren.

Parallel muss Audi den Angriff von Google und Apple abwehren, die selbstfahrende Autos bauen wollen. Fürchten Sie, dass die deutsche Automobil-Industrie zum Zulieferer von US-Digitalkonzernen wird?

Mosch Audi ist Pionier des pilotierten Fahrens. Wir dürfen aber niemanden unterschätzen, auch wenn ich aktuell noch keine Gefahr sehe. Die Googles dieser Welt sind in der Vernetzung sehr gut, können aber noch kein Auto mit dem hohen technischen Standard bauen, den die Kunden von einem Auto erwarten. Trotzdem machen die aktuellen Entwicklungen ganz deutlich, dass wir uns rechtzeitig mit den Folgen der Digitalisierung auseinandersetzen müssen.

Das gilt gerade für Sie als Betriebsrat – immerhin könnten in den Fabriken langfristig viele Mitarbeiter durch Roboter ersetzt werden.

Mosch Das kann zukünftig so sein. Aber als ich vor 28 Jahren bei Audi angefangen habe, haben die Kollegen im Karosseriebau noch manuell geschweißt. Das war ein Knochenjob. Im Laufe der Jahre haben dann  Roboter Einzug gehalten. Heute arbeiten wir in diesem Bereich fast vollautomatisch. Die Arbeit hat sich komplett verändert, wir brauchen zum Beispiel Kollegen, um die Software zu warten. So wird es auch künftig sein: Durch  Digitalisierung werden Arbeitsgebiete wegfallen, aber auch neue Aufgabenfelder geschaffen. Wir müssen aber dafür sorgen, dass die Mitarbeiter auch bestmöglich qualifiziert und somit für diese Aufgaben gerüstet sind.

Das heißt, die einfachen Tätigkeiten wird es nicht mehr geben?

Mosch Es wird nach wie vor auch einfache Tätigkeiten geben. Es wird auch weiterhin Jobs geben, für die eine klassische Berufsausbildung reicht – und natürlich Stellen für Hochqualifizierte. Ich glaube aber, dass sich die Mischung verändern wird. Wir kommen um das lebenslange Lernen nicht mehr herum. Deshalb ist dieses Thema auch Bestandteil der Strategie 2030 des Betriebsrats.

Worum geht es dabei?

Mosch Wir machen uns Gedanken darüber, welchen Wandel Produkt und Produktion durch die Digitalisierung bei Audi erfahren werden. Uns beschäftigt natürlich die Frage, welche Auswirkungen es für die Beschäftigten gibt. Darauf suchen wir aktuell mit unseren Kolleginnen und Kollegen Antworten. Um das leisten zu können, ziehen wir aber auch Experten aus Wissenschaft und Gesellschaft hinzu.

Trauen Sie das den Bossen nicht zu?

Mosch Das Management hat natürlich einen Fokus: Die Gewinnmaximierung. Unser Job ist es, den Menschen zu sehen. Der steht auch bei der Digitalisierung für uns ganz klar im Mittelpunkt. Je früher wir unsere Standpunkte bei diesen Themen klarmachen, desto mehr werden wir die Zukunft mitgestalten.

Wie stark sind die Mitarbeiter aktuell von der Digitalisierung betroffen?

Mosch Es ist wie beim körperlichen Wachstum – wir durchleben es, nehmen es aber selbst nur unterbewusst wahr. Wie gesagt, im Karosseriebau arbeiten wir schon fast vollautomatisch. Seit Februar gibt es in unserem Werk in Ingolstadt aber auch in der Fertigung Roboter, die mit den Kollegen Hand in Hebel arbeiten. Der Part4You beispielsweise reicht Kühlmittelausgleichsbehälter  den Kollegen ergonomisch an. Eine Arbeitserleichterung, die wir als Betriebsrat natürlich begrüßen, solange der Mensch die Maschine steuert und nicht umgekehrt.

Wie reagieren denn Ihre Kollegen, wenn da plötzlich ein Roboter neben ihnen am Band steht?

Mosch Professionell. Unsere Kollegen können sich schnell auf Neuerungen einstellen. Wichtig ist aber, dass sie rechtzeitig mitgenommen werden. Dafür machen wir uns stark. Natürlich gibt es aber auch Ängste. Ich glaube jedoch, dass der Großteil in der Digitalisierung eine Chance sieht, weil die Beschäftigten wissen, dass es ein stetiger Prozess ist, den man mitgestalten kann. Da verlassen sie sich auch ein Stück weit auf ihren Betriebsrat und wir haben das Thema schon längere Zeit auf dem Schirm.

Viele Ihrer heute 40-jährigen Kollegen werden 2030 noch arbeiten müssen – obwohl es ihre Berufe bis dahin vielleicht gar nicht mehr gibt.

Mosch Wir kommen nicht mehr um das lebenslange Lernen herum. Das gilt aber schon länger. Vor 25 Jahren wurde beispielsweise die Kabelfertigung ausgelagert. Plötzlich mussten zahlreiche Beschäftigte fragen, wie es weitergeht. Für uns war klar, dass wir sie weiterqualifizieren werden.  Für alle haben wir eine Lösung gefunden und den Großteil  in neue Positionen bringen können. Zudem haben wir unsere Audi Akademie, die intern die Qualifizierung der Kollegen vorantreibt.

Je mehr Daten erfasst werden, umso genauer lässt sich die Effizienz einzelner Mitarbeiter  berechnen.

Mosch Zunächst mal: Wir werden nicht zulassen, dass Systeme eingeführt werden, die nicht dem gesetzlichen Datenschutz und unseren betrieblichen Regelungen entsprechen. Aber natürlich bestehen auch Risiken in der Zukunft, zumal die Geschwindigkeit der Digitalisierung weiter zunehmen wird. Wir werden ein Stück weit experimentieren müssen. Wenn neue Systeme auf den Markt kommen, können wir uns als Arbeitnehmer nicht komplett verweigern. Das heißt, wir gehen in Erprobungsphasen  und begleiten den Prozess mit Experten, Ärzten und Datenschützern. Wenn wir merken, dass wir den Beschäftigten überfordern, sagen wir Stopp.

Gab es solche Fälle bereits?

Mosch Bei Datenbrillen bin ich beispielsweise skeptisch. Mitarbeiter erhalten dadurch Instruktionen über ein kleines Display im Brillenglas. Eigenes Denken Fehlanzeige. Das zeigt: Nicht alles, was technisch möglich ist, muss  auch richtig sein. Im Probebetrieb ist es aber wichtig, viel auszuprobieren. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, künftig  auch Meinungen per Smartphone einzuholen. Auch bei einer Art Exoskelett sind wir aktuell noch im Probestadium.

Bei was?

Mosch Das sind technische Hilfsmittel, die am Körper anliegen. Diese helfen dabei, Bewegungen zu unterstützen – das ist natürlich gut für die Gesundheit der Kollegen. Aktuell sind wir dabei aber noch in der Erprobungsphase. Ob diese Hilfsmittel schließlich in Serie zum Einsatz kommen, liegt am Wohlbefinden der Kollegen.

Das klingt schon fast nach Science-Fiction-Film. Kommen wir mal zu einem vergleichsweise unspektakulären Problem der Digitalisierung: Dank Smartphone sind ihre Kollegen inzwischen eigentlich dauererreichbar. Lässt sich das vermeiden?

Mosch Natürlich fordert das Unternehmen immer mehr Flexibilität. Wir sagen aber auch, dass der Einzelne dann im Gegenzug mehr Zeitsouveränität braucht. Die beiden Punkte müssen immer miteinander in der Balance stehen. Da sind wir dann beim Thema Führungskultur, die sich dahingehend ändern muss: Wir müssen wegkommen von der Anwesenheitskultur hin zu mehr Ergebnispolitik. Wo die Leistung gebracht wird, ob per Laptop am Baggersee oder am Schreibtisch im Büro wäre dann egal.

Das Gespräch führten Maximilian Plück und Florian Rinke. 

(frin/maxi)
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