Konzernchefs: Ausländer erobern den Dax
VON FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 29.05.2007 - 17:12Düsseldorf (RP). Fast ein Drittel der großen Konzerne hier zu Lande wird nicht von Deutschen geführt - weit mehr als in den Nachbarstaaten. Der hohe Ausländeranteil ist nicht zuletzt ein Kompliment für den Standort Deutschland, sagen Experten.
Die Tore der deutschen Wirtschaft öffnen sich immer weiter für internationales Personal. Fast ein Drittel der 30 Dax-Konzerne wird mittlerweile von Ausländern geführt. Im Sommer 2007 haben acht Konzerne Chefs, die nicht aus Deutschland kommen: Bei Siemens und Lufthansa schwingen Österreicher das Zepter im Vorstand, ebenso im VW-Aufsichtsrat. Deutsche Bank und Deutsche Börse werden von Schweizern geführt. MAN hat einen schwedischen, RWE einen niederländischen Chef. Bei Fresenius Medical Care (FMC) führt ein Amerikaner. Und ab April 2008 setzt Henkel in Düsseldorf mit einem Dänen die Reihe fort. Zudem kommt rund ein Viertel der Vorstände aus dem Ausland - viel mehr als etwa in Frankreich und Italien, Tendenz steigend.
Das hermetische System "Deutschland AG", in dem Finanzkonzerne, Politik und Gewerkschaften die deutschen Konzerne auch vor ausländischem Einfluss schützten, hat einen Internationalisierungsschub ohne gleichen hinter sich. Das gilt nicht nur für die Besetzung der Vorstände mit Ausländern. Längst ist in fast allen großen Konzernen Englisch zur zweiten Unternehmenssprache geworden.
Die Festung der Deutschland AG ist längst geschleift. Und die Ausländer haben die Kurse - sehr zur Freude der Anleger - deutlich nach oben geschoben. Nur bei Lufthansa und der Deutschen Bank entwickelten sich die Aktien seit Amtsantritt der Externen unterdurchschnittlich. Die Deutsche Börse wuchs dagegen doppelt, MAN gar dreimal so stark wie der Index. RWE-Chef Harry Roels konnte den Kurs in den vier Jahren seiner Amtszeit sogar vervierfachen. Die Ausländer in der Chefetage tun den deutschen Konzernen offenbar gut.
Nach Gründen für den Blick über die Grenzen befragt, verweisen die Konzerne auf die nächstliegende Erfordernis: fachliche Eignung. Angesichts strikter Qualitätskriterien spiele Nationalität keine Rolle, heißt es. Außerdem runde ein Ausländer als Chef die internationale Aufstellung ab - Siemens etwa beschäftigt zwei Drittel seiner Angestellten im Ausland.
Oft knüpfen sich an den Neuen klare strategische Ambitionen. So hatte Reto Francioni, Ex-Chef der Schweizer Börse, zwar nicht sein altes Unternehmen als Partner im Gepäck. Doch die beiden Börsen kooperieren seit Oktober in der gemeinsamen Tochtergesellschaft Alex, und Francioni macht Zürich weiter Avancen. Harry Roels sollte bei RWE die komplizierte Aktionärsstruktur unbefangen managen - was nur zum Teil gelang. Der von Scania als harter Sanierer bekannte Schwede Håkan Samuelsson räumte dagegen bei MAN auf, fegte Brennergeschäft, Druckmaschinen und Raumfahrt aus dem Konzern. Und von Peter Löscher als erstem auswärtigen "Herrn Siemens" wird erwartet, konsequent den Augiasstall der Korruption auszumisten.
Bis auf Ben Lipps von FMC kommen alle Spitzen-Ausländer aus der europäischen Nachbarschaft. Kein Zufall, sagt Christian Scholz, BWL-Professor an der Universität Saarbrücken. "Manager aus diesen Ländern kennen die deutsche Unternehmenskultur oft recht gut. Außerdem sind dies alles Länder, die auch wegen ihrer Kleinheit hochgradig vernetzt sind."
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