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Manager Ulrich Weber im Interview
Bahn verlangt Augenmaß in Tarifrunde

Manager Ulrich Weber im Interview: Bahn verlangt Augenmaß in Tarifrunde
Bahn-Manager Ulrich Weber FOTO: dpa
Düsseldorf. Pendler dürften mit Schrecken an die Bahnstreiks des vergangenen Jahres zurückdenken, da zeichnet sich bereits der nächste Konflikt beim Staatsbetrieb ab. Von Maximilian Plück

Im Oktober beginnt Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber die Verhandlungen mit EVG und GDL. Im Interview mit unserer Redaktion spricht der Bahn-Manager über drohende Arbeitskämpfe, fehlende Lokführer und seine persönliche Zukunft im Konzern.

Gibt es bereits einen Starttermin für die Tarifverhandlungen bei der Deutschen Bahn?

Ulrich Weber Die neue Tarifrunde bei der DB beginnt im Oktober: am 10. Oktober  starten wir mit der GDL, am 17. Oktober mit der EVG.

GDL-Chef Weselsky hat seine Forderung schon umrissen: vier Prozent mehr Lohn und verbindliche Arbeitszeitregeln. 

Weber Die Tarifrunde mit EVG und GDL wird inhaltlich wieder komplex. EVG und GDL haben über 40 Tarifverträge zu unterschiedlichen Themen gekündigt. Für die DB ganz vorne steht unsere enorme Aufgabe, durch unsere Qualitätsoffensive  Zukunft Bahn für unsere Kunden pünktlicher und verlässlicher zu werden. Da ziehen wir an einem Strang mit unseren Mitarbeitern und Tarifpartnern. Ich wünsche mir daher am Verhandlungstisch wirtschaftlich Augenmaß und ein Gespür für die Fortschritte, die wir nicht gefährden wollen. Da Forderungen nie Ergebnisse sind, wären vier Prozent alleine etwas, über das sich alleine zwar streiten, aber verhandeln ließe. Allerdings wollen die Gewerkschaften weit mehr und das werden wir genau prüfen. 

Welche Themen kristallisieren sich für die Gespräche heraus?

Weber Einkommen und Arbeitszeit sind das eine, die Gestaltung der neuen digitalen Arbeitswelten und ein möglicher Flächentarifvertrag für den Schienenpersonennahverkehr andere wichtige Themen. Die DB hat bereits die besten Beschäftigungsbedingungen in der Branche, was nicht heißt, dass wir nicht über weitere Verbesserungen reden müssen. Zum Beispiel bei der Frage, wie sich Berufsbilder durch die digitale Entwicklung verändern. Ein großes Thema ist auch die zeitgleich laufende Weiterentwicklung des Branchentarifvertrags mit anderen Verkehrsunternehmen im Nahverkehr auf der Schiene. Denn wir wollen gemeinsam den Wettbewerb im Regionalverkehr über Löhne und Beschäftigungsbedingungen beenden. 

Für die GDL steht das Thema Arbeitszeit an erster Stelle. Sie unterstellt, dass das Zugpersonal im Schichtdienst sein soziales Umfeld vernachlässigen muss. Was läuft da falsch?

Weber So pauschal kann man das nicht sagen. Schichtdienst ist sehr anstrengend, ja. In der Bahnbranche gibt es wie bei der Polizei objektive Zwänge. Wir bieten für unsere Kunden einen 24-Stunden-Betrieb. Dafür bringen unsere Einsatzplaner die Fahrpläne in Einklang mit den Dienstplänen und den Wünschen von 100.000 Kollegen, die bei uns im Schichtdienst arbeiten. Dienstpläne sind laut Gesetz mitbestimmungspflichtig durch örtliche Betriebsräte und jede Abweichung auch. Es ist sicher nicht immer so, dass jeder mit seiner Schicht zufrieden ist. Hier wollen wir weiter besser werden und planen den Ausbau von flexiblen und maßgeschneiderten Modellen vor Ort. Schöner Erfolg: wir sind beim zugesagten Abbau des seit Jahren angesammelten Überstundenpolsters gut unterwegs - eine Million Überstundenabbau bis Ende 2017 ist vereinbart, Mitte 2016 waren es schon 640.000 Stunden weniger. Die Mitarbeiter können dabei wählen zwischen Auszahlen, Freimachen und der Nutzung von Langzeitkonten. Was man auch wissen muss. Wir haben alleine 30 tarifliche Regeln zur Schichtplangestaltung, davon 8 zu Ruhetagen. Bei uns gilt eine 39-Stunden-Woche, bei den meisten Wettbewerbern 40 Stunden. 

Weselsky zufolge fehlen bei der Bahn immer noch 800 Lokomotivführer. Bis wann haben Sie genügend?

Weber Wir stellen seit Jahren massiv ein, alleine 2016 sind es 1.200 Neuzugänge, die wir zum Lokführer ausbilden oder qualifizieren. 440 Azubis sind gerade neu gestartet. In den letzten vier Jahren hat die DB bundesweit rd. 2.200 Lokführer vom externen Arbeitsmarkt und rd. 2200 Lokführer-Auszubildende eingestellt. Zusätzlich haben wir mit der GDL 2015 vereinbart, dass wir 300 Lokführer nur dafür einsetzen und ausbilden, dass Kollegen, die viele Überstunden haben, freimachen können. Heute sind wir schon bei 370. Wo die Zahl 800 herkommt, kann ich nicht erklären. Ich will nicht verschweigen, dass wir in einigen Regionen – etwa rund um München – noch zu wenig Bewerber haben. Wir helfen in diesen teuren Engpass-Regionen Kandidaten bei der Wohnungssuche und prüfen finanzielle Unterstützung.

Sie stehen vor der gleichen Problematik wie bei der letzten Verhandlung: Sie wollen gleichlautende Tarifverträge mit zwei konkurrierenden Gewerkschaften abschließen. Wie wollen Sie das hinbekommen?

Weber Wir haben es im letzten Jahr erreicht, dass für gleiche Arbeit weiter gleicher Lohn gilt. Das war nach der Schlichtung Konsens bei allen. Jeder Überbietungswettbewerb von Gewerkschaften in einem Betrieb schadet – der Kollegialität, der Zusammenarbeit und damit auch der Qualität. Alle Beteiligten wissen, welche Aufgaben wir derzeit bei der DB zu schultern haben. Und die Vergangenheit hat gezeigt, dass wir widerspruchsfreie Tarifverträge hinbekommen.

Für den angesprochenen Rekord-Verlust bei der Bahn hat der Vorstand neben dem schwierigen Güterverkehrsgeschäft und den Unwettern auch die Streiks als Grund angeführt. Tut der Konzern Claus Weselsky damit nicht zu viel der Ehre an?

Weber Die Folgen durch die Streiks waren dramatisch, es sind aber nicht die einzigen Gründe. 2014 und 2015 schlug der Arbeitskampf mit rund 500 Millionen Euro zu Buche. Wenn man sich die Tarifergebnisse anschaut, stehen die Belastungen in keinem Verhältnis.

Was macht Sie so sicher, dass es nicht wieder zu massiven Streiks kommt?

Weber Wir haben mit der GDL eine neue Schlichtungsvereinbarung, die befriedend wirkt, weil künftig eine Seite ausreicht, um in die Schlichtung zu gehen. Auch schien unser Prinzip "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" konsensfähig. Und wie gesagt: Wir haben alle Verantwortung für unser Unternehmen, das eine bessere Qualität für unsere Kunden abliefern will. Ich baue auf wirtschaftliche Vernunft und darauf, dass wir an einem Strang ziehen. 

Zuletzt ging eine Reihe lukrativer Aufträge im Regio-Verkehr verloren. Die DB will deshalb künftig mit "Mobilitätsgesellschaften" am Markt agieren, die ihren Mitarbeitern weniger zahlt, als der Konzerntarif. Wie weit sind Sie mit dem Projekt?

Weber Wir haben die klare Verabredung, dass wir in diesen Gesellschaften keine Einkommen oder Sozialleistungen absenken. 

Dann könnten Sie sich dieses Konstrukt aber sparen.

Weber Nein. Wir wollen bei künftigen Ausschreibungen mit kleinen, flexiblen, regionalen Gesellschaften ohne großen Verwaltungsüberbau angreifen. Wenn diese einen Auftrag von einem Mitbewerber übernehmen, können die Mitarbeiter zu den Konditionen von DB Regio in die Gesellschaft wechseln. Sollte das Personal nicht ausreichen, werden wir zusätzliche Kräfte von DB Regio hinzuziehen. Aber noch einmal: Niemand muss eine Gehaltseinbuße hinnehmen.

Im März 2017 werden Sie 67, Ihr Vertrag läuft zwei Wochen nach Ihrem Geburtstag aus. Würden Sie verlängern, oder ist dann für Sie Schluss?

Weber Vertragsfragen werden in den zuständigen Gremien entschieden, und das ist bei uns der Aufsichtsrat. Ich konzentriere mich auf die Themen, die ich unbedingt voranbringen will: Auf unsere Qualitätsoffensive "Zukunft Bahn" und die Tarifverhandlungen, die anstehen.

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