Machtkampf: Banken diktieren Conti-Frieden
VON THOMAS REISENER - zuletzt aktualisiert: 12.08.2009 - 07:09Düsseldorf (RP). Seit über einem Jahr streitet die listige Witwe Maria-Elisabeth Schaeffler um die Macht über den Autozulieferer Continental. Am Mittwoch will der Aufsichtsrat die Fehde schlichten. Conti-Chef Neumann muss wohl seinen Hut nehmen.
Der ebenso zähe wie aggressive Machtkampf der beiden Industriegiganten Continental und Schaeffler wird heute entschieden: Der Aufsichtsrat trifft sich um 12 Uhr zum Showdown am Stammsitz der Continental AG in Hannover.
Im Auge des Sturms sitzt ein Mann, den man bisweilen beim Lunch auf der Düsseldorfer Königsallee treffen kann: Rolf Koerfer (59), seit Jahresanfang Partner im Düsseldorfer Büro der Kanzlei Allen&Overy. Er ist Chef des Conti-Aufsichtsrates. Der Spezialist für Familienunternehmen ist ein Vertrauter der Multimilliardärin Maria-Elisabeth Schaeffler.
Und gilt genau deshalb als angezählt: "Ihm wird noch eine Schonfrist zugestanden, dann muss er gehen", hieß es gestern aus Gewerkschaftskreisen gegenüber unserer Zeitung. Das sei Teil des Kompromisses zwischen Schaeffler und den Conti-Arbeitnehmern, mit dem endlich Ruhe in die inzwischen völlig aus dem Ruder gelaufene Übernahmeschlacht der beiden Auto-Zulieferer kommen soll. Koerfer war gestern nicht zu sprechen.
Bei ihrem ersten Versuch, ihre Rechte als neue Conti-Haupteigentümerin durchzusetzen, ist Maria-Elisabeth Schaeffler vor gut zwei Wochen gescheitert: Die Arbeitnehmer haben die Großaktionärin im Aufsichtsrat genüsslich vorgeführt. Die als "listige Witwe" bekannte Erbin des Schaeffler-Imperiums wollte Conti-Chef Karl-Theodor Neumann vor die Tür setzen, bekam aber die dafür notwendige Zweidrittelmehrheit nicht zusammen. Bei der heutigen Neuauflage des Treffens genügt ihr die einfache Mehrheit. Die ist ihr ansich dank des Doppel-Stimmrechts ihres Vertrauten Koerfer sicher.
Allerdings hat der chaotische Verlauf der ersten Sitzung inzwischen Commerzbank-Chef Martin Blessing auf den Plan gerufen. Er ist Wortführer der Schaeffler-Gläubigerbanken. Dem Vernehmen nach besteht Blessing auf einem Neuanfang. Angeblich lautet der von ihm angestoßene Kompromiss: Neumann muss zwar gehen, Koerfer – zeitverzögert – aber auch.
Es geht um den zweiten Platz in der europäischen Auto-Zulieferindustrie. Auf verschlungenen – und teilweise heimlichen – Wegen hatte die Herzogenauracher Multimilliardärin im Juli vergangen Jahres versucht, den damaligen Dax-Konzern Continental in einem Überraschungscoup feindlich zu übernehmen. Ihr Ziel: Ihr unter anderem auf Wälzlager spezialisiertes Familienunternehmen zusammen mit dem Autoelektronik- und Reifenkonzern Continental zum Hauptrivalen von Bosch zu machen – dem unangreifbaren Europameister der Branche. Dann brach der Automarkt ein und das Schaeffler-Geschäft stürzte ab. Zugleich verloren die gerade erworbenen Conti-Aktien dramatisch an Wert. Nun hält Schaeffler zwar direkt 49,9 Prozent der Conti-Aktien und indirekt weitere 40 Prozent, ist aber mit 11,5 Milliarden Euro verschuldet.
Zwischenzeitlich drohte die Schaeffler-Gruppe unter dieser Schuldenlast sogar zusammenzubrechen – was Conti wiederum für den Versuch eines Gegenangriffs genutzt hatte. Aber auch aus dem "reverse takeover", wie Fachleute einen solchen Gegenangriff nennen, wurde nichts: Seit Conti von Siemens den Autoelektronik-Spezialisten VDO gekauft hat, steht auch Conti mit einem zweistelligen Milliardenbetrag in der Kreide. In Zeiten der Finanzkrise, wo die Banken mit Krediten knausern und auf pünktliche Tilgung pochen, sind solche Schulden doppelter Ballast.
Juristisch hat die Milliardärin in diesem merkwürdigen Verbund aus Familien- und Börsenunternehmen wegen ihrer Stimmenmehrheit zwar das Sagen. In Wirklichkeit klammern Management und Belegschaft von Continental sich aber mit solcher Macht an ihre Selbstständigkeit, dass Schaeffler großen Schaden riskiert, wenn sie Ihre Rechte gegen die Continental durchboxt. Da aber beide Unternehmen wegen der hohen Schuldenlast faktisch den Banken gehören, kann Schaeffler auch gar nicht allein entscheiden. Die Banken sind nämlich wie immer in solchen Fällen leidenschaftslos an nichts als den bloßen Werten interessiert und verlangen deshalb ein schnelles Ende der geschäftsschädigenden Fehde. Wie dieses Ende aussieht, wird sich heute zeigen.
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