Aus der Krise nichts gelernt?: Banken verkaufen wieder Risiko-Papiere
VON NILS DIETRICH - zuletzt aktualisiert: 15.09.2009 - 18:24Düsseldorf (RPO). Die größte Pleite der Finanzgeschichte liegt genau ein Jahr zurück. Als die amerikanische Bank Lehman Brothers zusammenbrach, war das Erdbeben auch in Deutschland zu spüren. Schätzungsweise 50.000 Anleger hatten ihr Geld in Lehman-Zertifikate investiert - und alles verloren. Doch die Banken haben nicht aus dem Crash gelernt.
Der 15. September 2008 brachte das Fass zum Überlaufen. Die größte Finanzkrise der Nachkriegsgeschichte erreichte ihren Höhepunkt. Die US-Investmentbank Lehman Brothers glitt in die Pleite, der Staat griff nicht ein. Das Geldhaus, das als "solid as a rock" ("fest wie ein Felsen") galt, riss die Finanzbranche mit in den Abgrund.
"Lehman war wie ein Super-Gau für die globalen Kapitalmärkte mit einer ungeheuren Kettenreaktion", blickt Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der Aktionärsschutz-Vereinigung DSW, zurück. Die Bilder der Banker, die ihre Sachen packten und aus dem Lehman-Hauptsitz strömten, gingen um die Welt.
Das Beben war auch in Deutschland zu spüren. Rund 50.000 Menschen, schätzen die Aktionärsschützer vom DSW, hatten Lehman-Zertifikate gekauft. Die waren im Gegensatz zu Sparbüchern oder Aktienfonds plötzlich wertlos. Rund eine Milliarde Euro ging verloren, denn Zertifikate (siehe Infokasten) sind für den Fall einer Insolvenz des Emittenten nicht abgesichert. Inzwischen sind zahlreiche Gerichtsverfahren um Entschädigungen anhängig.
Info: Zertifikate
Zertifikate sind Papiere, deren Rendite an den Verlauf eines Index geknüpft ist. In Deutschland waren in den vergangenen Jahren zahlreiche Unterarten wie Bonus-, Express oder Discount-Zertifikate entstanden. Rechtlich gesehen handelt es sich um Schuldverschreibungen. Verbraucherschützer hatten immer wieder kritisiert, dass die Papiere für Privatanleger zu komplex seien.
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Leere Versprechen
Das Problem: Die Anleger haben die Zertifikate in vielen Fällen von den Bank-Beratern aufgeschwatzt bekommen. Doch komplizierte Bonusschwellen oder Hebel sind für den normal gebildeten Anleger kaum nachvollziehbar. Generell sollten die Produkte daher einfacher und damit verständlicher werden, fordert der DSW ebenso wie Verbraucherschützer.
Die Banken hatten auf dem Höhepunkt der Krise versichert, von der umstrittenen Praxis abzurücken. Davon ist nicht viel geblieben. Am Dienstag meldete die Stiftung Warentest, dass weiterhin so hochkomplexe Produkte wie vor der Finanzkrise angeboten würden. "Wir beobachten das schon seit einiger Zeit wieder", bestätigte Wolfgang Schuldzinski von der Verbraucherzentrale NRW unserer Redaktion.
Die Rückkehr zu den alten Praktiken ist kein Einzelfall. "Das geht querbeet durch die Branche von den Banken bis zu den Sparkassen", fügte der Experte an. "Finanztest" nannte unter anderem die DZ Bank, die Commerzbank und die Hypovereinsbank, die Zertifikate ausgeben, welche nur von Profis überblickt werden können. "Wir können keine große Veränderung feststellen."
Etikettenschwindel täuscht Kunden
Die Banken haben ihrerseits gegengesteuert, um den Absatz der Anlageprodukte anzukurbeln. Einer der Tricks: Zertifikate werden nun Anleihen genannt, was zwar juristisch richtig ist, aber den Kunden in die Irre führt. Der zweite Kniff der Finanzindustrie: Die Banken statten viele ihrer neuen Finanzprodukte mit einer Kapitalgarantie aus – so lässt sich das Papier besser verkaufen.
Der Haken daran: Die Garantie ist nur so viel wert wie die Kreditwürdigkeit der Bank, die das Zertifikat herausgibt. Geht sie Pleite, ist das Geld ebenso verloren wie bei Lehman Brothers. Außerdem gilt: Eine Geldanlage, die nur das angelegte Geld sichert und keine oder kaum Rendite bringt, ist wenig sinnvoll.
"Es kann nicht sein, dass wir Banken mit Milliarden gerettet haben, damit sie mit denselben hoch riskanten und kaum kalkulierbaren Geschäften wie zuvor Menschen um ihr mühsam erspartes Geld bringen", sagt Axel Troost zu dem Bericht der Stiftung Warentest. Der finanzpolitische Sprecher der Linkspartei forderte eine Stärkung des Verbraucherschutzes.
Verschärfte Regeln
Inzwischen gibt es bereits verschärfte Regeln für die Bankberatung. Ab Januar 2010 sind ausführliche Protokolle über das Beratungsgespräch anzufertigen. Zugleich wurde die Verjährungsfrist für Ansprüche aus fehlerhafter Anlageberatung ausgedehnt. Sie beträgt nun bis zu zehn Jahre. "Ob allerdings die Qualität der eigentlichen Beratung durch diese Regulierung steigt, ist aber eher zweifelhaft", warnt Hocker. Schuldzinski teilt diese Befürchtung. Er berichtet von einem ihm bekannten fall, bei der einer 85-jährigen Frau ein Bausparvertrag verkauft wurde. Auch die Transparenz bei den Provisionen sei verbesserungswürdig.
Die geschädigten Anleger der Lehman-Zertifikate sind auch erst im Nachhinein klüger gewesen. Sie warten immer noch auf ihre Entschädigung. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) hält die bisherigen Kompensation für unzureichend. Generell forderte die Ministerin die Banken im "Deutschlandfunk" zur Rückerstattung auf, "wo offensichtlich Falschberatung stattgefunden hat". Wenn Kunden ein anderes Finanzprodukt empfohlen worden sei, als es ihrem jeweiligen Sparziel entsprochen habe, müssten diese Kunden entschädigt werden.
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