Immer neue Pfusch-Vorwürfe: Bilfinger Berger kämpft um seinen Ruf
VON PHILIPP STEMPEL - zuletzt aktualisiert: 24.02.2010 - 19:52Düsseldorf (RPO). Pfusch beim U-Bahnbau in Köln, Betrug in Düsseldorf, Mängel an einer ICE-Trasse in Bayern: Seit bald zwei Wochen vergeht kaum ein Tag ohne Negativ-Schlagzeilen im Zusammenhang mit dem Baukonzern Bilfinger Berger. Das Unternehmen bemüht sich um Schadensbegrenzung. Es kennt sich aus mit Pannen auf Großbaustellen.
Vor knapp zehn Tagen wurde der Skandal um den U-Bahn-Pfusch am Kölner Heumarkt publik. Führend im Bau-Konsortium: die Bilfinger Berger AG, einer der größten Baukonzerne Deutschlands mit Sitz in Mannheim. Das Großunternehmen mit 61.000 Mitarbeitern und einer Bauleistung von mehr als zehn Milliarden Euro im Jahr (2009) steht seitdem unter Dauerbeschuss.
Vorstandschef Herbert Bodner bemühte sich zunächst, zu retten, was zu retten ist. Nichts war dem österreichischen Bauingenieur wichtiger, als zu betonen, dass die vermuteten Übeltäter von Köln nichts mit den Arbeiten an der Wehrhahn-Linie zu tun haben. Doch es blieb offenbar nicht bei einem Einzelfall. Auch in Düsseldorf taten sich Unregelmäßigkeiten auf. Die Landeshauptstadt stellte daraufhin Strafanzeige gegen zwei namentlich bekannte Bilfinger-Poliere. Die beiden waren dem Unternehmen bereits vorher unangenehm aufgefallen. Sie seien bereits wegen der Vorfälle in Köln vom Dienst freigestellt worden, ließ das Unternehmen wissen.
Die Bilfinger Berger AG
Bauleistung 10,4 Milliarden Euro (in 2009)
Aufträge 11,1 Milliarden Euro
Gewinn 140 Millionen Euro
Mitarbeiter 61 .000 (Ende 2008)
Börsenwert 2,4 Milliarden Euro
Strategie Teilweiser Rückzug aus dem Baugeschäft wegen immer neuer Krisen, Ausbau des stabileren Servicegeschäftes
Die Düsseldorfer Bezirksregierung kündigte nach den neu aufgeworfenen Pfusch-Vorwürfen Konsequenzen an. Bereits abgenommene Großbaustellen sollen noch einmal auf ihre Sicherheit überprüft werden. Dabei geht es um bereits fertiggestellte Straßenbahn- und U-Bahngroßbauten. Insgesamt 14 Städte sind betroffen. "Wir wollen wissen, welche Baufirmen in den vergangenen 40 Jahren bei diesen Projekten was gebaut haben", sagte am Mittwoch ein Sprecher der Düsseldorfer Bezirksregierung, die landesweit für den Bau und Betrieb von Straßenbahnen zuständig ist. Kontrolliert werden sollen demnach Bauten im Ballungsraum an der Ruhr sowie in Bielefeld, Krefeld, Düsseldorf, Köln und Bonn. Dazu sollen im Zweifelsfall auch die alten Baubücher überprüft werden.
Der Landesbetrieb Straßenbau, Straßen.NRW, nimmt zusätzlich die Brücken- und Tunnelbaustellen der Baufirma Bilfinger Berger ins Visier. "Wir wollen auf Nummer sicher gehen", sagte eine Sprecherin der Nachrichtenagentur DAPD.
Für das Unternehmen entwickelt sich die Sache allen Beteuerungen zum Trotz zum Öffentlichkeits-GAU. Bilfinger Berger sieht sich als Opfer von kriminellen Schieberbanden und hat inzwischen zwei leitende Angestellte und einen Polier suspendiert. Und dennoch: Der Ruf ist beschädigt. An der Börse schlägt sich das auch an diesem Mittwoch nieder. Die Aktien rutschten am Morgen abermals in den Keller und notierten damit so niedrig wie seit November vorigen Jahres nicht mehr. „Der negative Nachrichtenfluss wird einen sehr negativen Einfluss auf das Ansehen von Bilfinger haben, und das könnte die Position des Unternehmens bei künftigen Ausschreibungen belasten", ließ ein Analyst wissen.
Die Entwicklung an der Börse dürfte das Management in seiner jetzigen Strategie nur bestätigen. Es hatte bereits 2002 damit begonnen, den Konzern auf ein breiteres Fundament zu stellen. Ziel: Weg von den krisenanfälligen Großbaustellen, hin zu einem Baudienstleistungsunternehmen. Denn mit den Risiken von Großaufträgen und unliebsamen Folgen kennt sich das Traditionsunternehmen mit Wurzeln bis in das Jahr 1880 aus.
Wie die Financial Times unlängst berichtete hat das Unternehmen schon seit Jahren mit Pannen zu kämpfen. Nicht nur in Deutschland gab es Schwierigkeiten an Großbaustellen, sondern in der ganzen Welt. 2004 brach ein Baugerüst am Maumee River im US-Bundesstaat Ohio zusammen, ein Straßentunnel in Sydney erwies sich als finanzieller Rohrkrepierer.
2008 erlebte Bilfinger ein Bau-Fiasko in Norwegen. "Wir haben die Geologie und Topographie unterschätzt", räumte damals ein Sprecher ein, als die Kosten für die Autobahn E18 überhand nahmen und die Aktien in den Keller schickten. Seine Prognose korrigieren musste das Unternehmen auch nach dem Zusammenbruch des Kölner Stadtarchivs im März 2009. Und die Auswirkungen der Finanzkrise in Katar bekam das Unternehmen ebenfalls zu spüren, als es 2009 zu Zahlungsstreitigkeiten beim Bau der der Autobahn Doha Expressway kam.
Konzernchef Bodner treibt den Umbruch daher mit großen Schritten voran. "Im Jahr 2012 werden 80 Prozent unseres Geschäfts auf Dienstleistungen und 20 Prozent auf den Bau entfallen. Damit wird sich das Verhältnis umkehren", hatte er schon im November den radikalen Umbruch angekündigt. So viel Tempo der Bilfinger-Chef beim Konzernumbau auch gemacht hat - aus heutiger Sicht kommt er zu spät.
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