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Gewerkschafter im Interview: "Bochum schlägt Rumänien"

VON ALEXANDER VON GERSDORFF - zuletzt aktualisiert: 07.02.2008 - 09:01

Bochum (RP). Der mächtige NRW-Chef der IG Metall, Oliver Burkhard, will weiter um den Bestand des Nokia-Handywerks im Ruhrgebiet kämpfen. Einen Boykott der Marke hält er allerdings für Unfug.

Wie geht es weiter mit Nokia Bochum - Kampf um Werkerhaltung oder Kampf um fairen Sozialplan?
Burkhard
Klares Ziel ist der Erhalt von Standort und Arbeitsplätzen. Es kann doch nicht sein, dass dieselben Menschen, die für weltweit hervorragende Fertigungs- und Produktqualität ausgezeichnet werden und einen Bonus für beste Leistungen bekommen, in die Arbeitslosigkeit geschickt werden sollen. Das ist Willkür und überzogene Profitgier. An keinem Standort der Welt können sich die Menschen noch ihres Arbeitsplatzes sicher sein, wenn Nokia jetzt nicht doch seinen Kurs ändert.

Machen Sie den Mitarbeitern nicht trügerische Hoffnung?
Burkhard
Nokia-Chef Kallasvuo hat gegenüber der nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministerin Thoben die klare Zusage für das Gespräch mit Betriebsrat und IG Metall über unsere Vorstellungen zum Standorterhalt gegeben. Jetzt geht es also darum, endlich miteinander zu reden, statt über die Köpfe der Menschen hinweg Fakten zu schaffen. Wichtige Vorarbeiten gibt es ja mit den vorhandenen Investitionsplanungen für das Werk bereits. Es wäre doch töricht, genau dafür nicht weiter zu streiten.

Die Löhne in Rumänien sind konkurrenzlos niedrig. Wie wollen Sie da bestehen?
Burkhard Nach unseren Kenntnissen kann mit einer Investition von 14,2 Millionen Euro die Handy-Fertigung in Bochum so umgestellt werden, dass sie weltweit konkurrenzfähig bleibt. Das Geld reicht für zwei hochmoderne Produktionslinien. Mit 50 Millionen Euro sind sogar acht Linien möglich. Das ist immer noch billiger als die Verlagerung ins Ausland. Zur Erinnerung: Der Konzern erzielte vergangenes Jahr 7,2 Milliarden Euro Gewinn.

Wundert es die IG Metall, dass der Aufsichtsrat von Nokia Deutschland demnächst in Finnland tagen will?
Burkhard Wir prüfen, ob Gründe vorliegen, die eine Aufsichtsrats-Sitzung hier in Deutschland zwingend machen. Entscheidungen über Schritte und Aktionsformen sind aber noch nicht gefallen.

Stehen Sie hinter den Subventionsrückforderungen des Landes NRW?
Burkhard
Das kann zusätzlichen Druck auf Nokia ausüben, sich in der Standortfrage zu bewegen.

Jüngst endete der Versuch von Nokia-Betriebsräten aus ganze Europa, sich abzustimmen, im Eklat. Was nutzen solche Betriebsrats-Treffen, wenn jeder eine andere Meinung hat?
Burkhard
Wir wissen aus diesem wie aus anderen Fällen: Die europäische Solidarität fällt nicht vom Himmel. Alle Erfahrung lehrt, dass es mehrere Schritte braucht, bis auch unter der Belastung einer angekündigten Werksschließung eine abgestimmte Interessenvertretung Erfolge zeigt.

Wo war eigentlich die deutsche Solidarität mit Finnland, als Nokia dort einmal ein Werk schloss oder als Siemens dort dichtmachte?
Burkhard
Solidarität kann ja nur heißen, immer wieder neu zu prüfen, was über nationale Grenzen hinweg gemeinsam zu erreichen ist. Es geht gegen die Vorgaben von Vorständen, auch wenn das nicht in jedem Fall Erfolge bringt. Für das Werk in Bochum gibt es einen besonderen Grund zur Solidarität: Es ist hochprofitabel.

Sind Betriebsräte und Gewerkschaften gegen globale Konzerne machtlos?
Burkhard
Keineswegs. Das Beispiel GM/Opel zeigt, dass durch die organisierte Solidarität der Standortbelegschaften, Betriebsräte und Gewerkschaften selbst in einem Unternehmen in roten Zahlen verantwortlichere Lösungen gefunden werden - entgegen den Vorgaben aus Vorstandsetagen. Das muss erst recht für ein florierendes Unternehmen wie Nokia gelten.

Wie bewertet die IG Metall die Boykottaufrufe gegen Nokia?
Burkhard
Wir rufen ganz bewusst nicht zum Boykott auf. Die Menschen in Bochum wollen ja auch künftig mit ihren guten Produkten sichere Arbeitsplätze behalten.


 
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