Unternehmen und Betriebsräte: Bündnisse für günstige Arbeitsplätze
VON ULRIKE TSCHIRNER - zuletzt aktualisiert: 05.10.2005 - 14:44Düsseldorf (rpo). Stellenabbau durch Abfindungen bei Mercedes, Aufhebungsverträge und Altersteilzeit bei Volkswagen. Solche Schlagzeilen aus dem Kreis der deutschen Autobauer zwingen die Betriebsräte immer häufiger zu Zugeständnissen. Die Zahl der betrieblichen Bündnisse mit den Konzernen steigt und macht die Unternehmen aus Sicht von Experten wettbewerbsfähiger. Doch profitieren wirklich alle Seiten von den Veränderungen? Und können so langfristig Jobs gerettet werden?
Nach Einschätzung von Hagen Lesch, Tarifexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, werden in Zukunft die betrieblichen Bündnisse zwischen Betriebsräten und Unternehmen zunehmen. "Die Entwicklung dieser Tauschgeschäfte gibt es seit Jahren und wird sich weiter fortsetzen", sagt er. Getauscht werden zum Beispiel tarifliche Ansprüche gegen Standortsicherung. Das Prinzip ist einfach: Die Arbeitnehmer arbeiten länger und verzichten auf Lohn. Der Arbeitgeber spart Geld und garantiert dafür Jobs.
Lohnverzicht für Produktionszusage lautet es in Wolfsburg. Bis in die Nacht hatten vor kurzem der Wolfsburger Betriebsrat und die VW-Konzernspitze miteinander gerungen, ehe sie bekannt geben konnten, dass der neue Geländewagen nun doch in Deutschland und nicht in Portugal produziert werden soll. Das Werk in Wolfsburg bekam den Zuschlag durch das Zugeständnis des Betriebsrates bei den Lohnkosten 20 Prozent unter dem VW-Haustarif zu bleiben.
Dass betriebliche Bündnisse in deutschen Unternehmen längst keine Ausnahmen mehr sind, belegt auch eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung. Ergebnis der Umfrage unter 2.00 Betriebsräten: In jedem vierten Betrieb mit mehr als 20 Beschäftigten gibt es Vereinbarungen, die zwischen Betriebsrat und Unternehmensführung ausgehandelt und von den Tarifparteien gebilligt wurden. Ermöglicht wird die Abweichung von Standards durch die Öffnungsklausel in vielen Tarifverträgen.
Nach Auskunft von Hagen Lesch hat sich die Bandbreite der Branchen, in denen betriebliche Bündnisse geschlossen werden, erweitert. Neben der Automobilbranche werde häufig in der Metall- und Gummi-Industrie auf solche Einigungen gesetzt. Im Einzelhandel sei Karstadt ein Beispiel, in dem durch einen Beschäftigungspakt Filialen und Arbeitsplätze gesichert werden konnten.
Auch wenn Arbeitsplätze gesichert werden, stehen viele Betriebsräte dem Trend, wichtige Regelungen der Tarifpolitik auf die betriebliche Ebene zu verlagern, skeptisch gegenüber. 53 Prozent der befragten Betriebsräte finden sie "generell problematisch". Ein Grund: Der vereinbarte Tarifvertrag wird ausgehöhlt.
Außerdem gehe laut Hagen Lesch der Trend in deutschen Unternehmen dahin, übertarifliche Leistungen abzubauen. Die Nettolöhne stagnierten trotz Tariflohndynamik "seit Ewigkeiten". Gehen die Betriebsräte dann an die vereinbarten Tariflöhne, bleibt den Arbeitnehmern noch weniger Geld - aber auch der Job.
Begrüßt werden diese Vereinbarungen nach Ansicht des Tarifexperten Lesch besonders von der Wirtschaft. "Dort ist man vor allem an Kostenentlastung interessiert", sagt Lesch. Denn die Kosten seien ausschlaggebend für Standortentscheidungen. Die Wolfsburger beispielsweise konnten durch ihren Lohneinschnitt die Produktionskosten eines Geländewagens um rund 850 Euro senken. Den Zuschlag für die Produktion sicherten sie sich damit.
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