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Hauptversammlung bei ThyssenKrupp
Buhrufe und Pfiffe gegen Cromme

ThyssenKrupp: Schulterschluss mit Cromme
ThyssenKrupp: Schulterschluss mit Cromme FOTO: dpa, Oliver Berg
Die Stimmung auf der Hauptversammlung des angeschlagenen Stahlkonzerns ThyssenKrupp droht zu kippen. Als Aufsichtsratschef Gerhard Cromme einen gegen ihn gerichteten Antrag kassiert, werden Pfiffe und Buhrufe laut. Ein Aktionär hatte Crommes Abwahl als Versammlungsleiter gefordert. Zuvor hatte Cromme Fehler eingeräumt und einen erheblichen finanziellen Verzicht des Aufsichtsrats angekündigt.  Von Thomas Reisener

Ein wohl einmaliger Vorgang bei der ThyssenKrupp-Hauptversammlung. Oliver Krause, Aktionär des Stahlkonzerns, beantragte am Vormittag die Abwahl von Gerhard Cromme als Versammlungsleiter. Cromme, so die Begründung Krauses, sei befangen. Der Aufsichtsratschef sieht sich seit Wochen Vorwürfen ausgesetzt, er habe die Fehlenentwicklung im Konzern nicht rechtzeitig gestoppt.

Doch obwohl Cromme einräumt, er habe verspätet gehandelt, verweigert die Abstimmung. Vor allem seine Begündung erhitzt die Gemüter. Krauses Antrag, so Cromme, sei unzureichend begründet.

Aufsichtsrat kündigt Verzicht an

Die mit Spannung erwartete Hauptversammlung begann mit einem Paukenschlag: Der Aufsichtsrat werde auf die Hälfte der Gesamtvergütung aus dem Geschäftsjahr 2011/2012 verzichten, kündigte Cromme an. Auch Cromme selbst und Peer Steinbrück beteiligen sich daran. Ihr Verzicht ist als Reaktion auf das Debakel mit den Stahlwerken in den USA und Brasilien zu verstehen.

Die Rede ist dabei von einem Gesamtbetrag von 1,494 Millionen Euro. Auch Aufsichtsratchef Gerhard Cromme (Gesamtverdienst 210.000 Euro) und Peer Steinbrück ((55,750 Euro) kündigten an, ihre Bezüge um die Hälfte zu kappen.

Am Freitag bemühte sich Cromme vor den Aktionären zunächst, sich zu rechtfertigen. Er räumte durchaus Versäumnisse ein. "Wenn Sie mich fragen, ob wir als Aufsichtsrat in der Vergangenheit etwas hätten besser machen können, dann will ich ehrlich sagen: Ja, wir haben zu lange vertraut, wir hätten früher handeln können", sagte der 69-Jährige.

Dennoch will Cromme seine Arbeit fortsetzen. In seiner Rede vor den Aktionären warb er etwa 20 Minuten lang um neues Vertrauen und bat um ein deutliches Signal. Die Teilnehmer der Hauptversammlung forderte er auf, sich nicht von den Medienberichten der vergangenen Woche beeinflussen lassen, die er als "teilweise ungerechtfertigt" bezeichnete.

Hiesinger spricht von Seilschaften

Nach Cromme trat Vorstandschef Heinrich Hiesinger vor die Aktionäre. Mit deutlichen Worten distanzierte er sich von seinen Vorgängern im Management: "Auch mir war bei meinem Amtsantritt nicht annähernd bewusst, wie tiefgreifend die nötigen Veränderungen sein würden. Unsere alte Führungskultur war an vielen Stellen von Seilschaften und blinder Loyalität gekennzeichnet. Fehlentwicklungen wurden lieber verschwiegen als korrigiert." Hiesinger kündigte umfassende Änderungen an.

Den zuletzt scharf kritisierten Cromme nahm Hiesinger jedoch ausdrücklich in Schutz. Es sei der Aufsichtsrat unter der Führung Crommes gewesen, der den derzeitigen Wandel bei dem Unternehmen eingeleitet habe. Auch der überraschend erschienene Konzern-Patriarch Berthold Beiz (99) stärkte dem Aufsichtsratchef den Rücken. Kurz vor Beginn der Hauptversammlung stellte er sich demonstrativ mit Cromme vor die Kameras.

Reisen, Absprachen, Bestechung

Die Hauptversammlung in Bochum verspricht für die Konzernführung dennoch ein schwerer Gang zu werden. Die Aktionäre verlangen Rechenschaft über das Milliardendebakel und die Skandalserie. Die tiefe Krise des Konzerns hat in den vergangenen Wochen bereits einige den Kopf gekostet. Der halbe Konzernvorstand und Crommes Vize im Aufsichtsrat sind in den vergangenen Wochen bereits gestürzt.

Auch der langjährige Aufsichtsratschef Gerhard Cromme geriet dadurch massiv unter Druck. Die Liste der Skandale mit extravaganten Konzernreisen, immer neuen Kartellverstößen und Bestechungsdelikten ist inzwischen so lang, dass er kaum noch erklären kann, wie es unter seiner Aufsicht dazu kommen konnte.

Dass Cromme sich trotzdem im Sattel hält, liegt daran, dass ThyssenKrupp keine gewöhnliche Aktiengesellschaft ist. Heimlicher Herrscher des Konzerns ist immer noch der 99-jährige Berthold Beitz, der als Chef der Krupp-Stiftung das größte ThyssenKrupp-Aktienpaket kontrolliert. Beitz darf drei Vertraute in den Aufsichtsrat von ThyssenKrupp entsenden. Einer davon ist Cromme, dem Beitz auch die Führung der Krupp-Stiftung anvertrauen will. Als die Rufe nach Crommes Rücktritt in den vergangenen Wochen immer lauter wurden, verkündete Beitz am 14. Dezember im Handelsblatt: "Cromme bleibt." Mit diesen zwei Worten hat Beitz das Ergebnis der heutigen Hauptversammlung faktisch vorweggenommen.

Cromme kann noch viel verlieren

Trotzdem kann Cromme heute noch viel verlieren: Aktionärsvertreter wollen eine namentliche Abstimmung über die Entlastung jedes einzelnen Aufsichtsratsmitglieds fordern. Das kündigten am Donnerstag die Geschäftsführer des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre, Markus Dufner, und der deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Marc Tüngler, an. Bei dem Aktionärstreffen im vergangenen Jahr waren alle Mitglieder von Vorstand und Aufsichtsrat noch mit Quoten von deutlich mehr als 90 Prozent entlastet worden. Aufsichtsratschef Cromme hatte damals sogar eine persönliche Zustimmungsquote von 94,84 Prozent.

Die Entscheidung über eine personenbezogene Abstimmung trifft Cromme qua Amt selbst. Weigert er sich, könnte das als Feigheit verstanden werden. Stimmt er zu, liegt eine Messlatte auf und Cromme riskiert eine Blamage. Sollte er in diesem Fall eine Zustimmungsquote von 70 Prozent oder weniger bekommen, wäre das aus Dufners Sicht "ein klares Votum gegen den Aufsichtsrat".

(pst/das/sap)
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