Sekretärin wegen Frikadelle gefeuert: Chef nimmt Kündigung zurück
zuletzt aktualisiert: 11.10.2009 - 21:56Dortmund (RPO). Diese Kündigung hat die Republik bewegt: Eine Sekretärin ist nach 34 Jahren Betriebszugehörigkeit entlassen worden, weil sie sich an Verpflegung für eine Konferenz bedient hatte. Jetzt hat sich ihr Chef entschuldigt. Angeblich soll die Kündigung sogar zurückgenommen worden sein.
Der Hauptgeschäftsführer des Baugewerbeverbandes Westfalen, Hermann Schulte-Hiltrop, hat sich für die fristlose Kündigung einer Sekretärin entschuldigt. Die 59-Jährige wurde nach 34 Jahren Mitarbeit im Verband fristlos entlassen, weil sie ein Brötchen und eine Frikadelle von einem Buffet verzehrt hatte.
Er hätte mit mehr "Fingerspitzengefühl handeln können", schrieb Schulte-Hiltrop in einem offenen Brief an die Mitarbeiterin. Berichten zufolge arbeiten die Anwälte beider Seiten nun an einer außergerichtlichen Einigung. Die Fernsehmoderatorin Anne Will vermeldete in ihrer Sendung am Sonntagabend, dass die Kündigung sogar zurückgenommen worden sei.
Damit würde der Bauverband Westfalen einer gerichtlichen Auseinandersetzung aus dem Weg gehen. Das Arbeitsgericht Dortmund hatte für den 14. Januar 2010 eine Verhandlung über den Fall angesetzt. Der Arbeitgeber hatte zuvor die bei einem Gütetermin vorgeschlagene Lösung abgelehnt, die Kündigung in eine Abmahnung umzuwandeln.
Bei dem Gütetermin hatte die Sekretärin nach Angaben des Gerichtssprechers argumentiert, beim Bauverband sei auch in der Vergangenheit von solchen Büffets gegessen und dies auch geduldet worden. Selbst der frühere Geschäftsführer habe sich gelegentlich bedient. Sie sei der Meinung gewesen, ihr Verhalten sei in Ordnung. Dagegen betrachtet der Arbeitgeber das Vertrauensverhältnis als zerstört und beharrt auf der Kündigung.
Das Gericht hatte dem Sprecher zufolge darauf hingewiesen, dass grundsätzlich auch der Diebstahl geringwertiger Dinge eine Kündigung rechtfertige. Allerdings müssten die Interessen abgewogen werden. Für die Klägerin spreche ihr langjähriges Arbeitsverhältnis beim Bauverband. Zudem habe sie keineswegs heimlich gehandelt und ihr Verhalten auch sofort zugegeben.
Kündigung laut Groschek "unmenschlich und unmoralisch"
Der Generalsekretär der nordrhein-westfälischen SPD, Michael Groschek, forderte bereits am Mittwoch die Rücknahme der Kündigung. "Wir dürfen nicht dulden, dass Manager trotz Fehlspekulationen in Millionenhöhe dicke Abfindungen kassieren und kleine Leute wegen eines Wurstbrötchens auf die Straße gesetzt werden", sagte er. Dies sei "unmenschlich und unmoralisch". Groschek forderte die Mitgliedsunternehmen des Verbandes auf, Druck auf die Verantwortlichen auszuüben.
Auch die Gewerkschaft IG Bauen-Agrar-Umwelt zeigte sich empört. Die Arbeitgeber müssten sich fragen, was sie der Betroffenen mit der Kündigung antäten, sagte der Regionalleiter Westfalen, Jürgen Czech. In ihrem Alter werde die Frau Probleme haben, eine neue Stelle zu finden. Zudem sei es unverständlich, "jemanden, der 34 Jahre dort beschäftigt ist, wegen einer Frikadelle zu entlassen".
Kündigungen wegen Bagatelldelikten sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Demnächst verhandelt das Bundesarbeitsgericht den Fall einer Kassiererin, der wegen zweier Leergutbons im Wert von 1,30 Euro gekündigten wurde. Damit wird das Urteil des Landesarbeitsgerichts Berlin überprüft, das die Kündigungsschutzklage der Mitarbeiterin abgewiesen und damit bundesweit für Empörung gesorgt hatte. Im baden-württembergischen Radolfzell kämpft eine 58-jährige Altenpflegerin um ihren Arbeitsplatz. Sie war fristlos entlassen worden, weil sie mehrere Maultaschen für den eigenen Verzehr mitgenommen hatte.
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