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Nach Lindners Wutrede
Deutschland braucht eine Kultur des Scheiterns

Christian Lindner: Deutschland braucht eine Kultur des Scheiterns
Steve Jobs und John Sculley präsentieren den neuen Macintosh am Firmensitz in Cupertino. Der Mac sollte das Unternehmen in den nächsten 30 Jahren fast in die Pleite und dann zusammen mit dem iPhone und iPad zu neuen Höhen treiben. FOTO: ap
Düsseldorf. Mit seiner Wutrede hat FDP-Chef Christian Lindner eine Debatte über die Unternehmenskultur in Deutschland ausgelöst. In Deutschland gelten Firmenpleiten noch immer als Makel. In den USA ist das ganz anders. Von Florian Rinke und Michael Bröcker

Der SPD-Politiker Volker Münchow ist bislang nicht durch Gründerfeindlichkeit aufgefallen. Im Grunde ist er im Düsseldorfer Landtag bislang kaum aufgefallen - bis er die Rede von FDP-Chef Christian Lindner mit einem hämischen Zwischenruf über dessen unternehmerisches Scheitern unterbrach. Unfreiwillig lieferte der 54-jährige aus Velbert damit die Steilvorlage für eine Wutrede, die im Internet zum Hit wurde.

Plötzlich wurde aus Volker Münchow, dem Neuling im Düsseldorfer Landtag, Volker Münchow, der Grund, warum Leute lieber in den öffentlichen Dienst gehen, statt zu gründen. Sagt Lindner und legte nach: "Weil man, wenn man Erfolg hat, ins Visier der sozialdemokratischen Umverteiler gerät, und wenn man scheitert, ist man sich Spott und Häme sicher." Der FDP-Politiker hat mit seiner Rede nicht nur das ramponierte Image der FDP ein bißchen aufgehellt, sondern auch eine grundsätzliche Frage aufgeworfen: Fehlt es in Deutschland noch immer an einer Kultur des Scheiterns?

Deutsche haben Angst zu scheitern

Darauf deuten zumindest die Ergebnisse einer aktuellen Gründerstudie hin. Deutsche haben demnach sehr viel mehr Angst, mit einer Gründung zu scheitern, als Menschen in den USA. Dies räumten in Deutschland 54 Prozent der Befragten ein, in den USA sind es ein Viertel weniger. "Die Unterschiede in der Kultur des Scheiterns haben auch Auswirkungen auf die Lust zur Unternehmensgründung", sagt Thilo Schumacher, Mitglied des Vorstands der AXA Deutschland. Die Versicherung hatte die repräsentative Studie in Auftrag gegeben. Sie zeigt auch, dass Selbstständige, vor allem wenn die Gründung missglückte oder sogar in der Insolvenz endetete, in Deutschland viel größere Schwierigkeien haben, in ein Angstelltenverhältnis zurückzukehren als es in den USA der Fall wäre. "Es gibt in deutschen Unternehmen noch immer viele Vorbehalte", sagt Thilo Schumacher: "In den USA gilt man hingegen sogar nach einer Pleite als Selbstständiger aufgrund der dabei gewonnenen Erfahrungen als besonders qualifiziert und ist dadurch vielfach ein sehr begehrter Mitarbeiter."

Im Silicon Valley, dem Vorzeigeort der digitalen Gründerszene, gilt Scheitern als Qualifikation. Sich auf neue Rahmenbedingungen und Kundenwünsche einzustellen und sein Geschäftsmodell notfalls radikal zu verändern, ist in der Internet-Industrie Voraussetzung für nachhaltiges Wirtschaften. So ist der Begriff "to pivot" (engl. für sich drehen) ein geflügeltes Wort bei Start-up-Treffen geworden. Der Investor und Unternehmer Ben Horowitz (u.a. Facebook) hat sich mit der Psychologie von erfolgreichen Gründern beschäftigt. Er sagt: "Das Leben ist kein Business-Plan-Wettbewerb." Ziel sei es nur, sich eine gewisse Stellung auf dem Markt zu erkämpfen. Wenn man dafür den ursprünglichen Plan kippen muss, dann müsse man ihn kippen, so Horowitz.

Im Silicon Valley gilt Scheitern als Qualitätskriterium

Bezeichnend ist auch, dass das englische Wort für Scheitern, "to fail", in der US-amerikanischen Unternehmerwelt positiv besetzt ist. Im Hinterhofbüro des kalifornischen Risikokapital-Unternehmens Matter hängt ein Plakat an der Wand, auf dem nur zwei Begriffe stehen: "Fail forward". Grob übersetzt heißt das: Nach vorne scheitern. Eine Pleite bringt Unternehmer voran, so lautet die Philosophie im Silicon Valley. Matter-Chef Corey Ford sucht die Gründer sogar gezielt nach ihren negativen Erfahrungen aus. "Wir geben lieber einem Gründer Geld, der schon ein oder zwei Mal gescheitert ist. Er weiß, was er falsch gemacht hat und lernt daraus."

Internetunternehmer wie Oliver Samwer plädieren daher seit langem auch in Deutschland für einen Kulturwandel: "Um ein neues Google oder Facebook zu schaffen, muss man hinnehmen, dass es acht bis neun Unternehmen nicht schaffen", sagte der Chef des Seriengründers Rocket Internet zuletzt bei der "cnight" in Berlin. Er selbst lebt diese Kultur seit Jahren vor. Rocket Internet gründet Start-ups am Fließband. Dabei gilt: Was nicht funktioniert, wird beendet. Was erfolgreich ist, massiv forciert. So ist beispielsweise der Online-Modehändler Zalando entstanden, der inzwischen mehr als 1,8 Milliarden Euro Umsatz erzielt und rund 7000 Mitarbeier beschäftigt.  Am Ende werde sich diese Kultur auszahlen, ist Oliver Samwer daher überzeugt, denn "die Summe, die daraus am Ende an Arbeitsplätzen und Bedeutung für die Volkswirtschaft entstehen wird – die macht es aus".

Die Führungskräfte müssen die Kultur des Scheiterns vorleben

Wichtig sei, dass die Kultur des Scheiterns von den Verantwortlichen vorgelebt wird, sagt Gerd Mittmann. Er ist für die internationale Strategie von Shutterstock verantwortlich. Das Unternehmen hat 2003 auch als Start-up angefangen - und ist inzwischen ein weltweit tätiger führender Anbieter von lizenzfreiem Bildmaterial und Musik. Gründer Jon Oringer hat das erlebt, was sich Oliver Samwer auch für Deutschland wünschen würde: Er gründete zehn Unternehmen, von denen neun scheiterten. Trotzdem bekam er immer wieder eine Chance. 2014 setzte Shutterstock rund 330 Millionen Euro pro Jahr um, ein plus von rund 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Gerd Mittmann ist überzeugt, dass dafür auch die "Fail Forward"-Kultur des Unternehmens verantwortlich ist: "Wir erlauben uns, viele Fehler zu machen. Diese sind in der Summe aber ziemlich klein. Der Nutzen überwiegt damit deutlich den vermeintlichen Schaden." Häufig wende Shutterstock beispielsweise so genannte A-B-Tests an, bei denen parallel zwei Varianten getestet werden. So lässt sich die eigene Arbeit permanent verbessern. "Natürlich haben wir den Vorteil, dass sich unser Geschäft größtenteils in der digitalen Welt abspielt. So können wir in Echtzeit Daten auswerten", räumt Mittmann ein. Dennoch ist er überzeugt: Fail Forward, die Kultur des Scheiterns, könnte in jedem Unternehmen funktionieren.

Neben flachen Hierarchien sei dafür vor allem die Kommunikation wichtig. Projekte werden bei Shutterstock beispielsweise in so genannten zweiwöchigen Sprints umgesetzt - mit abschließender Präsentation, um vom Vorstand bis zum Vertrieb alle auf einen gemeinsamen Stand zu bringen. "Der Stolz, etwas präsentieren zu können, treibt die Leute an und ist total motivierend." Und wenn das Projekt noch nicht fertig sei, mache dies auch nichts: "Dann verlängern wir es einfach um zwei Wochen."

Nicht nur bei Shutterstock, auch bei anderen großen US-Unternehmen wie Google ist dieses Vorgehen inzwischen Prinzip. Gerd Mittmann glaubt, dass es sich langfristig überall durchsetzen wird. Noch gebe es zwar Unternehmen, in denen es die Kultur nicht gebe. Die Frage sei jedoch, wie lange sie damit noch erfolgreich sein können. "Jeder Mitbewerber, der auf eine Kultur des Scheiterns setzt, wird damit automatisch schneller sein."

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