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Interview mit Bundesbank-Vizepräsidentin Claudia Buch
"Wir sehen keine Immobilienblase"

Claudia Buch: Die Bundesbank-Vizepräsidentin im Interview
Claudia Buch, Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank FOTO: dpa
Düsseldorf. Claudia Buch zählt zu den wichtigsten deutschen Ökonomen. Die 49-Jährige Professorin aus Paderborn ist seit Mai 2014 Vize-Präsidentin der Bundesbank und sitzt mit am Tisch, wenn die Europäische Zentralbank (EZB) über das Schicksal von Griechenland entscheidet. Über die Euro-Krise, den Preisauftrieb und die Abschaffung des Bargeldes sprach mit ihr Antje Höning.

Ist die deutsche Bankenwelt sieben Jahre nach der Lehman-Pleite sicherer geworden?

Buch Sicherheit im Bankensektor hängt ganz entscheidend davon ab, ob die Banken mögliche Verluste aus eigener Kraft tragen können. Daher wurden die Eigenkapital-Regeln verschärft. Die Bankenunion macht es zudem einfacher, Risiken zu erkennen. Darüber hinaus haben wir heute bessere Möglichkeiten, Banken zu restrukturieren oder abzuwickeln, sollten sie in Schieflage geraten. Das alles macht die Bankenwelt sicherer.

Aber es bleiben Baustellen …

Buch … Ja. Nach wie vor müssen beispielsweise Staatsanleihen nicht mit Eigenkapital unterlegt werden. Bei Großkrediten gelten für Forderungen an den Staat auch nicht dieselben Beschränkungen wie für Unternehmen. Dabei hat die Krise gezeigt, dass Staatsanleihen nicht risikofrei sind. Die Privilegierung von Staatsanleihen in der Regulierung sollte daher beendet werden.

Bald will die EZB einen neuen Stresstest vornehmen. Wie viele Banken wird sie testen?

Buch Die EZB wird regelmäßig untersuchen, ob die größten Banken im Euro-Raum in der Lage sind, die Risiken aus einer Verschlechterung des makroökonomischen Umfelds abzufedern. Derzeit werden die Details des neuen, für 2016 geplanten, Stresstests diskutiert. Im vergangenen Jahr wurden 130 Banken aus dem Euro-Raum untersucht. Hierbei wurden insbesondere Kreditrisiken, Marktpreisrisiken, Refinanzierungsrisiken und sowie Risiken aus Verbriefungen und Staatsanleihen berücksichtigt.

Sind die Banken jetzt besser gerüstet?

Buch Viele Banken haben in den vergangenen Jahren ihre Eigenkapital-Polster aufgebaut. Die Prognosen für die realwirtschaftliche Entwicklung in Deutschland und im Euro-Raum sind heute günstiger als noch vor einem Jahr. All das stabilisiert. Aber: Aus den aktuell niedrigen Zinsen können neue Risiken entstehen. Es bestehen Anreize, in höherverzinsliche und damit risikoreichere Anlagen zu investieren.

Im Herbst 2014 wollte die Bundesbank noch nicht von einer Immobilienblase sprechen. Seitdem hat sich die Lage in Städten wie Frankfurt oder Düsseldorf verschärft. Haben wir jetzt eine Immobilienblase?

Buch Bezogen auf Gesamtdeutschland sehen wir keine solche Tendenz. In einigen Städten gibt es größere Preissteigerungen und sicherlich auch preisliche Übertreibungen. Diese Preisübertreibungen sind aber regional begrenzt. Für die Stabilität der Märkte ist jedoch nicht allein die Preisentwicklung von Bedeutung. Entscheidend ist, ob die Preissteigerungen mit einem starken Kreditwachstum und mit lockereren Konditionen bei der Kreditvergabe einhergehen. Hier sehen wir derzeit jedoch keine Besorgnis erregenden Entwicklungen. Sollte sich unsere Einschätzung ändern, würden wir geeignete Maßnahmen vorschlagen.

Was könnte die Bundesbank denn tun?

Buch Bereits jetzt wäre es möglich, von den Banken zu fordern, für bestimmte Immobilienkredite mehr Eigenkapital vorzuhalten. Andere Länder haben auch die Möglichkeit, bei den Vergabestandards der Banken anzusetzen, sodass Immobilienkredite sicherer werden. Wir sehen im Moment keine Notwendigkeit, solche Instrumente einzusetzen. Aber wir diskutieren mit dem Bundesfinanzministerium und der Aufsichtsbehörde Bafin im Ausschuss für Finanzstabilität, ob wir präventiv die gesetzlichen Grundlagen erweitern sollten.

Bei den Bauzinsen zeigt sich die Trendwende, die Zinsen steigen. Wohin geht die Reise?

Buch Wir machen keine Zinsprognose. Aber auch bei den Bundesanleihen sind in den vergangenen Wochen die Renditen tatsächlich deutlich gestiegen. Dies stellt wohl vor allem eine Korrektur früherer Übertreibungen dar.

Aber Sie machen eine Inflationsprognose. Wohin gehen die Preise?

Buch Die Inflationsaussichten für 2015 sind vor allem wegen des kräftigen Rückgangs der Rohölnotierungen im vergangenen Jahr noch gedämpft, aber die Verbraucher-Preise ziehen langsam an. Für 2015 erwarten wir eine Inflationsrate von 0,5 Prozent. 2016 werden wir in Deutschland bei 1,8 Prozent liegen, also auf einem Niveau, das der EZB-Rat als vereinbar mit Preisstabilität ansieht.

Wäre es dann nicht an der Zeit, den billionen-schweren Ankauf von Staatsanleihen (Quantitative Easing) vorzeitig zu beenden?

Buch Die Bundesbank hat das Programm kritisch gesehen. Doch wäre es für die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik nicht hilfreich, einmal getroffene Entscheidungen kurze Zeit später wieder infrage zu stellen.

Jüngst hat der IWF Griechenland mehr Zeit gegeben für die Rückzahlung seiner Kredite gegeben. Was soll das bringen?

Buch Es verschafft den Entscheidungsträgern mehr Zeit, allerdings nur wenige Wochen. Diese Zeit ließe sich nutzen, um an den notwendigen Reformen zu arbeiten. Aber an den strukturellen Problemen Griechenlands wird sich durch den Zahlungsaufschub unmittelbar nichts ändern.

Dem Bundesfinanzminister reicht es mittlerweile. Er würde einen Grexit riskieren, wenn Athen nicht endlich einlenkt. Ist der Grexit für die Bundesbank eine Option?

Buch Die direkte Ansteckungsgefahr auf andere Länder ist geringer, weil die direkten Forderungen der Banken gegenüber Griechenland geringer sind. Aber niemand weiß, zu welchen indirekten Effekten es kommen würde.

Bereitet die Bundesbank sich auf den Grexit oder einen Geuro als Übergangswährung für Hellas vor?

Buch Die Bundesbank beobachtet die Situation natürlich sehr sorgfältig. Wir stellen uns aber nicht die hypothetische Frage, wie ein vorübergehendes Zahlungsmittel in Griechenland aussehen könnte. Solche Überlegungen müsste, wenn überhaupt, die griechische Regierung anstellen. Ich hoffe aber, dass sie mit den hilfegebenden Ländern zu einer dauerhaft tragfähigen Lösung kommt.

Ist Griechenland in fünf Jahren noch im Euro?

Buch Hierüber möchte ich nicht spekulieren. Entscheidend ist, dass Griechenland die Reformen einleitet, die nötig sind, damit das Land seine wirtschaftlichen Probleme überwindet. Die Entscheidung über die Zukunft Griechenlands in der Währungsunion liegt bei der Politik.

Die griechische Regierung wünscht einen zweiten Schuldenschnitt. Braucht Griechenland den?

Buch Derzeit würde ein Schuldenschnitt die Haushaltslage in Griechenland nicht verbessern, denn die Zinsen sind bereits sehr niedrig.

Das Liquiditätsproblem löst Griechenland mit Hilfe der EZB. Ist eine Aufstockung der Notkredite denkbar?

Buch Notkredite, so genannte ELA-Kredite, sind Liquiditätshilfen, die die jeweilige nationale Notenbank auf eigenes Risiko vergibt. ELA soll aber nur kurzfristig und an solvente Banken vergeben werden. Der EZB-Rat kann der ELA-Vergabe mit einer 2/3-Mehrheit widersprechen.

Ein anderes Thema: Dänemark will das Bargeld (genau: die Annahmepflicht für Banknoten) abschaffen. Wäre das auch in Deutschland denkbar?

Buch Die Deutschen nutzen Bargeld nach wie vor sehr stark. Das zeigen unsere Studien. Käufe über 50 Euro werden demnach zwar meist elektronisch erledigt. Doch bei Käufen unter 50 Euro zahlen die Deutschen am liebsten bar. Auch im Ausland sind deutsche Banknoten beliebt.

Wie das?

Buch Wir sind Netto-Exporteuer von Bargeld. In der Schweiz und Osteuropa sind Euro-Scheine besonders gefragt.

Der Wirtschaftsweise Bofinger will das Bargeld abschaffen, um Steuerhinterziehung zu bekämpfen.

Buch Die Abschaffung des Bargelds wäre aus meiner Sicht eine unverhältnismäßige Maßnahme, um Steuerhinterziehung oder Schwarzarbeit zu bekämpfen. Bargeld wird weit überwiegend für legale Transaktionen verwendet. Die Bundesbank hat den gesetzlichen Auftrag, für den baren und unbaren Zahlungsverkehr in Deutschland zu sorgen. Diesen Auftrag erfüllen wir, wobei wir es den Bürgern überlassen, wie sie bezahlen.

 
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