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Besuch bei Claudia Nemat
Telekom setzt auf Digitaloffensive

Claudia Nemat: Telekom setzt auf Digitaloffensive
Viel zu tun: Claudia Nemat. FOTO: Telekom
Düsseldorf/Bonn. Die Düsseldorferin Claudia Nemat steuert bald Netze, Innovationen und Computertechnik aus einem Vorstandsressort. Von Reinhard Kowalewsky

Als ich Claudia Nemat in ihrem Büro als Vorstand der Deutschen Telekom besuchte, um über Innovationen zu sprechen, kamen wir eher zufällig auf ein sensibles Thema: "Ist das nicht ein bisschen viel, sich um mehr als zehn Ländergesellschaften in Osteuropa zu kümmern und gleichzeitig auch noch Technikchef zu sein?" fragte ich. Sie antwortete scheinbar verblüfft: Ja, das könne man mal durchdenken. Aber es gebe keinen Handlungsbedarf.

Schneller als gedacht werden nun Fakten geschaffen. Weil die Digitalisierung immer wichtiger wird, wählt der Aufsichtsrat der Telekom Frau Nemat am 30. Juni zur künftigen Leiterin über alle Netze, Netzwerkrechner und Innovationsteams des Konzerns. Das will Vorstandschef Tim Höttges. Die "Wirtschaftswoche" berichtete zuerst von dem Vorschlag. Insider bestätigen ihn gegenüber unserer Redaktion. Und damit Nemat Zeit für den reinen Digitaljob bekommt, wird sich künftig ein Extra-Vorstand nur um das Osteuropageschäft kümmern - aus ihrem Zweitjob wird so ein Hauptjob eines Kollegen. Gleichzeitig kommen das wichtige Innovationsteam aus dem Deutschland-Ressort und Techniker aus dem Großkundenressort zu ihr - mehr Macht für die aktuell einzige Frau im Vorstand.

Mit der Umstrukturierung einher geht eine neue Strategie: Die Telekom verabschiedet sich beim Privatkundengeschäft noch mehr davon, ein (fast) reiner Durchleiter von Daten für andere Firmen zu sein.

Stattdessen setzt Europas umsatzstärkster Telefonkonzern auf einen breiten Kranz von Dienstleistungen rund um ein europaweit durchdigitalisiertes Netz. Als Ergebnis von Investitionen in Höhe von vielen Milliarden Euro sollen die Gewinne deutlich steigen - die Zeit soll vorbei sein, in der vorrangig Google, Amazon oder Ebay Geld mit bei der Telekom durchgeleiteten Daten machten, sie will ihre Netze selber aufwerten. "Das ist ein richtiger Schritt", sagt der Duisburger Wirtschaftsprofessor Torsten Gerpott, "wegen der Digitalisierung lassen sich Netze und Dienstleistungen sowieso schwerer trennen." Er ergänzt aber, dass die Telekom Innovationen nötig hat: "Sie vermarktet an Kommunen beispielsweise W-Lan-Kapazitäten viel zu spät. Gemessen daran, dass die Telekom mit ihrem Netz überall ist, müsste sie offensiver sein."

Das, was auf die Kunden zukommt, lässt sich schon erkennen: So hat der Konzern das TV- und Video-Angebot "Entertain" mit 2,4 Millionen Kunden zu einem großen Erfolg gemacht - es gibt 15.000 Filme zum Download, laufende Sendungen können aufgerufen werden, per Smartphone lässt sich der Receiver zu Hause von unterwegs aus programmieren, Festnetz, Mobilfunk und Onlinespeicher wachsen so zusammen.

Viel wichtiger wird der Bau des Mobilfunknetzes 5G, das 2020 starten könnte: Es soll auch ermöglichen, dass Autos sich in Echtzeit untereinander darüber informieren, wo sie sich gerade befinden - das geht aber nur, wenn die Telekom entlang des Netzes hunderte Rechenzentren aufbaut, in denen Daten zwischengespeichert werden. Physikerin Nemat führte auf der Mobilfunkmesse in Barcelona im Februar bereits vor, was technisch möglich sein wird: Ein Roboter kann einen fliegenden Ball auffangen - die Telekom will ganze Fabriken vernetzen, um Deutschland einen Produktivitätsschub zu verpassen.

Als persönliche Leidenschaft will sie auch Digitaltechnik in Kleidung integrieren. Dafür strebt sie Kooperationen mit Mode- und Sportartikelherstellern an. Jacken, Schuhe, Mützen sollen mit dem Internet verknüpft werden. Als Verkaufsstellen sollen die T-Shops dienen.

In Barcelona stellte Claudia Nemat auch mit Konzernchef Tim Höttges eine Uhr vor, die auf gesprochene Fragen direkt eine Antwort gibt.

Vor erst neun Jahren begann mit dem ersten iPhone das Zeitalter des Smartphones. Nemat glaubt, dass aber intelligenter Kleidung die Zukunft gehört: "Smartphones wandern mittelfristig ins Museum."

Quelle: RP
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