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Lieferboykott: Das Dilemma mit der Milch

zuletzt aktualisiert: 23.04.2008 - 22:23

Frankfurt/Main (RPO). Aus Protest gegen die radikale Preissenkung für Milch in den Supermärkten drohen die deutschen Milchbauern mit einem Lieferboykott. Ab Mitte Mai könnten die Kühlregale des Einzelhandels dann leer bleiben. Machen die Bauern diese Drohung war, stehen sie aber vor einem großen Problem: Wohin mit der Milch?

Kühe interessieren sich nicht für den Lieferboykott. Die Milch einfach in den Abfluss zu schütten, ist allerdings unzulässig. Nach Einschätzung des Deutschen Bauernverbandes (DVB) haben viele Milcherzeuger zudem moralische Bedenken, die Milch zu verschütten, während in Teilen der Welt Menschen hungern.

Der legale Ausweg ruft bei den Bauern jedoch ähnliche Bedenken hervor: die so genannte „Verwertung im eigenen Betrieb“. Die Bauern könnten die produzierte Milch an Schweine und Kälber verfüttern. Auf diese Weise könnten sie nach Einschätzung von Branchenexperten Konventionalstrafen umgehen, die bei einem Lieferboykott an die Molkereien fällig wären. Denn die Produktion für den eigenen Bedarf hat Vorrang vor den Abgabeverpflichtungen.

Für unwahrscheinlich halten Experten allerdings ein Verkauf der Milch ins Ausland. Die Erzeuger treibe die Angst, dass im Gegenzug ausländische Anbieter in den deutschen Markt eindringen. Schließlich können die Bauern die Milch noch in ihre Gülle-Gruben schütten. Moralische Bedenken wären damit aber auch nicht aus der Welt.

Umfrage: 88 Prozent der Betriebe für Boykott

Trotz aller Bedenken sind die Milchbauer zum Äußersten bereit. Sinken die Preise weiter, wollen die Milchbauer offenbar die Boykottdrohungen wahr machen. Eine Umfrage unter den 33.000 Mitarbeitern habe ergeben, dass dazu 88 Prozent der Betriebe bereit wären, sagte Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Milchviehalter (BDM), Thorsten Sehm, der "Berliner Zeitung". "Genaues möchten wir aus taktischen Gründen nicht sagen, denn es soll ein Überraschungscoup werden", ergänzte er.

Als Grund für den möglichen Ausstand der Milchbauern nannte Sehm die "katastrophale" wirtschaftliche Lage vieler Mitglieder nach den zuletzt zwischen Molkereien und Einzelhandel vereinbarten Preissenkungen. Lidl, Aldi und Rewe hatten am Montag ihre Preise für Milch und Milchprodukte stark gesenkt. Die Bauern werfen den Unternehmen vor, ihre Marktmacht auf Kosten der Erzeuger auszunutzen. Sie fordern vom Bundeskartellamt, die identischen Preissenkungen kartellrechtlich zu überprüfen.

Bauern protestieren mit Kuhglockenkonzerten

Am Mittwoch gingen die Bauern zunächst auf die Straßen: Mit Kuhglockenkonzerten und Trillerpfeifen protestieren am Mittwoch rund 1000 Bauern in Stuttgart gegen die Preispolitik im Lebensmitteleinzelhandel. Auf einer Kundgebung warf der baden-württembergische Bauernpräsident Joachim Rukwied den Discountern Lidl und Aldi sowie der Supermarktkette Rewe vor, für Milch Dumpingpreise "erpresst" zu haben und damit Zehntausende bäuerliche Existenzen zu gefährden. Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) sagte, er habe "großes Verständnis" für die Proteste. Der BDM-Geschäftsführer Thorsten Sehm, stellte den Lieferboykott der Milchbauern in Aussicht.

An der Kundgebung in Stuttgart beteiligten sich vor allem Milchbauern, aber auch Schweinemäster, die sich ebenfalls über Dumpingpreise beklagten. Auf Transparenten hieß es unter anderem "Schluss mit Geiz" oder "Diese Saupreise sind zum weglaufen". Rukwied sprach mit Blick auf die aktuellen Preisstürze für Milcherzeugnisse von einer "modernen Leibeigenschaft". Was sich da abspiele, sei ein "Diktat von Oligopolisten" und komme einer "Kriegserklärung" gleich.

Seehofer zeigte sich verständnisvoll. Eine Existenz der Betriebe sei nur bei fairen und kostendeckenden Preisen möglich, sagte der CSU-Minister in Berlin. "Die Bauern haben Recht und meine Unterstützung", ergänzte er. Eine Überprüfung der Preisgestaltung liege in der Kompetenz des Bundeskartellamtes.

Der baden-württembergische Agrarminister Peter Hauk (CDU) wurde deutlicher. Das Bundeskartellamt sollte Preisentwicklungen nicht nur beobachten, sondern, "wie in einem so eindeutigen Fall", auch einschreiten, betonte Hauk auf der Stuttgarter Kundgebung. Er appellierte zugleich an die rund 120 deutschen Molkereien, stärker zu kooperieren, um ihre Verhandlungsposition zu verbessern.

Ähnlich wie Seehofer argumentierte Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU). "Ein Bauer, der Milch oder Getreide erzeugt, braucht einen fairen Preis dafür. Die Preise, die die Landwirte momentan erhalten, sind keineswegs so, dass sie große Sprünge machen könnten", sagte Beckstein der Tageszeitung "Die Welt".


 
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