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Ex-Konzernchef in Haft
Der Absturz des Thomas Middelhoff

Ex-Konzernchef in Haft: Der Absturz des Thomas Middelhoff
FOTO: dpa, ve lof
Essen. Die Gefängnisstrafe, die ihm nun droht, ist der Tiefpunkt in der Karriere des früheren Bertelsmann- und Arcandor-Chefs. Seine Manager-Karriere in Deutschland dürfte zu Ende sein. Das Urteil ist auch Konsequenz seines Versagens. Von Georg Winters

Es ist zehn nach neun an diesem Freitagmorgen, als Thomas Middelhoff den Saal 101 des Essener Landgerichts betritt. Wie hunderte, vielleicht sogar tausende Male zuvor in den vergangenen Jahrzehnten lächelt er in das Blitzlichtgewitter der Kameras. Doch im Gegensatz zu Pressekonferenzen, Hauptversammlungen und Investorenveranstaltungen früherer Tage wirkt diesmal alles gequält. Middelhoff ist verkrampft, weil er fürchten muss, dass er nach diesem Tag vorbestraft ist, dass der Makel eines Kriminellen an ihm haften bleibt.

Fünfzehn Minuten später sind seine Befürchtungen wahr geworden, und alles kommt noch schlimmer als erwartet. Der Angeklagte wird zu drei Jahren Haft verurteilt, und wenn die Revision nicht erfolgreich ist, dann muss Middelhoff ins Gefängnis. Ein Alptraum für einen Mann, der ganz oben war, der zig Millionen verdient hat, der bei Bertelsmann ein großer Star war.

So versteinert wie selten

Der tiefe Fall des Thomas Middelhoff ist nun juristisch dokumentiert. So versteinert wie am Freitag bei der Urteilsverkündung hat man ihn selten erlebt. Selten ist Middelhoff aber wahrscheinlich auch so klar eine Lüge unterstellt worden wie am Freitag im Gerichtssaal. Das hat der Vorsitzende Richter Jörg Schmitt im Zusammenhang mit einer angeblichen Vereinbarung zwischen Middelhoff und dem damaligen Arcandor-Aufsichtsratschef Hero Brahms getan. Der zufolge soll Middelhoff erlaubt gewesen sein, auch seine Privatflüge über Arcandor abzurechnen.

Pressestimmen: "Thomas Middelhoff wird für etwas ganz Anderes bestraft" FOTO: qvist /Shutterstock.com

"Doch diese Vereinbarung hat es nach unserer Meinung nie gegeben", sagte Schmitt. Noch ein Beispiel für die mangelnde Glaubwürdigkeit ist eine Mail, die Middelhoff 2011, zwei Jahre nach der Arcandor-Pleite, an den Insolvenzverwalter geschrieben hat. Darin habe Middelhoff erklärt, dass er selbst rund 180.000 Euro Kosten für eine Festschrift und ein Symposium aus Anlass des 70. Geburtstages von Ex-Bertelsmann-Chef Mark Wössner zahlen würde und diese Beträge nur vorläufig Arcandor belastet worden seien. Aber dafür, dass der Konzern überhaupt jemals irgendwie beteiligt werden sollte, habe es nie einen Hinweis gegeben, sagte Schmitt.

So viel widersprüchliche Aussagen und "Einlassungsbrüche" wie bei Middelhoff habe er in 15 Jahren in seinem Beruf noch nicht erlebt, erklärte der Richter. Das passt zum Bild vieler, die Middelhoff als jemanden sehen, der viel versprach, aber wenig lieferte - zumindest bei Arcandor. Ausgangs der 90er Jahre, in seiner Zeit bei Bertelsmann, galt er noch als Wunderkind. Dort verdoppelte er den Umsatz und verachtfachte das Eigenkapital, wie Richter Schmitt anerkennend anmerkt. Und er hat unglaublich viel gearbeitet, auch als Kontrolleur und späterer Chef bei Arcandor.

Die Pleite wird mit seinem Namen verbunden sein

Aber an Middelhoff haftet eben auch das Attribut des Blenders. Als er ausgesagt hat, bei Arcandor habe ihn die Herausforderung gereizt, und deshalb habe er einen millionenschweren Job bei Investcorp zugunsten der Arcandor-Stelle mit 250.000 Euro Jahresgehalt aufgegeben, entlarvt er sich selbst. Middelhoff soll nämlich 30 Millionen Euro dafür kassiert haben, dass er sein Engagement bei Investcorp aufgab, und noch einmal 100 Millionen Euro in Aussicht gestellt bekommen haben, falls es ihm gelänge, den Wert des Aktienpakets von Arcandor-Großaktionärin Madeleine Schickedanz zu verdoppeln.

Das ist misslungen. Die schon vor Jahren belächelte Ankündigung Middelhoffs, den Kurs der Arcandor-Aktie auf mehr als 40 Euro treiben zu wollen, erwies sich als leeres Versprechen und chancenloses Unterfangen. Insofern ist die Verurteilung von gestern auch eine Konsequenz aus dem unternehmerischen Versagen des Thomas Middelhoff. "Ohne die Arcandor-Pleite hätte es dieses Strafverfahren nie gegeben", hat der Richter gesagt. Und auch wenn Middelhoff natürlich nicht allein verantwortlich für den Niedergang des Handelskonzerns und seines Vorläufers KarstadtQuelle ist -die Pleite wird auf Dauer mit seinem Namen verbunden sein.

Die Gefängnisstrafe ist der Tiefpunkt in der Laufbahn von Thomas Middelhoff. Im Mai des nächsten Jahres wird er 62. Kaum vorstellbar, dass der Mann aus Bielefeld noch einmal in die Chefetage eines deutschen Unternehmens einzieht.

Quelle: RP
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