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Amazon-Rezensent aus Leichlingen
Der Mann, dem das Netz vertraut

Der Mann, dem das Netz vertraut – ein Amazon-Rezensent aus Leichlingen
Sven Objartel gehört zu den wichtigsten Rezensenten bei Amazon. In seiner Wohnung in Leichlingen stapeln sich daher die Test-Produkte. FOTO: Ralph Matzerath
Leichlingen. Sven Objartel ist einer der zehn wichtigsten Amazon-Rezensenten, zigtausende Kunden haben seine Bewertungen bereits gelesen. Produkte bekommt er dafür geschenkt. Kann man da objektiv sein? Ein Besuch. Von Florian Rinke

Jeder Morgen beginnt bei Sven Objartel mit einem Klick auf das E-Mail-Programm Weihnachten. Sobald er es öffnet, trudeln die Schreiben ein, in denen Menschen dem Leichlinger etwas schenken wollen – Handyhüllen, Beamer, sogar Dusch-Armaturen. 30 bis 40 solcher Anfragen gibt es pro Tag, und in Objartels Wohnzimmer türmt sich das Ergebnis: dutzende Kartons. Als Gegenleistung muss er die Produkte lediglich auf der Seite des Online-Händlers Amazon bewerten.

Die Meinung des 42-Jährigen zählt hier etwas, er ist einer der zehn wichtigsten Rezensenten. Zigtausende Kunden haben seine Bewertungen gelesen, haben wegen ihnen ein Produkt gekauft – oder eben nicht. Es gibt viele wie Objartel, die Waren gegen Bewertungen geschenkt bekommen, weil ihre Meinung nicht nur von Kunden, sondern auch von Verkäufern geschätzt wird. Ganz legal.

Auch Firmen spezialisieren sich auf das Geschäft mit den Rezensionen

Es ist ein System, das öffentlich kaum bekannt, aber weit verbreitet ist – denn viele Internetportale setzen auf Bewertungen. Drei Viertel aller Online-Shopper lesen solche Rezensionen, ergab zuletzt eine Umfrage des IT-Branchenverbands Bitkom. Bei 41 Prozent haben sie sogar Einfluss auf die Kaufentscheidung. Das Problem für die Händler ist: Viele Privatpersonen lesen Rezensionen, schreiben aber keine eigenen.

Amazon belohnt seine fleißigsten Rezensenten daher durch die Aufnahme in den hauseigenen Vine-Club. Bewerben kann man sich dafür nicht, man wird eingeladen. Mitglieder dieses exklusiven Zirkels bekommen kostenlose Produkte zum Testen geschickt. Wie viele Menschen das sind, verrät Amazon nicht.

Auch Firmen haben sich auf das Geschäft mit den Rezensionen spezialisiert. Über Seiten wie amzstars.com kann man beispielsweise Bewertungen kaufen – 200 kosten 299 Euro. Produkttester wiederum kommen über die Seite vergünstigt an Amazon-Artikel. Der Anbieter rühmt sich, auch Top-10-Rezensenten in seinen Reihen zu haben. Einer von ihnen ist Objartel, der jedoch nach eigenen Angaben nur noch selten etwas für den Anbieter macht.

Für Amazon sind solche Firmen ein Ärgernis, auch wenn sie betonen, dass die Rezensenten unabhängig bewerten. Trotzdem hat Amazon zuletzt die Richtlinien verschärft – Bewertungen gegen Belohnung sollen nur noch beim Vine-Programm erlaubt sein.

Ein Ausgleich zum Berufsleben als IT-Berater

"Ich bewerte die Sachen so, als hätte ich sie selbst bezahlt", betont Objartel. Einem Badwischer gab er nur zwei Sterne, einer Mini-Drohne einen. Ein Großteil der Produkte hat fünf von fünf Sternen bekommen.

Mitglied im Vine-Club ist Objartel nicht. Warum, weiß er nicht. Doch inzwischen sei ihm das egal. Auch um Eitelkeiten gehe es ihm nicht, auch wenn es schön sei, wenn Menschen seine Bewertungen helfen würden. Für ihn seien die Tests ein Ausgleich zum Berufsleben als IT-Berater – und eine gute Möglichkeit, sich mit neuen Technologien auseinanderzusetzen. Da kennt er sich aus. In der Bewertung eines Internet-Routers fachsimpelt er über 2,4 und fünf Gigahertz-Netze. 3570 Kunden fanden den Text hilfreich.

Und weil er von der Qualität seines Urteils überzeugt ist, scheut er sich nicht, Bewertungen unter richtigem Namen zu schreiben. Damit ist er ein Exot unter den Top-Rezensenten, die sich hinter Spitznamen wie Bazi, Liene oder Apicula verstecken. Wer sie sind oder was sie antreibt -man weiß es nicht. Und noch etwas unterscheidet ihn vom Rest: Während andere oft mehr als Tausend Bewertungen verfasst haben, sind es bei ihm 130. Warum ist er dann so erfolgreich?

"Den Leuten geht es wirklich um Details"

Um das zu verstehen, muss man zurückspringen zum 23. Dezember 2013. Objartel hatte damals ein Armband als Weihnachtsgeschenk gekauft und beschloss, die Welt daran teilhaben zu lassen. "Das Armband ist schön und von guter Qualität", schrieb er bei Amazon. "Damals wollte ich einfach mal gucken, ob es jemanden interessiert, wenn ich eine Rezension schreibe", sagt er. Und was passierte? Nichts.

Die Rezension steht noch im Internet, doch Objartel weiß nicht mal, ob sie je gelesen wurde. Heute sagt er: "Rezensionen, die extrem kurz sind, werden nur selten als hilfreich anerkannt. Den Leuten geht es wirklich um Details." Bewertet er heute Produkte, die er oft auch noch selbst kauft, schreibt er seitenfüllende Texte. Sogar über einen Klostein schreibt er mehr als 570 Wörter.

Plötzlich fanden Menschen seine Artikel hilfreich, plötzlich kamen Angebote von Anbietern zum Test. Oft sitzt er dafür bis zu drei Stunden nach der Arbeit oder an den Wochenenden an seinen Texten – hinzu kommt die Zeit, die er mit dem Test der Produkte verbringt. "Die meisten Dinge kann man nicht am Schreibtisch ausprobieren und testen." Um einen mobilen Luftdruckprüfer zu testen, fährt Objartel auch mal zur Tankstelle, um ein geeichtes Gerät als Vergleichsmaßstab heranzuziehen. "Jedes Produkt braucht ein realistisches Test-Szenario", sagt er.

Diese Leidenschaft, Dinge auszuprobieren und zu bewerten, hat Objartel schon als Kind entwickelt. "Mit 14 Jahren habe ich Computerspiele gesammelt, kategorisiert und abgelegt". Wie funktioniert die Steuerung? Wie sieht die Grafik aus? Er hat alles verglichen, notiert und mit Freunden über die Listen mit den Lieblingsspielen diskutiert.

Auch für das Umfeld kann das Hobby zur Belastung werden

Heute tauscht er sich auch mit anderen Top-Rezensenten aus. "Das sind ganz unterschiedliche Charaktere", sagt Objartel, "von der Hausfrau bis zum Hardcore-Gamer." Als der Leichlinger in die Top 10 aufrückte, bekam er irgendwann eine Einladung für eine geschlossene Facebook-Gruppe. "Wir tauschen uns dort aus. Ich habe zum Beispiel eine Liste erstellt, in der wir unverschämte Anbieter katalogisieren."

Dass all das ohne Beteiligung von Amazon läuft, ist aus Objartels Sicht kein Wunder: "Amazon kümmert sich nicht viel um Rezensenten, die viel Arbeit und Herzblut in ihre Bewertungen stecken." Dabei sei dies ein Hobby. Viele Produkte habe er etwa dem Kindergarten seiner Tochter gespendet oder verschenkt.

Hinzu kommt: Auch für das Umfeld kann dieses Hobby zur Belastung werden: "Es gab Zeiten, da musste das Geschäft unter unserer Wohnung so viele Pakete annehmen, dass es mir schon echt unangenehm war", sagt Freundin Daniela Hausstätter. Vor allem bei der Anlieferung eines Crosstrainers staunten die Mitarbeiter im Uhren-Geschäft nicht schlecht: Plötzlich stand ein knapp 50 Kilogramm schwerer Paket-Klotz im Laden. Immerhin: Acht von zehn Kunden hat die Rezension geholfen.

 Es sei einfach typisch deutsch, Dinge zu bewerten

Gute Tests erkenne man daran, dass sie die kleinen und großen Probleme im Detail beschreiben, die ein ganz normaler Kunde mit dem Produkt hat, sagt Objartel. Er empfiehlt daher, vor dem Kauf mehrere Rezensionen zu lesen - auch die negativen.

Bleibt nur noch eine Frage: Wird man nach so vielen Rezensionen nicht irgendwann zum permanenten Dauer-Tester? Daniela Hausstätter muss lachen. Und auch der IT-Experte grinst: "Naja, man neigt schon häufiger dazu. Nach Urlauben kommentiere ich auch auf den entsprechenden Plattformen." Es sei einfach typisch deutsch, Dinge zu bewerten. "Aber damit helfe ich ja auch anderen Menschen weiter."

Quelle: RP
 
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