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Wirtschaftskrise
Der tiefe Absturz der Iren
Strategien  zur Jobsicherung in der Krise
Strategien zur Jobsicherung in der Krise FOTO: gms
(RP). Es brodelt auf der grünen Insel. Kein anderer EU-Staat leidet so stark unter der Rezession wie Irland. Für dieses Jahr wird ein Rückgang der Wirtschaftsleistung um zehn Prozent erwartet, die Arbeitslosenquote hat bereits zwölf Prozent erreicht. Firmen wandern scharenweise in Billiglohnländer ab. Von Alexei Makartsev

Dublin. Ihre Hände zittern leicht. Pat O'Connor und Oliver Hayes schauen nervös auf die Uhr. Vor 15 Minuten hatte der Fabrikdirektor um ein Treffen mit dem Betriebsrat gebeten. Er sagte nicht, warum. Gibt es doch noch Hoffnung für die Jobs? Seit der Horrornachricht von der Schließung des Industriediamanten-Herstellers Element Six in Shannon hatten beide Männer in grauen Overalls viele Stunden damit verbracht, Rettungsszenarien für ihren Betrieb mit 450 Beschäftigten zu entwerfen. Sie wussten, es war hoffnungslos.

"Sie wollen uns loswerden. Sie sagen, dass die Kosten in Irland zu hoch seien, und dass es zur Verlagerung der Produktion nach Südafrika keine Alternative gebe. Es ist eine Lüge", sagt aufgeregt der rotgesichtige Firmenveteran Pat.

Oliver Hayes kann es sich nicht leisten, seine Stelle zu verlieren. Nein, nicht jetzt, in der schlimmsten Krise seit 70 Jahren. Der 47-jährige Chemiker hat drei Kinder, der älteste Sohn soll aufs College, seine Frau hat einen Halbtagsjob. Hayes klagt: "Die Industrie in Shannon ist tot. Wir werden hier nichts finden. Unsere einzige Hoffnung ist, dass die Firma eine anständige Abfindung zahlt."

"Die Firmen behandeln ihre Arbeiter so miserabel, als lebten wir im 19. Jahrhundert. Die gierigen Kapitalisten haben nichts aus der Geschichte gelernt", sagt die Gewerkschaftlerin Mary O'Donnell.

Täglich berichten die Medien von Firmenpleiten. 49 000 Stellen wurden seit Januar vernichtet. Die Arbeitslosenquote ist auf zwölf Prozent geklettert. Fast 100 000 Menschen können ohne staatliche Zuschüsse die Mieten nicht mehr bezahlen. Die irische Wirtschaft soll 2009 um 9,8 Prozent schrumpfen.

Beim früheren "keltischen Tiger", dessen Wirtschaftsboom weltweit Regierungschefs vor Neid erblassen ließ, herrscht Katerstimmung. 400 Millionen Euro neue Schulden muss Premier Brian Cowen jede Woche machen, um die explodierenden Sozialkosten zu decken. Die regierende Partei Fianna Fáil sieht keine Alternative zu radikalen Einschnitten im Gesundheitswesen und Bildungsbereich, um die Schuldenlast zu reduzieren. Fünf Prozent aller Beamten sollen entlassen und das Kindergeld um 500 Millionen Euro gekürzt werden.

Warum haben es die Iren so schwer? Das kleine Land hänge stark von der Nachfrage in Europa und den USA ab, an die es 80 Prozent seiner erzeugten Waren exportieren müsse, erklärt Brendan Butler vom Arbeitgeberverband IBEC. "Der Boom bewirkte, dass wir fett und faul wurden, bis wir unsere Wettbewerbsvorteile eingebüßt hatten. Außerdem haben wir uns zu sehr auf die Bauwirtschaft verlassen, die 15 Prozent unserer Wirtschaftsleistung ausgemacht hat." Es sei unvermeidbar gewesen, dass der irische Wirtschafts-Express nach dem Platzen der Immobilienblase schnell entgleisen würde, sagt Butler. Ein Jahr nachdem der wirtschaftliche Tsunami über die Insel gerollt ist, sind die Spuren der Verwüstung überall zu sehen. In Dublin haben viele Läden, Imbisse und Friseursalons zugemacht.

Die industrielle Basis des "Tigers" schrumpft. Viele Firmen verlagern ihre Standorte nach Asien, wo Arbeiter billig sind und die Gewerkschaften nichts zu sagen haben. Ganze Ortschaften bluten aus. Zehntausende Iren können von Erfahrungen berichten, wie sie der Gabelstaplerfahrer Dennis Ryan gemacht hat:

Bei der Computerfirma Dell in Limerick hatte er zehn Jahre lang geschuftet: "Um über die Runden zu kommen, habe ich 70 Stunden die Woche arbeiten müssen. Dell hatte hier 800 Millionen Euro im Jahr verdient, doch den gierigen Firmenbossen war das zu wenig", erzählt der Ire. Am 8. Januar erfuhr Dennis, dass 2200 Menschen entlassen werden. "Der Direktor hatte immer dementiert, dass er die Produktion nach Polen verlagern könnte. Wir nennen ihn jetzt den ,Lügner-Millionär'", sagt der Zwei-Meter-Mann mit der Figur eines Preisboxers.

Dennis bekam von Dell 18.000 Euro Abfindung, der Staat steuerte 12.000 Euro dazu. Er hofft, dass dieses Geld ausreicht, um 2010 mit einer eigenen Firma neu durchzustarten. Der 53-jährige Naturfreund hat einen Kurs für Gartendesign absolviert. Die Perspektive, zwischen den Blumenbeeten zu kriechen und dem Gesang der Vögel zu lauschen, erfüllt ihn mit Freude. "Viele meiner Ex-Kollegen sitzen zu Hause und tun nichts. Die Schulden werden sie umbringen", bedauert Dennis. Einen Dell-Computer will er nie wieder kaufen.

Quelle: RP
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