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Mammut-Aufgabe
Wohin die Deutsche Bahn steuert

Deutsche Bahn: Umbau in Vorstand und Konzern
Die Bahn reagiert auf Umsatzeinbußen und baut gleichzeitig Vorstand und Konzernstrukturen um. FOTO: dpa, sts kde
Berlin. Bahnchef Rüdiger Grube steht vor einer Mammut-Aufgabe: Er wird den Staatskonzern in den kommenden Monaten massiv umkrempeln. Von Thomas Reisener

In wenigen Tagen wird Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) Nachfolger von Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn. Und zwar als Trauzeuge des aktuellen Bahn-Chefs Rüdiger Grube, der Anfang August in Hamburg die TV-Köchin Cornelia Poletto heiraten wird. Bei Grubes erster Ehe, aus der er zwei erwachsene Kinder mitbringt, war Mehdorn Trauzeuge. Die beiden kannten sich aus ihrer gemeinsamen Zeit bei Airbus.

Klingt kompliziert? Ist aber längst nicht so kompliziert wie das, was Grube derzeit beruflich vorhat. Vor der Hochzeit muss er nämlich noch mal eben einen Komplett-Umbau der Deutschen Bahn organisieren. Gestern stellte der 63-Jährige dem Aufsichtsrat seine Pläne in einer Sondersitzung vor. Grubes Baustellen, und wie er sie in den Griff bekommen will:

Zahlen Von den 2,2 Milliarden Euro Betriebsgewinn, die Grube für das laufende Jahr geplant hat, bleiben wohl weniger als zwei Milliarden Euro übrig. Das verlautete gestern aus Konzernkreisen. Offiziell will der Konzern Details zur wirtschaftlichen Lage und zum Umbau erst im Laufe des heutigen Vormittages vorstellen. Damit würde Grube seine Ergebnisziele zum dritten Mal in Folge verpassen. Auch von den 70 Milliarden Euro Umsatz, die der Konzern früheren Angaben zufolge bis 2020 erreichen will, ist er noch weit entfernt. Voraussichtlich würden es im laufenden Jahr rund 40 Milliarden Euro, heißt es in Grubes Umfeld. Grube hat seine Sparziele nun um 90 Millionen Euro auf rund 600 Millionen Euro aufgestockt.

Börsengang Zwar ist die Bahn seit über zehn Jahren eine Aktiengesellschaft. Aber der Börsengang, für den Grubes Vorgänger Mehdorn schon einen konkreten Fahrplan vorgelegt hatte, rückt immer weiter in die Ferne. Intern war das schon lange klar: Die zahlreichen Baustellen im Konzern sind zu groß. Aber mit der offiziellen Absage des Börsengangs kann Grube jetzt auch die Konzernstruktur verschlanken: Für den Börsengang wurde eigens eine zweite Holding aufgebaut.

Fernverkehr Seit der Liberalisierung vor zwei Jahren überschlagen die Anbieter privater Fernbusse sich mit Wachstumszahlen. Rund 20 Millionen Fahrgäste verbuchen sie inzwischen pro Jahr und sind damit der schärfste Konkurrent der Bahn. Im vergangenen Jahr verdiente die Bahn mit ihren Fernzügen schon 111 Millionen Euro weniger als 2013 (damals noch 323 Millionen Euro). Im ersten Halbjahr 2015 soll sich der Gewinn sogar halbiert haben. Im Güterverkehr droht der Bahn zudem neue Konkurrenz durch die so genannten Gigaliner: Die Politik genehmigt immer mehr Ausnahmen für die neuen Riesen-Lkw. Grube verspricht den Kunden eine Service-Offensive.

Nahverkehr Bundesweit verliert die Bahn wichtige Aufträge an den privaten Wettbewerb. Zuletzt in NRW den Rhein-Ruhr-Express (RRX) an zwei ausländische Anbieter, weshalb ihr Marktanteil im bevölkerungsreichsten Bundesland bald auf unter 50 Prozent rutschen wird. Über die Politik will Grube für die Bahn günstigere Ausschreibungsbedingungen erreichen.

Vorstandsumbau Auf die zum Teil bedrohlichen Entwicklungen reagiert Grube mit einem neuen Vorstand. Das Gremium schrumpft von acht auf sechs Mitglieder. Technikvorstand Heike Hamagarth – bislang die einzige Frau im obersten Lenkungsgremium – verlässt den Konzern. Ihr Bereich wird aufgespalten: Infrastrukturvorstand Volker Kefer ist künftig auch zuständig für Technik, Systemtechnik sowie das Sicherheits- und Qualitätsmanagement. Kefer wird zudem stellvertretender Vorstandschef. Der Rest des Technikbereichs wird von Finanzvorstand Richard Lutz übernommen. Der frühere Kanzleramtsminister und CDU-General Ronald Pofalla wird Compliance-Vorstand Gerd Becht nicht erst 2017, sondern schon am Samstag nachfolgen. Neben den Rechts- und Compliance-Angelegenheiten soll er auch die Regierungskontakte der Bahn in Berlin und Brüssel pflegen. Der bisherige Fernverkehrs-Chef Berthold Huber ist mit dem neuen Super-Ressort "Verkehr und Transport" künftig auch für Schenker Rail zuständig.

Privatisierungen Offenbar will Grube auch Teile des Konzerns abgeben. Bei der renditeschwachen Logistiktochter Schenker und beim Auslandsgeschäft Arriva scheint er auf der Suche nach neuen Minderheitsgesellschaftern zu sein, die Geld und neue Ansätze beisteuern.

Infrastruktur Marode Brücken und Weichen sowie veraltete Stellwerke: Die schwache Infrastruktur gefährdet den Ruf der Bahn. 28 Milliarden Euro will sie noch in diesem Jahrzehnt in ihre Infrastruktur pumpen. Das klingt nach viel. Ist aber nur das Nötigste, um den Sanierungsstau zu bekämpfen. Den Experten der "Allianz pro Schiene" zufolge wurde im vergangenen Jahr fast nirgendwo in Westeuropa vergleichsweise weniger in das Schienennetz investiert als in Deutschland.

(tor)
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