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Erfolgreich im IT-Mekka
Deutsche erobern das Silicon Valley

Deutsche erobern das Silicon Valley
Die Stanford Universität in Palo Alto ist das wissenschaftliche Rückgrat des Silicon Valley. Hier wurde unter anderem Google entwickelt. FOTO: Linda A. Cicero / Stanford News Service
San Francisco. Im kalifornischen IT-Mekka gilt: Die Amerikaner vermarkten, die Inder programmieren, die deutschen Ingenieure bringen Struktur in die Prozesse. Allerdings tun sie dies lieber im Hintergrund. Wer sind die Deutschen im Valley? Eine Spurensuche. Von Michael Bröcker und Florian Rinke

Der Einflussreiche Peter Thiel ist der Mann mit der goldenen Nase. Der gebürtige Frankfurter gehört zu den Investoren der ersten Stunde bei Facebook. Es war ein lukratives Investment. 2004 half er seinem Kumpel Mark Zuckerberg mit 500.000 Dollar über die schwierige Anfangsphase hinweg. 2011 verkaufte Thiel seine Anteile für 400 Millionen Dollar. Facebook ist heute mehr als 150 Milliarden Dollar wert und Thiel immer noch beteiligt. Die erste eigene Million machte der Stanford-Absolvent (Philosophie) mit der Gründung des Online-Bezahldienstes Pay Pal, den er und seine Miteigentümer 2002 für 55 Millionen Dollar an das Internet-Auktionshaus Ebay verkauften. Thiel konzentriert sich seither auf die Finanzierung von Start-ups. Sein Hedge-Fonds investiert am liebsten in Firmen, die auf Zukunftstechnologien wie Nano, Raumfahrt und Sicherheitstechnik setzen. So ist der Fonds etwa am umstrittenen US-Unternehmen Palantir Technologies beteiligt, das Sicherheitslösungen für den US-Geheimdienst CIA anbietet. Das Magazin "Forbes" beziffert Thiels Vermögen aktuell auf 1,8 Milliarden Dollar. Privat unterstützt der Shakespeare-Fan anders als die meisten Tech-Unternehmer im liberalen Kalifornien den republikanischen Präsidentschaftsbewerber Donald Trump. Peter Thiel bezeichnet sich "Libertärer", die Marktwirtschaft ist für ihn eine segensreiche Sache. Er weiß wohl, warum.

Peter Thiel. FOTO: imago stock&people

Die Investorin Wer zu den seltenen Dinner-Veranstaltungen im Haus von Margit Wennmachers im Norden San Franciscos eingeladen wird, ist entweder ein hoffnungsvoller Gründer oder ein vermögender Investor. Oder beides. Die 46-jährige Aachenerin ist Partnerin der Beteiligungsfirma Andreessen Horowitz und gehört damit zu der "Handvoll Frauen" im männerdominierten Geschäft der Wagniskapitalgeber, wie die US-Journalistin Kara Swisher anerkennend in einem Artikel bemerkte. Andreessen und Horowitz gehören mit einem Anlagevolumen von rund vier Milliarden Dollar zu den ersten Investoren-Adressen im Valley. Unter anderem ist der Fonds an Internet-Perlen wie Facebook, Twitter, Buzzfeed und AirBnB beteiligt. Wennmachers erfand einst als Mitgründerin und Chefin der Kommunikationsfirma OutCast die PR-Strategie für die Wagniskapitalgeber. Offenbar war sie so gut, dass Marc Andreessen sie 2010 abwarb. Die alleinerziehende Mutter studierte Betriebswirtschaft an der Universität Lippstadt, bevor sie in die USA auswanderte. Diese Entscheidung nennt sie heute die beste ihres Lebens. Ihr Erfolgsrezept hat sie 2013 dem Magazin "Focus" verraten: "Man muss kämpfen wollen und darf nicht harmoniesüchtig sein."

Margit Wennmachers. FOTO: Jan Haas

Die Gründer Nur etwa 0,01 Prozent der Start-ups im Silicon Valley überleben ihr erstes Geschäftsjahr. Und doch sind es viele deutsche Gründer, die  gleich vor Ort versuchen, ihre digitale Geschäftsidee zu etablieren. So wie Thomas Arend. Der promovierte Informatiker hat ein Portal gegründet, auf dem Privatleute ihr Wissen zu einem bestimmten Thema per Live-Vidoe anbieten. Eine Echtzeit-Lehrerplattform nur eben mit Laien. "Jeder kann unterrichten", sagt Arend. "Jeder kann irgendetwas besonders gut. Darum geht es." Wer Harfe spielen will oder Gesangsunterricht sucht, die Kulturtechnik der Manga erlernen will oder schlicht den Spanisch-Sprachkurs oder den Algebra-Unterricht buchen möchte, wird bei Savvy.is fündig. Arend kassiert beim Anbieter eines Vidoe-Tutorials eine Provision. Den Rest regeln Anbieter und Nachfrager der Dienstleistung, das typische Plattform-Prinzip der Internet-Ökonomie. Im Schnitt kostet die Privatstunde 50 Dollar. Jüngst hat der 46-jährige Saarländer, der schon bei Google, AirBnB und Twitter als Produktentwickler arbeitete und seit zehn Jahren im Silicon Valley lebt, von mehreren Investoren 1,7 Millionen Dollar für die Weiterentwicklung seiner Idee eingesammelt Bis Ende 2016 soll die Plattform auch in Deutschland an den Start gehen. "Das Valley schätzt an uns Deutschen die strukturierte, systematische Arbeit", sagt Arend. "Viele Deutsche arbeiten hier erfolgreich, aber eher im Hintergrund."

Thomas Arend. FOTO: RP

Der Oldie Andreas von Bechtolsheim ist der lebende Beweis dafür. Der 60-Jährige ist so etwas wie der "elder statesman" der Deutschen im Valley. Ein Urgestein. Irgendwie immer schon dagewesen. Der Informatiker gründete 1982 mit Studienkollegen Sun Microsystems und investierte 1998 als einer der Ersten in Google. Schon mit 17 Jahren tüftelte "Andy", wie sie ihn im Valley nennen, an seinem ersten Mikrocomputer. Geschätztes Vermögen heute: 2,8 Milliarden Dollar. Der Sohn eines Volksschullehrers am bayerischen Ammersee kam als Fulbright-Stipendiat 1975 in die USA und blieb. Inzwischen investierte Bechtolsheim in über 100 Technikfirmen, er ist ein wichtiger Mentor für die junge digitale Elite. Viel Aufsehen macht er um sich nicht. Interviews sind rar.

Andreas von Bechtolsheim. FOTO: Youtube

Der Jungstar Als Catalin Voss mit 18 Jahren ins Silicon Valley ging, galt er schnell als eine Art deutsches Wunderkind. Zuhause, in der Nähe von Heidelberg, hatte er sich in der Schule gelangweilt, rumgezappelt und Lehrer geärgert. Doch kaum hatte er den Abschluss, zog er in die USA, begann ein Informatik-Studium an der Stanford Universität und gründete nebenbei ein Unternehmen: Sension. Die Software von Sension erkennt Emotionen in Gesichtern von Menschen. Programme könnten dadurch besser auf die Bedürfnisse von Nutzern eingehen – wer gelangweilt guckt, bekommt zum Beispiel andere, spannendere Inhalte angezeigt. Inzwischen haben Voss und seine Mitstreiter die Mehrheit an ihrem Start-up an das japanische Unternehmen GAIA System Solutionsverkauft, zu dessen Kunden unter anderem der Autohersteller Toyota zählt.

Catalin Voss. FOTO: Youtube

Die "Googler" Wer die kleine weiße Mitarbeiterkarte besitzt, gehört zur Elite. Die Gemeinschaft der etwa 35.000 "Googler" auf dem Campus von Google im kalifornischen Mountain View fühlen sich als Elite des Valley. Nicht ganz zu unrecht. Google ist das Maß der Dinge, ein Ingenieur verdient hier zum Einstieg schon mal 150.000 Dollar pro Jahr. Der Düsseldorfer Philipp Schindler hat es ganz nach oben geschafft. In den Vorstand. Der 45-jährige Betriebswirt verantwortet das weltweite Werbegeschäft, 60 Milliarden Dollar. Der Ex- Bertelsmann-Manager stieg in zehn Jahren vom Deutschland-Chef zum Welt-Vorstand auf. Schindler, immer noch hin und wieder zu Besuch bei seinen Eltern in Düsseldorf, ist einer von mehr als 20 deutschen "Googlern". Davon sind einige in Führungspositionen angelangt, wie etwa Malte Ubl, Leiter des Produktteams AMP, das Suchanfragen für Mobilgeräte optimiert. Der frühere Geschäftsführer von PayPal Deutschland studierte Computerwissenschaften an der Fachhochschule Elmshorn, gründete in Hamburg ein eigenes Start-up, bevor er bei Ebay anheuerte und 2009 schließlich zu Google übersiedelte.

Philipp Schindler. FOTO: dpa/Robert Schlesinger

Auch der Freiburger Informatiker Christian Plagemann, der mit seinem Team erforscht, wie natürliche menschliche Bewegungen besser mit der Steuerung von Computern verbunden werden können, gehört zur Riege der Nachwuchsführungstalente. Und natürlich der Solinger Sebastian Thrun, der für Google im Geheimlabor Google X das selbstfahrende Auto und die Datenbrille Google Glass mitentwickelte. Er lehrte an der Stanford-Universität und beschloss dann, die Universitätslandschaft zu revolutionieren. Die Uni, ist Thrun überzeugt, sei ein elitäres System für einen kleinen Kreis Privilegierter, die überwiegend aus Industriestaaten stammen. Mit "Udacity" will Thrun eine Online-Universität aufbauen, die jedem Menschen auf der Welt offenstehen soll. An Visionen mangelt es den Deutschen im Valley also nicht. Da sind sie schon sehr amerikanisch geworden.

 

Quelle: RP
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