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Ex-BDI-Chef Heinrich Weiss: „Deutschland braucht China“

VON THOMAS REISENER - zuletzt aktualisiert: 06.12.2007 - 20:25

Düsseldorf (RP). Kaum ein deutscher Unternehmer kennt China so gut wie SMS-Chef Heinrich Weiss. Die aktuellen Verstimmungen beobachtet der ehemalige BDI-Präsident mit Sorge. Der politische Dialog sei gefährdet. Aber nicht die Wirtschaft.

Der Empfang des Dalai Lama durch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat in Deutschland eine alte Debatte neu entflammt: Muss Politik sich über wirtschaftliche Interessen hinwegsetzen? Darf die Wirtschaft umgekehrt das Wertesystem ihrer Heimat ignorieren? Es geht um Menschenrechte. Und Milliarden: Während Angela Merkel mit dem Empfang des Erzfeindes der chinesischen Regierung ein moralisches Zeichen setzen wollte, tat Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy wenige Tage später bei einem Besuch in China das Gegenteil. Er ließ das Thema Menschenrechte demonstrativ in der Aktentasche – und holte frische Aufträge über 20 Milliarden Euro nach Frankreich.

Kann Deutschland China jetzt erst einmal wirtschaftlich abschreiben? „Ach was“, winkt der Düsseldorfer Unternehmer Heinrich Weiss ab. Er muss es wissen. Nicht nur, weil er mit seiner inzwischen milliardenschweren SMS Group in den letzten 20 Jahren selbst jeden dritten Euro in China umgesetzt hat. Der ehemalige BDI-Präsident kennt auch die Hoffnungen und Nöte vieler anderer Unternehmer, die in China engagiert sind.

Nadelstiche

Vielleicht sogar besser als jeder andere: 15 Jahre lang hat er als Vorsitzender des Arbeitskreises China der Deutschen Wirtschaft unzählige Male Kanzler, Außenminister und andere höchstkarätige Delegationen nach China begleitet. Er weiß also, wovon er spricht, wenn er sagt: „Über ein paar vorübergehende protokollarische Nadelstiche hinaus wird diese Affäre mittel- und langfristig keine Konsequenzen für die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen haben.“ Und zwar schlicht aus pragmatischen Gründen: „Die Chinesen kaufen ja nicht bei uns, weil sie uns nett finden“, so Weiss, „sondern weil sie unsere Produkte für ihren Aufschwung brauchen.“

Anders sehe es hingegen mit den politischen Beziehungen aus. Die hält Weiss jetzt für „ernsthaft gefährdet“. Menschenrechts-Dialog, Justiz-Dialog, „all das wird jetzt von den Chinesen abgesagt“, beobachtet Weiss, „ich weiß nicht, ob sich das so schnell reparieren lässt“.

Weiss lehnt den Appell des FDP-Chefs Guido Westerwelle ab, dass die deutsche Wirtschaft sich gerade jetzt demonstrativ hinter die Kanzlerin stellen soll. „Politik macht man doch nicht mit erhobenem Zeigefinger“, hat er gelernt, „böse Worte oder gar ein Boykott bringen überhaupt nichts.“ Eine Ausnahme macht er allerdings: Wenn die Weltgemeinschaft sich einig ist – wie etwa seinerzeit im Ringen gegen den irakischen Staatsverbrecher Saddam Hussein – könne ein Boykott politische Wirkung entfalten. Schon das Beispiel Iran aber zeige die Wirkungslosigkeit eines unvollständigen Boykotts: „Die deutschen Exporte in den Iran sind in den vergangenen drei Jahren stark zurückgegangen. Die Lücke wird jetzt von China ausgefüllt. Sonst hat sich im Iran nichts geändert.“

Würde die Wirtschaft sich jetzt, wie von Westerwelle und anderen gefordert, gegenüber China zurückhalten, drohen nach Auffassung Weiss’ über den wirtschaftlichen Schaden hinaus auch politische Chancen der Einflussnahme auf die dortige Menschenrechtssituation wegzubrechen. Denn die Geschichte der Neuzeit zeige bis heute, dass es stets die wirtschaftlichen Beziehungen gewesen seien, die wenigstens noch einen Rest-Dialog ermöglicht hätten, wenn die Politiker zweier Staaten ihre Beziehungen gekappt hätten. Überhaupt seien wirtschaftliche Beziehungen meist die Voraussetzung staatlicher Bruderküsse gewesen: „Ohne die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft hätten wir heute keine EU“, nennt Weiss ein Beispiel, „auch in der Diplomatie geht die Wirtschaft der Flagge meistens voran.“

China hängt uns ab

Chinas wirtschaftliche Bedeutung für Deutschland hält Weiss für elementar: „Wir brauchen China. China uns nicht.“ Denn als auf den Export angewiesene Nation könne Deutschland sich auf dem größten Absatzmarkt der Erde eine Schlappe schlichtweg nicht erlauben. Die politische Bedeutung Chinas sei schon heute größer als die Deutschlands. Und auch als Export-Weltmeister werde das Reich der Mitte Deutschland „spätestens im kommenden Jahr“ abhängen.


 
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