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Wo findet sich das Land im Jahr 2035?: Deutschland steht vor einer Wachstumskrise

VON PHILIPP STEMPEL - zuletzt aktualisiert: 19.05.2010 - 16:26

Düsseldorf (RPO). Wo steht Deutschland in 25 Jahren? Eine Wirtschaftsstudie hat sich an eine langfristige Prognose gewagt. Sie enthält eine nüchterne Kernbotschaft: Die fetten Jahre sind vorbei. Deutschland wird sich langfristig mit einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von einem Prozent anfreunden müssen.

Studien mit langfristigen Voraussagen sind stets mit Vorsicht zu genießen. Zu groß ist die Chance, dass unvorhersehbare Ereignisse die Dinge durcheinander bringen. Ganz egal, ob eine Naturkatastrophe oder eine Wirtschaftskrise, die niemand hat kommen sehen. Dennoch befasst sich das Unternehmen Prognos seit über 50 Jahren damit. Es skizziert die Zukunft auf Grund ausgefeilter Modelle, was unter den aktuell gesetzten Rahmenbedingungen kommen wird.

Auf dieser Grundlage lässt sich einiges erkennen. Zum Beispiel, dass Deutschland ein ausgelaugtes Land ist. Wenn alles so bleibt wie es ist, steht der Republik eine magere Zukunft bevor. Das Bruttoinlandsprodukt wird durchschnittlich nur noch mit einem Prozent im Jahr wachsen, sagen die Forscher. Auch die gesamte europäische Union muss sich  auf niedrigere Wachstumsraten einstellen.

Deutschland im Jahr 2035 – mehrere Dinge werden das Land verändern.

Demografie Eine der Ursachen für das nachlassende Wachstum ist die Bevölkerungsentwicklung. Die Zahl der Deutschen geht auf knapp 78 Millionen zurück. Zudem schwinden dem Land mit dem Älterwerden seiner Bürger Kraft und Dynamik. Ab dem Jahr 2020 werde sich der demografische Wandel drastisch beschleunigen. "Nur wenn sich Menschen über 60 Jahre sowie Frauen in allen Altersklassen deutlich stärker als heute am Erwerbsleben beteiligen, kann der demografisch bedingte Rückgang des gesamtwirtschaftlichen Arbeitsumfangs kompensiert werden" sagte Prognos-Geschäftsführer Christian Böllhoff bei der Vorstellung der Studie am Mittwoch in München.

Wohlstand Die Sache mit der Bevölkerung hat eine angenehme Kehrseite. Dadurch dass sich der Wohlstand auf weniger Menschen verteilt, wird das Pro-Kopf-Einkommen wachsen. Die Wertschöpfung werde insgesamt um 28 Prozent gegenüber dem Jahr 2008 gesteigert. Der private Konsum wird nach Ansicht der Forscher um jährlich 0,8 Prozent ansteigen, etwa parallel zum verfügbaren Einkommen.

Sparen Voraussetzung für das bisschen Wachstum ist die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte. Die größte wirtschaftspolitische Herausforderung der kommenden Jahre, wie Böllhoff anmerkt. "Nur mit beherzten Konsolidierungsanstrengungen in Form von Subventionsabbau und einer weiteren Rückführung der öffentlichen Beschäftigung kann es gelingen, die Defizitquote langfristig zwischen ein und zwei Prozent zu stabilisieren und die Schuldenstandquote allmählich zu reduzieren", sagt er. Immerhin hilft der demografische Wandel: Der Staat kann mit jährlich 400 Millionen Euro weniger Kindergeld kalkulieren.

Schulden Die aktuelle Schuldenkrise wird Deutschland Prognos zufolge noch Jahrzehnte  begleiten. Vorausgesetzt, die Regierungen sparen eisern, findet sich die Republik im Jahr 2035 auf dem Schuldenniveau von 2008 wieder: 66 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Aus Sicht der Forscher hat die von der Politik eingeführten Schuldenbremse allerdings erst ab 2016 eine reelle Chance berücksichtigt zu werden. 

Arbeit Ersparnisse kann die Regierung auch wegen der sinkenden Arbeitslosenquote erwarten. Sie soll bis zum Jahr 2035 auf fünf Prozent zurückgehen, wie die Studie errechnet. Es wären nur halb so viele wie im Jahr 2010. Darüber hinaus verstärken sich die aktuellen Trends auf dem Arbeitsmarkt: der Mangel an Ingenieuren verschärft sich ebenso wie der Druck auf den einzelnen Arbeitnehmer. Prognos zufolge wird sich die Zahl der jährlich geleisteten Arbeitsstunden pro Kopf von 1400 auf 1500 erhöht haben. Nur eine verstärkte Zuwanderung oder eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit könne dem entgegenwirken.

Weltwirtschaft Deutschland bleibt Exportnation. Und zwar mehr denn je. Laut Studie wird der Anteil des Exports an der deutschen Wirtschaftsleistung noch erheblich steigen – von 48 auf 72 Prozent. Allerdings kann sich Deutschland wie der gesamte EU-Raum nur mühsam von den Lasten der Finanz- und Wirtschaftskrisen befreien. Wirtschaftlich wird sich der Kontinent nach Ansicht der Forscher stabilisieren, allerdings auf niedrigerem Niveau. Relativ gesehen verliert Deutschland an Bedeutung in der Welt. Die führenden Mächte von morgen heißen China und Indien, die USA verliert.

Fazit "Zusammenfassend ist zu sagen, dass Deutschland mit den Menschen, die es hat und dem, was sie können, auf den Weltmärkten auch zukünftig bestehen kann", sagt Geschäftsführer Böllhoff zum Abschluss der Präsentation. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass nicht vorhergesehene Katastrophen ausbleiben. Zudem muss die Bundesregierung erst einmal eine historische Schulden-Krise aus dem Weg räumen.


 
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