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Die Angst der Firmen vor Wikileaks

Analyse: Die Angst der Firmen vor Wikileaks
Wikileaks-Gründer Julian Assange (43). FOTO: ap
Düsseldorf. Wikileaks hat 200.000 interne Sony-Dokumente veröffentlicht. Die Daten stammen vermutlich aus dem Hacker-Angriff auf den Elektronikkonzern im vergangenen Jahr. In der Wirtschaft wächst die Sorge vor Cyberattacken. Von Reinhard Kowalewsky

Die Enthüllungsplattform Wikileaks hat mit Indiskretionen im Internet bereits einige politische Erdbeben ausgelöst. So machte Wikileaks etwa bekannt, dass US-Soldaten im Irak folterten - Washington war gezwungen, zu reagieren. Wikileaks-Gründer Julian Assange wurde weltweit bekannt.

Gestern nahm Wikileaks erstmals ein privates Unternehmen ins Visier. Nachdem im November eine Hackergruppe interne Daten von Sony USA gestohlen hatte, weil der japanische Konzern den Film "The Interview" über ein Attentat auf Koreas Diktator Kim Jong Un herausbringen wollte, hat Wikileaks nun 170 000 E-Mails von Sony USA sowie rund 30 000 Dateien veröffentlicht, die wahrscheinlich aus dieser Attacke im November kommen.

Die Dokumente böten "einen seltenen Einblick in die inneren Abläufe eines großen verschlossenen Unternehmens", rechtfertigt Julian Assange das Vorgehen. Die Papiere würden zeigen, dass Sony Verbindungen zum Weißen Haus, zur Demokratischen Partei von Präsident Barack Obama sowie zur Rüstungsindustrie habe - realistisch betrachtet hätte man sich das bei Sony, einem wichtigen Weltkonzern, allerdings sowieso denken können.

Immerhin zeigen die Dokumente aber, dass Sony über Mitarbeiter gezielt hohe Wahlkampfspenden an die US-Demokraten verteilte, damit die sich als Dank für bessere Urheberrechte für Filme im Internet einsetzen. Das ist zwar eine für Sony und Barack Obamas Partei nicht ganz angenehme Meldung, aber keine Sensation. "Jeder weiß, dass in Washington Lobby-Arbeit gemacht wird", sagt der in der US-Hauptstadt arbeitende deutsche Politikberater Claus Gramckow. "Neu wäre nur, wenn ausgerechnet Sony darauf verzichtet hätte."

Sony selbst verweist darauf, die Veröffentlichung von Wikileaks spiele den kriminellen Hackern nur in die Hände - also wahrscheinlich dem nordkoreanischen Regime als vermutetem Hintermann der Angreifer. Ansonsten werde Sony den Kampf für "Sicherheit und Privatsphäre innerhalb der Firma und für seine Angestellten fortsetzen". Mit diesem Kampf steht Sony alles andere als alleine da. Denn Internetattacken und digitale Indiskretionen jeder Art sind eine der Hauptsorgen der internationalen Wirtschaft geworden.

Bei Evonik in Essen dürfen Mitarbeiter zu bestimmten Besprechungen keine Smartphones mitbringen, um Abhörangriffe unmöglich zu machen. Bei Bayer, Daimler, Henkel oder der Telekom arbeiten große Teams am Schutz vor Datendiebstahl - so wehrte Bayer im Jahr 2011 einen Angriff der Gruppe "Anonymous" ab.

Dabei haben die Hacker aber keineswegs immer öffentliche Interessen im Auge. Bei der US-Großbank Morgan Stanley stahl Ende 2014 ein Mitarbeiter die Daten von 350 000 Kunden - von immerhin 900 sehr wohlhabenden Kunden stellte er die Informationen sogar online. 2013 wurden bei der US-Technikfirma Target die Kreditkarteninfos von 40 Millionen Kreditkarten illegal kopiert. Und bei der Softwarefirma Adobe knackte ein Hacker sogar die Daten von 130 Millionen Kunden. "Das sind häufig kriminelle Akte ohne jeden ideologischen Hintergrund", sagt der Wirtschaftsprüfer und IT-Experte Frank Hülsberg von der Beratungsfirma WKGT. "Oft ist das Hacken von Firmencomputern reiner Selbstzweck."

Spätestens jetzt mit Wikileaks, mit dem früheren US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden und auch der Enthüllungsplattform Lux-Leaks, die Steuervermeidungspraktiken in Luxemburg aufdeckt, zeigt sich aber, dass digital gewonnene Informationen zunehmend zu öffentlichen Angriffen genutzt werden: "Einzelne Indiskretionen hat es schon immer gegeben", sagt Berater Hülsberg, "aber durch digitale Datenübertragungen kommen mittlerweile oft riesige Informationsmengen zu nur einem Vorgang zusammen."

Durch Lux-Leaks erfuhr die Öffentlichkeit beispielsweise, dass US-Konzerne wie Amazon, Apple oder Ebay mit der Luxemburger Regierung fragwürdige Steuervorteile ausgehandelt hatten - nun prüft die EU-Kommision die Vereinbarungen, weil sie gegen europäisches Recht verstoßen haben könnten.

Die Enthüllungen von Edward Snowden sorgten zwar vorrangig dafür, dass die unbegrenzte Datensammelwut des US-Geheimdienstes NSA weltweit bekannt wurde. Aber indirekt trafen sie auch Konzerne wie Google, Apple oder Vodafone, weil diese offensichtlich eng mit der NSA oder ihrem britischen Partner GCHQ kooperiert hatten - jetzt gehen die Firmen auf Distanz zur NSA.

So spannend und manchmal auch fragwürdig manche digitale Indiskretion ist - viele der wichtigsten Enthüllungen über Missstände oder Straftaten kommen keineswegs nur wegen gelieferter Datenträger ans Licht. So berichtet das Bundeskartellamt, dass es jedem zweiten Kartell auf die Spur kommt, weil eine Firma auspackt. "Weil wir mit der Kronzeugenregelung reuige Sünder frei von einem Bußgeld stellen können, geben immer mehr Unternehmen heimliche Absprachen zu", sagt Kartellamtschef Andreas Mundt.

Eine ähnliche Regelung wird gefordert, wenn Bürger gegenüber Medien über Missstände bei ihrem Arbeitgeber auspacken. So ist nicht klar, dass Mitarbeiter vor einer Kündigung geschützt sind, wenn sie Journalisten von Bestechungen berichten. In den USA gibt es dagegen einen weitreichenden Schutz für "Whistleblower", die strafbare Taten in Firmen enthüllen. "Ein weitgehender Whistleblower-Schutz auch in Deutschland wäre sinnvoll", sagt der bekannte Enthüllungsjournalist Hans Leyendecker ("Süddeutsche Zeitung"), "dann kämen Missstände öfter heraus." Ähnlich sieht das David Schraven vom Essener Recherchebüro "Correctiv": "Ein besserer Schutz von Informanten wäre für die Aufklärung der Öffentlichkeit hilfreich."

Quelle: RP
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