Weltwirtschaftsforum: Die Großen von Davos beraten über die Krise
VON MARTIN KESSLER UND THOMAS REISENER - zuletzt aktualisiert: 28.01.2009 - 15:18Berlin/Düsseldorf (RP). Die internationale Super-Klasse aus Politikern, Managern, Künstlern und Wissenschaftlern trifft sich wieder in dem Schweizer Nobel-Skiort. Dieses Jahr herrscht zum ersten Mal der Primat der Politik.
Das Skigebiet Davos wird überschätzt. Zwar ist das Schweizer Städtchen schön gelegen. Aber der kostspielige Skizirkus rund um das Jakobshorn zerfällt in Wahrheit in fünf Mini-Skigebiete. Die knapp zwei Millionen Skifahrer, die sich jährlich nach Davos aufmachen, stehen sich meist die Füße platt in den Skibussen, die unten im Landwassertal zwischen den Teilgebieten pendeln.
Ein hochfliegendes Unterfangen
Spötter sagen, dass auch das Weltwirtschaftsforum von Davos überschätzt wird. Heute werden wie jedes Jahr seit 1971 wieder rund 2500 Führungskräfte in Europas höchstgelegenem Ort (1560 Meter) zusammenkommen, um die Probleme der Weltwirtschaft zu wälzen. "Shaping the Post-Crisis World" heißt in diesem Jahr das Motto. Auf Deutsch: die Welt nach der Krise gestalten.
Ein hochfliegendes Unterfangen. Schließlich weiß noch niemand, welches Ausmaß die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise wirklich hat. Wie lange sie noch anhalten wird, was sie beenden könnte und welcher der in Davos angekündigten Top-Manager eben wegen dieser Krise schon im nächsten Jahr nicht mehr dabei sein wird.
Davos ist ein große VIP-Lounge
Verbindliche Beschlüsse der selbst ernannten Weltregierung wird es indes nicht geben. Anders als etwa der Weltwirtschaftsgipfel, von dem zumindest Initiativen ausgehen, versteht sich das Davoser Wirtschaftsforum von vornherein nur als Gedankenschmiede. Im Grunde ist Davos für ein paar Tage eine große VIP-Lounge, in der die Wichtigen der Welt mit einem Minimum an Zeit ein Maximum an Kontakten knüpfen. Man könnte sagen: In erster Linie wird von der Polit- und Wirtschaftsprominenz auf den zahllosen Edel-Empfängen Steherqualität erwartet – wie von den Skifahrern in den Davoser Pendelbussen.
Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn die inzwischen global vernetzte Führungselite der Welt – bestehend aus Managern, Superreichen, Top-Politikern und Ton angebenden Künstlern – bewegt mit ihrem Einfluss direkt und indirekt deutlich mehr, als in möglichen Kommuniqués enthalten ist. Misst man etwa das "Feldlager der Manager" (Wirtschaftswoche) an seinen Teilnehmern, wird das schnell klar: Die addierten Umsätze aller Firmen, die in Davos vertreten sind, machen etwa 20 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung aus.
Die Super-Klasse bewegt Schicksal von Milliarden Menschen
Nach Berechnungen des früheren Top-Beamten der Clinton-Administration, David Rothkopf, bewegt weltweit eine Super-Klasse von 6000 Menschen, vornehmlich Männern und einigen Frauen, das Schicksal von Milliarden Menschen. Ein großer Teil dieser "globalen Machtelite" (Rothkopf) ist in Davos vertreten. Der Nobel-Skiort ist gleichsam zu ihrer Pilgerstätte geworden.
Mit dabei sind die Vorstandschefs vieler multinationaler Unternehmen, darunter auch die deutschen Top-Manager Peter Löscher (Siemens), Wulf Bernotat (Eon) oder Jürgen Hambrecht (BASF). Kanzlerin Angela Merkel (CDU) reist am Freitag an, FDP-Chef Guido Westerwelle kommt schon heute. Wladimir Putin, der starke Mann Russlands, ist fast schon Stammgast, während Chinas Premier Wen Jiabao zum ersten Mal das Alpenstädtchen besucht. Auch Kulturschaffende wie der brasilianische Schriftsteller Paulo Coelho oder der Rockmusiker Peter Gabriel lassen sich blicken.
Politik spielt die Hauptrolle
Auffällig ist, dass im Jahr der Krise die Konzernchefs längst nicht mehr mit der Selbstsicherheit anreisen wie in früheren Jahren. "Das Pendel schwingt zurück. Die Politik spielt in diesem Jahr die Hauptrolle", sagt Klaus Schwab, der Gründer des Weltwirtschaftsforums. Der in Genf lebende Deutsch-Schweizer, der über exzellente Kontakte weltweit verfügt, sieht die Rückkehr des Primats der Politik. Die Wirtschaft samt ihrer Führung liege derzeit auf der Intensivstation.
Tatsächlich dürften ab heute die Manager den Worten von Wen, Putin, Merkel oder des britischen Premiers Gordon Brown intensiv lauschen. Die sich einst als wahre Herren der Globalisierung wähnenden Konzernlenker, Investmentbanker und Finanzmagnaten erleben gerade ihre Götterdämmerung. Hilfe kann jetzt nur noch von den Staaten oder deren Institutionen kommen.
Der tatsächliche Anführer der Welt, US-Präsident Barack Obama, kommt erst gar nicht. Lediglich seine Beraterin Valerie Jarrett hat der neue amerikanische Staatschef entsandt. Ihr dürfte höchste Aufmerksamkeit gewiss sein.
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