Petrodollar für deutsches Know-How: Die Retter aus dem Morgenland
VON THOMAS REISENER - zuletzt aktualisiert: 17.10.2009 - 17:19Düsseldorf (RP). Blohm+Voss, Ferrostahl, Daimler und VW: Die Araber kaufen mit Methode deutsches Know-How auf. Bislang hat das der deutschen Wirtschaft nicht geschadet. Im Gegenteil. Die Petrodollars haben viele Jobs gerettet.
Anfang der 1960er Jahre bestand die Zivilisation auf der arabischen Halbinsel noch aus Zeltlagern und Fischerdörfern. Ein paar Ölfunde später sind es plötzlich die deutschen Politiker und Topmanager, die sich zu Karawanen zusammenschließen müssen. Zu Hunderten pilgern sie in die Emirate und bieten dort ihre Waren feil. Düngermaschinen, Entsalzungsanlagen und Baudienstleistungen laufen gerade besonders gut.
Inzwischen kaufen sich die Scheichs aber gerne auch mal einen ganzen Konzern am Stück: In der vergangenen Woche konnte ThyssenKrupp ihnen zum Beispiel die verlustreiche Hamburger Traditionswerft Blohm+Voss andrehen. 137 Jahre deutscher Schiffsbautradition, die für Namen wie "Wilhelm Gustloff" oder "Gorch Fock" stehen.
Kurz vorher haben sich die Scheichs die ehemalige MAN-Tochter Ferrostahl gegönnt. Bei Daimler reichte es bislang nur für knapp zehn Prozent der Anteile, bei Volkswagen schon immerhin für 17. Auch für die Jagdwaffenhersteller Merkel und Mauser hatten die Scheichs ein paar Petrodollars übrig, ebenso für den Textil-Riesen MediaTex, den Handy-Spezialisten Arvato und den Möbelfabrikanten Vedder. Deutschland im Ausverkauf?
Deutschland im Ausverkauf?
"Quatsch", beruhigt Christof Römer vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln, "das muss uns keine Sorgen machen. Im Gegenteil: Es hilft uns." Der Experte für internationale Wirtschaftspolitik bemüht zur Begründung die "Wohlfahrtstheorie" der Volkswirtschaft. Die habe bewiesen, dass man den freien Kapitalverkehr zwischen Staaten genau so wenig behindern dürfe wie den freien Verkehr von Waren und Dienstleistungen.
"Wenn Waren da angeboten werden, wo der Bedarf am größten ist und Kapital dorthin fließt, wo es die höchste Rendite abwirft, ist am Ende allen gedient", bringt Römer diese "Wohlfahrtstheorie" auf den Punkt. So könne ein "Zuviel" auf der einen Seite des Globus ein "Zuwenig" an der anderen ausgleichen.
Das scheint zu klappen: ThyssenKrupp hatte eindeutig ein Zuviel an Werft. Elf Jahre lang wartete der Konzern vergeblich auf Aufträge aus dem Ausland. Abu Dhabi wiederum hat zuviel flüssiges Geld. Also lindert das Emirat die Geldnöte von ThyssenKrupp und bekommt im Austausch frische Technik für den nächsten Wirtschaftsboom. Auch die Mitarbeiter profitieren: "Den Bereich hätten wir ohne die Lösung mit Abu Dhabi Weihnachten zumachen müssen", gibt der zuständige ThyssenKrupp-Vorstand Olaf Berlien zu.
Das bisschen Wohlfahrtstheorie allein erklärt aber noch nicht, warum die Wüstensöhne mit Methode westliche Industrie aufkaufen. Und warum überhaupt sie plötzlich dazu in der Lage sind.
Wie jedes Wirtschaftswunder wurde auch das vom arabischen Golf aus Verzweiflung geboren. Erste Ölfunde haben Mitte der 60er Jahre zwar den Aufstieg des Wüstenstreifens begründet. Aber in 20 Jahren werden die Ölquellen versiegen. Bis dahin müssen die Emirate ihre komplette Volkswirtschaft umgekrempelt haben.
Vorbereitungen auf die "Post-Öl-Zeit"
Also haben die gehetzten Scheichs sich vorgenommen, die Phase der Industrialisierung einfach zu überspringen. Bis 2015 wollen sie sich vollständig von ihrer Öl-Abhängigkeit befreit haben. Daher legen sie ihre Petrodollars rund um den Globus überall dort an, wo sie neben guten Renditen auch kluge Köpfe vermuten, die ihnen beim Transfer des Wissens aus dem Abend- ins Morgenland helfen.
Waren die arabischen Investoren der ersten Generation noch wegen ihrer Passivität beliebt, mischt die neue Generation Golf aktiv im Geschäft ihrer Beteiligungen mit. Das hat soeben der amerikanische Chemiekonzern Dow Chemical zu spüren bekommen: Die für den Kauf eines Konkurrenten längst zugesagten Milliarden behielten die Scheichs plötzlich doch lieber für sich. Der Deal platzte. Dow verzichtete auf Schadensersatz. Denn wer weiß, wann man die Scheichs das nächste mal braucht.
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