Atypische Beschäftigung: Die Schattenseiten des Jobwunders
VON STEPHAN DÖRNER - zuletzt aktualisiert: 06.01.2011 - 17:41Düsseldorf (RPO). Deutschland ist gelungen, was kaum einer vermutet hätte: Ein dauerhafter Zuwachs der Beschäftigung, der sich als außerordentlich stabil erweist und eine dauerhaft niedrigere Arbeitslosigkeit. Doch der Aufschwung am Job-Markt hat auch Schattenseiten.
Deutschland ist Job-Wunder-Land: Neidisch blicken die europäischen Nachbarn nach Deutschland, das durch kräftiges Wachstum und dauerhaft hohe Beschäftigung glänzt, während in anderen EU-Ländern die Wirtschaft nach der Krise nur langsam wieder Fahrt aufnimmt oder – wie in Griechenland – sogar noch schrumpft.
Die Bundesregierung spricht seit Ende 2010 sogar von einer zum Greifen nahen Vollbeschäftigung. Laut jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamts hat die Erwerbstätigkeit in Deutschland einen neuen Höchststand erreicht. Auch für 2011 sehen Wirtschaftsforscher glänzende Aussichten für Wachstum und Beschäftigung. Die nackten Beschäftigungszahlen scheinen das zu belegen.
Doch sie erzählen nur die halbe Wahrheit: Die Zahlen sagen nichts über die Qualität der entstandenen Jobs aus. Ein Blick auf die Statistik des Bundesarbeitsministeriums ist erhellend: Für 665.000 Erwerbstätige reicht der Lohn nicht zum Leben. Sie müssen mit Hartz-IV-Unterstützung aufstocken, um trotz regelmäßiger Arbeit am Monatsende auf das Existenzminimum zu kommen. Insgesamt 200.000 Hartz-IV-Empfänger fallen außerdem aus der Statistik, weil sie in Praktika sind oder anderen Maßnahmen wie Fortbildungen teilnehmen.
7 Millionen Menschen verdienen weniger als 400 Euro
Nach Angaben der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung verdienen über sieben Millionen Beschäftigte in Deutschland weniger als 400 Euro im Monat. In der Krise wurde außerdem vor allem reguläre Beschäftigung abgebaut – zugunsten von beispielsweise Zeitarbeit, die weiter auf dem Vormarsch ist.
Die Zeitarbeitsunternehmen in Deutschland erwarten auch für 2011 eine kräftige Expansion. "Wir rechnen in diesem Jahr mit einem zweistelligen Wachstum bei den Mitarbeitern. 2011 wird die Zeitarbeitsbranche erstmals die Millionengrenze bei den Beschäftigten überschreiten", sagte der Präsident des Bundesverbands Zeitarbeit (BZA), Volker Enkerts, dem "Hamburger Abendblatt".
Der DGB spricht von einem "Rekord im Lohndumping". "Diesen Beschäftigungsverhältnissen zweiter Klasse muss schnell der Garaus gemacht werden", forderte DGB-Vorstandsmitglied Claus Matecki. Tatsächlich ist sogenannte atypische Beschäftigung - also Arbeit jenseits des klassischen Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnisses - von 1998 bis 2008 regelrecht explodiert: Das Statistische Bundesamt stellte einen Zuwachs von 40 Prozent fest. Allerdings spielt hier auch die höhere Erwerbstätigkeit von Frauen eine Rolle, die häufiger in Teilzeitstellen arbeiten.
Die Löhne entwickelten sich im internationalen Vergleich dagegen unterdurchschnittlich. Die realen Nettolöhne sind im zurückliegenden Jahrzehnt in Deutschland gesunken. Inflationsbereinigt erhielt ein Arbeitnehmer 1999 noch 16.025 Euro netto, 2009 waren es durchschnittlich nur noch 15.815 Euro im Jahr. In fast allen anderen Ländern der Welt sind die Löhne im selben Zeitraum teils kräftig gestiegen.
DIW: Vollzeitbeschäftigung erholt sich langsamer
"Von der Krise betroffen waren vor allem Vollzeitbeschäftigte", zitiert n-tv.de den Konjunkturwissenschaftler Ferdinand Fichtner. Dieser Bereich erhole sich jedoch nur langsam. Der kräftige Anstieg der Erwerbstätigenanzahl gehe vor allem auf Teilzeitstellen zurück.
Die SPD im Bundestag sorgt sich angesichts dieser Entwicklung um die Lohnentwicklung in Deutschland. "Wenn eine Million Menschen als Leiharbeiter tätig sind, wird es höchste Zeit, dass wir dort gleiche Entlohnung für gleiche Tätigkeit erhalten", sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Thomas Oppermann, der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". Auch NRW-Arbeitsministeri Guntram Schneider (SPD) kritisierte die wachsende Bedeutung der Leiharbeit.
Ifo: Zeitarbeit ist sinnvoll
Das Münchner Ifo-Institut sieht die Zeitarbeit dagegen grundsätzlich positiv. Die Zeitarbeit sei von vorne herein als ein Instrument erdacht worden, um den Arbeitsmarkt zu flexibilisieren, sagte Ökonom Gerot Nerb im Gespräch mit unserer Redaktion "und dieses Ziel ist im großen und ganzen auch gelungen". Mit unter zwei Prozent Beschäftigten in der Zeitarbeitsbranche sei der Zeitarbeitsmarkt im Vergleich zu vielen europäischen Nachbarländern wie die Niederlande und Großbritannien in Deutschland auch immer noch wenig ausgeprägt.
Ifo-Experte Nerb verwies darauf, dass Zeitarbeiter bei ihren Zeitarbeitsfirma über feste Verträge und normale Kündigungsfristen verfügen. Auch die Stundenlöhne seien in einem Bereich, die durchaus mit anderen Branchen konkurrieren könnten. Schwarze Schafe wie im Falle Schlecker sind die Ausnahme. "Die großen Zeitarbeitsfirmen wie Randstad halten sich an die Regeln", so der Ökonom.
Auch das DIW betont, dass das vergangene Jahr unter dem Strich das beste für den Arbeitsmarkt seit 1992 gewesen sei. Im Durchschnitt habe es 3,244 Millionen Arbeitslose gegeben, im Jahr zuvor waren es noch 3,423 Millionen.
Mit Sorge sehen Zeitarbeitsbranche wie Ökonomen allerdings die Öffnung des Arbeitsmarktes für osteuropäische Firmen ab Mai. Weil bei nur kurzfristiger Beschäftigung das sogenannte Bestimmungslandprinzip nicht greift, könnten beispielsweise polnische Zeitarbeitsfirmen die deutsche Konkurrenz mit Dumpinglöhnen unterbieten.
BZA-Präsident Enkerts forderte daher Mindestlöhne für die Zeitarbeitsbranche in Deutschland. Der Mindestlohn sollte sich an den Zeitarbeitstarifen orientieren, die mit dem DGB ausgehandelt wurden: Das wären 7,79 Euro in Westdeutschland und 6,89 Euro im Osten, schlug Enkerts vor. Auch für das generell mindestlohnkritische Ifo-Institut wäre das in diesem speziellen Fall ein möglicher Weg.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum
