Lokführer im Ausstand: Die Streikfront wird brüchig
zuletzt aktualisiert: 16.11.2007 - 09:52Düsseldorf (RPO). Bei der Gewerkschaft der Lokführer wollen offenbar nicht alle Mitglieder dem harten Kurs von Gewerkschafts-Chef Manfred Schell folgen. Einem Insider zufolge sind viele Lokführer wankelmütig. Sollte es zu weiteren Streiktagen kommen, würden sie dem Bundesvorsitzenden nicht folgen.
Schon beim jüngsten Streikaufruf haben dem Bericht des "Westfalen-Blatts" zufolge nicht alle Mitglieder mitgezogen. In Nordrhein-Westfalen und in Bayern habe es GDL-Lokführer gegeben, die ihre Arbeit aufgenommen hätten, berichtet das Blatt.
Der nordrhein-westfälische GDL-Bezirksvorsitzende Frank Schmidt sagte der Zeitung, die in den vergangenen Wochen von der Gewerkschaft Transnet zur GDL gewechselten Lokführer hätten nicht gestreikt, da sie von dem zwischen Bahn und Transnet geschlossenen Tarifvertrag profitiert hätten und im Streikfall deshalb eine Kündigung möglich gewesen wäre.
Nach Angaben der Gewerkschaft Deutscher Bundesbahnbeamter ist zudem ein Teil der GDL-Mitglieder mit dem harten Kurs ihrer Gewerkschaft nicht mehr einverstanden. Bei weiteren Streiktagen würden "viele wankelmütige Lokführer nicht mehr dem Kurs ihres Vorsitzenden Manfred Schell folgen", sagte Jürgen Brügmann von der Bundesbahnbeamtengewerkschaft der Zeitung.
Dritter Streiktag
Die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) setzt indes auch am Freitag ihren bundesweiten Streik im Personen- und Güterverkehr fort. Millionen Pendler sind am frühen Morgen betroffen. Die Drohung unbefristeter Streiks steht weiterhin im Raum. Bereits am Dienstag könnte es nach Darstellung der GDL losgehen.
Der GDL-Bezirksvorsitzende Hans-Joachim Kernchen hält nach eigenen Worten einen Streik bis ins neue Jahr für möglich. "Den Atem dazu haben wir, ja. Das werden wir dann, wenn es sein muss, auch durchziehen", sagte der Bezirksvorsitzende für Berlin, Brandenburg und Sachsen am Freitag im Nachrichtensender N24. Auf die Frage, ob ein unbefristeter Streik bereits ab Mittwoch möglich wäre, sagte Kernchen: "Das wäre zum Beispiel ein Szenario, richtig." Wenn der Bahnvorstand im Tarifkonflikt nicht nachgeben sollte, wie es jetzt den Anschein habe, sei ein unbefristeter Streik nicht mehr aufzuhalten.
Die GDL will zunächst bis zum frühen Samstagmorgen im Güter- und Personenverkehr streiken. Die Gewerkschaft fordert deutlich mehr Lohn und einen eigenständigen Tarifvertrag.
Die Lage am Freitag Morgen
Wie die Deutsche Bahn AG am Freitagmorgen mitteilte, fahren zwei Drittel der Fernzüge, insbesondere der ICE-Züge. In Westdeutschland werde rund die Hälfte des Regionalverkehrs aufrechterhalten, in Rheinland-Pfalz und Saarland seien es sogar bis zu 80 Prozent, in den neuen Ländern jedoch nur 20 Prozent.
Bei der S-Bahn in Hamburg fahre jeder zweite Zug. Erhebliche Ausfälle gibt es danach weiterhin bei den S-Bahnen in Frankfurt am Main, Stuttgart, München und Nürnberg. In Nordrhein-Westfalen fahren die S-Bahnen durchschnittlich im 30 Minuten-Takt. Wie am Vortag setzt die Bahn auch am Freitag bundesweit 500 Busse im Ersatzverkehr ein.
Dramatische Lage im Osten
Im Güterverkehr spitzte sich die Lage nach Bahn-Angaben dagegen zu. In Ostdeutschland seien nur noch wichtige Versorgungszüge unterwegs, in Westdeutschland werde die Grundversorgung aufrecht erhalten.
GDL-Chef Schell sagte am Donnerstagabend in der N24-Sendung "Studio Friedman" auf die Frage, ob er ein Angebot von 31 Prozent mehr Lohn ohne eigenen Vertrag akzeptieren würde: "Dieses Angebot würde ich annehmen." Dies sei allerdings "hypothetisch", da Bahnchef Hartmut Mehdorn kein solches Angebot machen werde. Schell betonte, es müsse für die Lokführer "in jedem Fall" eine Lohnerhöhung mit einer "zweistelligen Prozentzahl" herauskommen, also "mindestens zehn Prozent" mehr. Gleichzeitig müsse es eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen geben.
GDL-Vize Weselsky sagte dagegen, ein eigenständiger Tarifvertrag für die Lokomotivführer sei "unumgehbar". Er fügte hinzu: "Ohne eigenständigen Tarifvertrag sehen wir schwerlich eine Lösung." Am kommenden Montag werde die GDL über eine mögliche unbefristete Ausweitung des Streiks beraten. Der Bahnvorstand habe bis dahin Zeit für ein neues Angebot.
Chaos auf den Straßen bleibt aus
Im Berufsverkehr ging es am Freitag trotz des Streiks ruhig zu. Im Vergleich zum Vortag gab es sogar weit weniger Staus und Behinderungen. "Es war sehr ruhig heute, viel ruhiger als gestern", sagte ADAC-Verkehrsexpertin Maxi Hartung.
Der Berufsverkehr habe erneut früher eingesetzt und etwas länger angehalten, es habe aber weniger Staus gegeben als an normalen Freitagen. "Viele Leute haben sich offenbar freigenommen", sagte Hartung. Auch die Verkehrsleitstelle der bayerischen Polizei erklärte, im Freistaat habe es weder wetter- noch streikbedingt größere Behinderungen gegeben.
ADAC-Sprecherin Hartung erklärte, der Verkehrsclub habe aber erneut auffällig oft zu Panneneinsätzen ausrücken müssen. Vielfach hätten nach der kalten Nacht Batterien schlappgemacht. Viele Pendler, die sonst mit der Bahn fahren würden, hätten offenbar ihre Fahrzeuge noch nicht fit für den Winter gemacht.
Ausgliederung angedacht
Im festgefahrenen Tarifkonflikt diskutiert der Bahnvorstand weiter über eine Ausgliederung der Lokführer in eine eigene Servicegesellschaft. "Darüber wird nachgedacht", sagte Bahnsprecher Gunnar Meyer am Freitagmorgen im ARD-Morgenmagazin. Es sei aber noch keine Entscheidung getroffen worden.
Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) lehnt nach wie vor ein Einmischen des Bundes in den Tarifstreit ab. Die alleinige Verantwortung liege bei den Konfliktparteien. An die Tarifparteien richtete Tiefensee einen "eindringlichen Appell", am Wochenende wieder zu verhandeln. Dabei sei das von allen Seiten unterzeichnete Verhandlungsergebnis mit den Moderatoren Kurt Biedenkopf und Heiner Geißler (beide CDU) ein "ganz tragfähiges Fundament" und ein Ausgangspunkt für die Gespräche.
Streik bis Februar?
Der SPD-Politiker Johannes Kahrs lobt derweil die harte Haltung des Bahnvorstands. Der Sprecher des Seeheimer Kreises in der SPD betonte: "Ich halte den Tarifkonflikt bei der Bahn für überflüssig und glaube, dass das Angebot der Bahn akzeptabel ist." Zehn Prozent mehr Gehalt für zwei Stunden Mehrarbeit, seien ein Angebot, "das die meisten Arbeitnehmer im Land sofort unterschreiben würden", betonte der Politiker. Er glaube, dass die GDL "einlenken wird", weil sie das auf Dauer nicht durchhalte.
Nach Angaben des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hat die GDL ihre Streikkasse prall gefüllt. "15 Millionen Euro sind realistisch", sagte der IW-Tarifexperte Hagen Lesch. Nach Berechnungen seines Instituts könnte die GDL damit einen Streik von täglich 3000 Lokführern bis Februar finanzieren. Laut GDL waren am Donnerstag bundesweit 3070 Lokführer in den Ausstand getreten.
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