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Wirtschaftskrise: Die Talsohle ist erreicht

VON NILS DIETRICH - zuletzt aktualisiert: 23.06.2009 - 11:23

Düsseldorf (RPO). Die deutsche Wirtschaft hat die Talsohle offenbar durchschritten: In der Wirtschaft verbessert sich die Stimmung, die Verbraucher treiben den Konsum an. Allerdings lässt der Aufschwung noch auf sich warten. Die Erwartungen für das gesamte Jahr 2009 werden hingegen dadurch noch nicht aufgehellt: Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) hat seine Prognose noch einmal gesenkt und erwartet nun einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 6,4 Prozent. Und: Die wirkliche Bewährungsprobe kommt erst im Winter - mit den Arbeitslosenzahlen. 

Die Deutschen befinden sich derzeit in Kauflaune.  Foto: AP, AP
Die Deutschen befinden sich derzeit in Kauflaune. Foto: AP, AP

Die Deutschen sind eigentlich nicht als besonders konsumfreudig bekannt. Doch ausgerechnet in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit den 30er Jahren geraten die Menschen in Kauflaune. Vor allem die niedrigen Preise animieren zum Konsum, immerhin lag die Inflationsrate im Mai bei null Prozent. Auch die Hoffnungen auf eine Stabilisierung der Konjunktur zeigten ihre positive Wirkung auf das Konsumklima, teilte die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) am Dienstag in Nürnberg mitteilte. Der von dem Unternehmen ermittelte Konsumklimaindex stabilisierte sich zuletzt.

Das Konsumklima, in das die Erwartung der finanziellen Lage, der wirtschaftlichen Entwicklung und die Anschaffungsneigung der Verbraucher einfließen, lag im Juni stabil bei 2,6 Punkten. Im Juli soll es sogar aufwärts gehen. Wichtig für den Konsum: Die Einkommenserwartung der Bundesbürger legte ebenfalls zu. Neben der niedrigen Inflation steht zum 1. Juli eine Rentenerhöhung an. Sinkende Preise wirken schließlich als Kaufanreize.

Die Konjunkturerwartung der Verbraucher legte im Juni schon zum dritten Mal in Folge zu. Mit einem Plus von 5,7 Punkten auf minus 22,6 Punkte falle der Zuwachs sogar deutlicher aus als in den beiden Vormonaten. Die Verbraucher schienen davon auszugehen, dass der starke Konjunktureinbruch nach und nach gestoppt werden könne, teilte das Unternehmen mit. Dieser Umstand steigert zudem die Anschaffungsneigung. Das immer noch vorhandene Misstrauen in die Finanzmärkte und die niedrigen Zinssätze treiben zusätzliches Geld in den Kreislauf - und nicht auf Sparkonten oder Aktiendepots.

Allerdings stehen die Kosumenten vor einer Bewährungsprobe: Im Herbst soll es nach dem Frühjahrsgutachten der führenden Wirtschaftsinstitute einen deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit geben, wenn der Witterungseinbruch und das Ende des Kurzarbeitergeldes zusammenkommen. 2011, so die Prognose, könnte sogar die Marke von fünf Millionen erwerbslosen Menschen geknackt werden. Das entzieht dem Markt nicht nur Konsumenten, sondern wirkt auch psychologisch.

Optimismus auch bei Unternehmen

Die GfK-Daten sind nur der letzte Punkt einer Reihe von Konjunkturindikatoren, die in der letzten Zeit ein aufhellendes Stimmungsbild zeichneten. Nachdem das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung bereits in der letzten Woche mit einer positiven Meldung aufwarten konnte, zog das Ifo-Institut am Montag nach. "Der Abwärtstrend ist gestoppt. Wir sprechen aber noch nicht von einem Aufschwung", sagte Ifo-Konjunkturexperte Gernot Nerb.

Allerdings: Die befragten 7.000 Unternehmen stuften ihre gegenwärtige Geschäftslage noch einen Hauch schlechter ein als im Mai. Nur die Geschäftserwartungen für das nächste halbe Jahr verbesserten sich.  

Der wichtigste Frühindikator der deutschen Wirtschaft legte damit zum dritten Mal in Folge zu. "Die Befragungsergebnisse untermauern, dass sich die deutsche Wirtschaft allmählich stabilisiert", sagte der Präsident des Forschungsinstituts, Hans-Werner Sinn. "Die Frage ist, wie schnell wir die Kurve nach oben bekommen", sagte Nerb.

Die Firmen planten, weiter kräftig Personal abzubauen, wenn auch nicht mehr ganz so viel wie noch im Vormonat. "Am Arbeitsmarkt werden wir dieses Jahr sicher keine Verbesserung sehen. Er wird sich weiter zurückbilden", sagte Nerb. Weil der Arbeitsmarkt der Konjunkturentwicklung ein halbes Jahr hinterherlaufe, sei eine Verbesserung "auf keinen Fall vor dem Frühjahr zu erwarten". Aber eine Trendwende in der Wirtschaft könne den Anstieg der Arbeitslosigkeit abmildern.

Schwache Nachfrage aus dem Ausland

Während die heimischen Konsumenten in Kauflaune sind, leiden viele Industriebetriebe unter der schwachen Nachfrage. "Eine weitere Verschlechterung der Geschäfte in den nächsten sechs Monaten erwarten sie aber nicht mehr ganz so häufig wie im Vormonat", erklärte Sinn den Hoffnungsschimmer im tiefen Tal.

Die Lichtblicke haben jedoch noch kaum Auswirkungen für das gesamte Jahr 2009: Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) hat seine Prognose noch einmal deutlich gesenkt und erwartet nun einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Deutschland um 6,4 Prozent. Ende März hatten die Konjunkturexperten noch ein Minus von 4,3 Prozent vorhergesagt.

Im Handel und auf dem Bau liefen die aktuellen Geschäfte noch etwas schlechter, aber auch hier stiegen die Erwartungen. Stabile Preise und sinkende Steuern und Abgaben stärkten die Kaufkraft und die konsumnahen Wirtschaftszweige. "Der Einzelhandel hält sich ganz gut", sagte Nerb. "Auch der Dienstleistungssektor hält sich." Allerdings dürfte sich das im Laufe des nächsten Winters ebenfalls ändern.

Letztlich dürfte die Vorhersage vieler Ökonomen eintreffen: Die Talsohle ist zwar erreicht, der Aufschwung allerdings dürfte sich nur sehr zaghaft entwickeln. 

Mit Agenturmaterial.

Quelle: AFP

 
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