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Seehofer facht Integrationsdebatte an
  Foto: dapd, dapd
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Verärgerung über Horst Seehofer: Die Wirtschaft ist auf Zuwanderer angewiesen

VON STEPHAN DÖRNER - zuletzt aktualisiert: 13.10.2010 - 19:34

Düsseldorf (RPO). CSU-Chef Horst Seehofer will Einwanderer aus "fremden Kulturkreisen" ausschließen. Doch die deutsche Wirtschaft ist damit alles andere als einverstanden. Sie ist bereits heute auf kluge Köpfe aus dem Ausland angewiesen. Das Problem wird sich in Zukunft noch verschärfen.

CSU-Chef Horst Seehofer, der innerhalb der Koalition gerne den Quertreiber gibt, hat ein neues Thema für sich entdeckt: Mit seiner Forderung nach einem generellen Zuwanderungstopp für Einwanderer aus fremden Kulturkreisen will er Wählerschichten zurückgewinnen, die der CSU zunehmend den Rücken zugekehrt haben.

Auf heftigen Widerspruch trifft Seehofer nicht nur bei der Opposition, sondern auch bei Wirtschafts- und Arbeitsmarktexperten innerhalb der eigenen Koalition. "Wir benötigen nicht weniger, sondern erheblich mehr gesteuerte Zuwanderung", sagt beispielsweise der FDP-Arbeitsmarktexperte Johannes Vogel der "Passauer Neuen Presse". Selbst unionsintern ist Seehofer Position umstrittenen. "Wir brauchen Zuwanderung und eine moderne Einwanderungspolitik - das gilt für Deutschland und das gilt speziell auch für Sachsen", sagte Sachsens Innenminister Markus Ulbig der "Financial Times Deutschland". Beide wissen nur zu gut: Gerade Ingenieure oder Ärzte könnten nicht ohne Weiteres durch Weiterbildung gewonnen werden.

IHK: 400.000 Facharbeiter fehlen

Der Bedarf an Zuwanderung ist bereits heute akut. Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Hans Heinrich Driftmann, sagte im SWR, in Deutschland fehlten derzeit rund 400.000 Facharbeiter. Zuwanderung sei dringend notwendig.

Auch Grünen-Chef Cem Özdemir verweist darauf. "Kein Forschungsinstitut und technologisches Unternehmen in Deutschland kann heute auf den Sachverstand von Wissenschaftlern und Fachkräften nichtdeutscher Herkunft verzichten." Trotz drei Millionen Arbeitsloser fehlten Tausende von Ingenieuren und IT-Fachleuten.

Angesichts der Exportstärke Deutschlands und der wieder anziehenden Weltkonjunktur springt die Zahl der Jobangbote von deutschen Unternehmen regelrecht in die Höhe, wie die "FTD.de" am Mittwoch berichtete. "Ingenieure in Deutschland können sich vor Jobangeboten kaum retten", schreibt das Nachrichtenportal und beruft sich auf den Stellenindex des Personaldienstleisters Adecco. Dem Bericht zufolge ist die Zahl der von Privatunternehmen veröffentlichten Stellen im Zeitraum Juli bis September um 22 Prozent gestiegen. Vor allem kleineren Zulieferer ohne Marke mit Weltruf hätten Schwierigkeiten, ihren Arbeitskräftebedarf zu decken.

Indien: "Wir brauchen Fachkräfte selbst"

Doch wo sollen diese Fachleute herkommen? Viele Computerexperten und Ingenieure wirbt Deutschland aus Indien ab. Doch die dynamische Wirtschaft des Landes benötigt die Fachkräfte zunehmend selbst. In einem Interview mit dem Handelsblatt äußerte sich Indiens Industrieminister Anand Sherma jüngst verägert über die deutsche Abwerbungspolitik: "Der Export qualifizierter Arbeitskräfte ist nicht in Indiens Interesse" erklärte der Minister an die Adresse der westlichen Staaten. "Wir brauchen sie selbst".

In muslimischen Ländern wie dem Iran gibt es dagegen zahlreiche gut ausgebildete Ingenieure, Computerexperten und Wissenschaftler, die ihre Talente in ihrem Heimatland nicht voll entfalten können. Experten, die die deutsche Wirtschaft angesichts des demografischen Wandels und veränderter Anforderungen der Arbeitswelt dringend braucht: Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung verliert Deutschland aufgrund der Überalterung von 2015 an etwa 250.000 Arbeitskräfte jährlich.

Das macht sich vor allem im Bereich der Hochqualifizierten bemerkbar, während aufgrund des technischen Fortschritts unter Geringqualifizierten die Arbeitslosigkeit Prognosen zufolge relativ hoch bleibt. Doch Deutschland verliert mehr Arbeitskräfte als es gewinnt: Seit 2008 ist Deutschland per Saldo ein Auswanderungsland.

"Talente können auswählen"

Darauf verweist auch Bitkom-Präsident August-Wilhelm Scheer, der Vertreter der deutschen Digitalwirtschaft. "Talentierte Absolventen aus Indien, China oder Südamerika können auswählen, ob sie im eigenen Land bleiben oder in englischsprachige Staaten wie Australien, Großbritannien, Kanada oder in die USA gehen wollen", schreibt er in einem Gastbeitrag für das "Handelsblatt". Die wenigsten entscheiden sich für Deutschland.

Auch der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, beklagt die schlechte Position Deutschlands im internationalen Wettbewerb um die klügsten Köpfe. "Warum sollte jemand, der richtig gut qualifiziert ist, ausgerechnet zu uns kommen? Viele Firmen sind im Ausland aktiv und bieten dort auch interessante Jobs an", sagte er der "Süddeutschen Zeitung".

Der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, Thomas Straubhaar, verweist auf die erfolgreicher Zuwanderungspolitik der USA und Kanada. "In den USA oder Kanada spielt die Religionszugehörigkeit schlicht keine Rolle, weil die Trennung von Kirche und Staat strikt durchgesetzt ist", schreibt er in einem Gastbeitrag für das "Handelsblatt". Entscheidend seien hingegen allein Qualifikation, Sprachkenntnisse, Berufserfahrung und Lebensalter.

Seehofer selbst verteidigte seine Äußerungen. Der bayerische Ministerpräsident sagte am Dienstag nach einer Kabinettssitzung im niederbayerischen Deggendorf, er stehe zu seinen Positionen: "Davon wird mich kein Leitartikler abbringen".

Deutschland stehe vor "gigantischen Integrationsaufgaben". Seehofer betonte, das Land Bayern sei beim Thema Integration Vorreiter in Deutschland, etwa in der Schulpolitik. "Mir braucht keiner einer Vorlesung halten zum Thema Integration", verteidigte sich der CSU-Chef.

Mit Material von dapd


 
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