Interview mit Utz Claassen: EnBW-Chef: "Weniger Gipfel, mehr Politik"
zuletzt aktualisiert: 21.10.2006 - 13:49Düsseldorf (RP). Utz Claassen, Vorstandsvorsitzender des drittgrößten deutschen Stromkonzerns EnBW, fordert deutlich längere Restlaufzeiten für Kernkraftwerke. Dafür bietet er der Politik Geld an.
Herr Claassen, Ihr Kollege Klaus Rauscher von Vattenfall droht mit dem Stopp der Investitionen, weil sich der Staat zu sehr ins Geschäft einmische. Wie sieht das mit den Investitionen von EnBW aus?
Utz Claassen: Wir haben unsere Investitionszusagen bislang nicht relativiert. Ich kann aber Herrn Rauscher gut verstehen. Es mutet schon bizarr an, wenn die Regierung an einem Tag von uns die Zusage für Investitionen erbittet, wir aber am nächsten Tag befürchten müssen, dass sie uns enteignen will. Auf dem Energiegipfel bei Bundeskanzlerin Angela Merkel waren sich anscheinend alle einig. Claassen Es bestand ein hoher Konsens in der Frage der Steigerung der Energieeffizienz und der Bedeutung der internationalen Aspekte der Energiewirtschaft. Das ist sehr erfreulich... Werbung:
... dann ist ja alles gut...
Sehr problematisch ist aus meiner Sicht, dass über so wichtige Fragen wie den Energiemix der Zukunft und die Ordnungspolitik erst in einem halben Jahr gesprochen werden soll. In einem halben Jahr wachsen die Volkswirtschaften Indiens und Chinas um vier bis sechs Prozent, und wir brauchen ein halbes Jahr, um beim nächsten Energiegipfel dann auch schwierige Themen wie den Ausstieg aus der Kernenergie zu diskutieren.
Der Ausstieg aus der Kernenergie wurde auch von der Stromwirtschaft unterzeichnet.
Das stimmt. Aber Politik muss doch in der Lage sein, sich auf veränderte Bedingungen einzustellen. Heute wird die Strompreisdebatte viel intensiver geführt als damals, wir diskutieren verstärkt Fragen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie, wir reden zunehmend über Versorgungssicherheit und insbesondere über den Klimaschutz. Die Kernkraftwerke vermeiden derzeit circa 165 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß pro Jahr. Da muss man doch in der Lage sein darüber zu reden, ob es sich eine Gesellschaft leisten kann, mal eben 30 Milliarden Euro volkswirtschaftlichen Vermögens mit dem Abschalten der Kernkraftwerke vorzeitig zu vernichten. Mir wäre im Übrigen auf Anhieb kein einziger in einem Regierungsamt befindlicher deutscher Politiker bekannt, der hinter verschlossenen Türen die volkswirtschaftliche und ökologische Bedeutung der Kernenergie bestreiten würde.
Ihre Branche fordert immer gerne, aber was gibt sie?
Es ist richtig, dass sich auch die Energiewirtschaft bewegen muss. Wir sind in der Pflicht zu sagen, was wir unternehmen würden, wenn es eine Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke um acht bis zehn Jahre gibt.
Und das wäre?
Wir müssen ganz konkrete Überlegungen anstellen, wie wir den Übergang zu regenerativen Energien in dieser Zeit hinkriegen. Die Zeit aber brauchen wir, weil die grundlastfähigen Alternativen zur Kernenergie derzeit primär Steinkohle, Braunkohle und Gas sind, die aber passen nicht mit den Klimaschutzzielen zusammen. Ich denke auch, dass die Energiewirtschaft einen Teil der Summe, die sie durch eine Verlängerung der Laufzeiten kurzfristig an Ersatzinvestitionsmitteln nicht ausgeben müsste, in die Erforschung etwa von Energiespeichertechniken stecken könnte. Wir müssten, vereinfacht gesagt, die Sonnenenergie in der Sahara und Kalahari erzeugen und in New York, Tokio oder bei uns verbrauchen können. Das wäre eine globale regenerative Energiewirtschaft.
Dennoch dringt Ihre Argumentation nicht durch.
Ich glaube, dass sich diesem Erkenntnisgewinn niemand mehr verschließen wird.
Das sieht Umweltminister Gabriel, ein Freund von Ihnen, aber anders.
Sigmar Gabriel ist ein hochintelligenter Politiker. Er wird sich dem Erkenntnisfortschritt nicht verschließen.
Zur Unterstützung stellen sie ehemalige Minister wie Axel Horstmann ein.
Horstmann ist exzellenter Fachmann. Er ist bei uns aber nicht zuständig für den Energiemix, sondern für wichtige Themen in NRW.
Sie wollen Stadtwerke zukaufen, die Düsseldorfer besitzt EnBW schon. Welche folgen als nächstes? Krefeld?
Das operative Geschäft der Stadtwerke Düsseldorf ist Sache des Vorstandes, der Aufsichtsrat wird sich sinnvollen Projekten nicht verschließen. Ich werde hier nicht über einzelne Projekte reden.
Sie wollen aber in NRW angreifen und sagen RWE den Kampf an?
Wir sagen niemandem den Kampf an. Da wir aber anders als unsere beiden Kernwettbewerber stark auf ein Bundesland, Baden-Württemberg, fokussiert sind, ist es doch nur vernünftig, die Geschäftsbasis dort zu erweitern, wo man noch Potenziale sieht.
Das Gespräch führte Martin Kessler.
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