Reaktionen in Berlin: Erleichterung über Mehdorns Rücktritt
zuletzt aktualisiert: 30.03.2009 - 19:02Berlin (RPO). Die Rücktrittsankündigung von Bahnchef Hartmut Mehdorn ist in Berlin parteiübergreifend mit Erleichterung aufgenommen worden. Gleichzeitig würdigten die Politiker Mehdorns Arbeit, der den Staatskonzern seit 1999 führte. Die Bundesregierung rechnete am Montag damit, das am morgigen Dienstagabend ein Nachfolger für Mehdorn gefunden sein wird. Einem Medienbericht zufolge will auch der Finanzvorstand Diethelm Sack das Unternehmen verlassen.
Nach dem Rücktrittsangebot von Deutsche-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn wolle auch Finanzvorstand Diethelm Sack den Konzern verlassen, berichtete das "Handelsblatt". Es gelte als sicher, dass Sack dem Unternehmen den Rücken kehren werde, habe die Zeitung aus dem Umfeld der Deutschen Bahn und aus Bankenkreisen erfahren. Sack habe seit langem sein berufliches Schicksal mit dem von Mehdorn verbunden und werde deshalb die entsprechenden Konsequenzen ziehen. Ein Bahn-Sprecher lehnte jeden Kommentar ab.
Dem Blatt zufolge ist es undenkbar, dass der 61-Jährige auch nur für eine Übergangsphase den Konzernvorsitz übernimmt. Sack, der bereits vor der Bahnreform in den Vorstand der alten Bundesbahn berufen worden war, wird seit Jahren als Experte hinter den Kulissen angesehen, der maßgeblich die wirtschaftliche Erfolgsstory des Bahn-Konzerns bis zur Börsenreife im vergangenen Jahr vorangetrieben hat. Der Vertrag von Sack bei der Deutschen Bahn läuft 2013 aus.
Derweil nahm Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) die Entscheidung Mehdorns "mit großem Respekt" zur Kenntnis. Die Deutsche Bahn sei unter ihm "zu einem modernem Dienstleister geworden". Auch Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier (SPD) lobte die erfolgreiche Arbeit Mehdorns. Angesichts der Datenaffäre komme der Rückzug aber "zum richtigen Zeitpunkt". Nun müsse man sich kurzfristig auf einen "kompetenten Nachfolger" verständigen. "Ich vermute, dass es Vorschläge von allen Seiten geben wird", sagte Steinmeier.
Zugleich betonte er nach einer Sitzung der SPD-Führung, eine Teilprivatisierung der Bahn sei angesichts der Wirtschaftskrise derzeit nicht aktuell. Das Thema habe "an Bedeutung verloren". Die Bahn müsse sich an den Interessen der Kunden ausrichten, für Wachstum beim Güterverkehr sorgen, aber auch ein "europäischer und globaler Player bleiben", sagte Steinmeier.
Auch CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla sagte, der Schritt von Mehdorn verdiene "Respekt". Mehdorn wende damit "öffentlichen Schaden von der Bahn ab". Gleichzeitig hob Pofalla hervor, dass Mehdorn Enormes für die Bahn geleistet habe. Es müsse nun geklärt werden, was bei der Bahn schiefgelaufen sei, betonte Pofalla mit Blick auf die Datenaffäre.
Der FDP-Verkehrsexperte Horst Friedrich sieht im Ende der Ära Mehdorn die "große Chance", zu Zielen und Strategie der Bahnreform zurückzukehren. Der Bund müsse wieder die Richtung der Bahnpolitik bestimmen und eine grundlegende Eigentümerstrategie für die Bahn AG festlegen. Auch müsse die Arbeit der Sonderermittler zur Datenaffäre konsequent fortgesetzt werden. Mit dem Rücktritt Mehdorns sei der Fall nicht erledigt. Es habe viele Beteiligte und Verantwortliche gegeben.
Linke-Fraktionschef Gregor Gysi nannte das Rücktrittsangebot "überfällig". Mehdorn habe versucht, aus der Bahn einen Geheimdienst zu machen und einen "riesigen" Schaden angerichtet. Wer seine Mitarbeiter jahrelang ausspionieren lasse, habe an der Spitze eines großen staatseigenen Betriebes nichts zu suchen. "Das Image der Bahn ist auf lange Zeit hin ramponiert", sagte Gysi in Berlin.
Grünen-Chefin Claudia Roth sagte: "Der Zug von Herrn Mehdorn ist abgefahren - zwar mit reichlich Verspätung, aber das sind wir ja gewohnt bei der Deutschen Bahn." Mehdorn habe mehr und mehr in einer "absolutistischen Manier" regiert und "geglaubt, er könne sich über Recht und Gesetz hinwegsetzen". Ein guter Unternehmensabschluss rechtfertige nicht "illegale Praktiken" gegen die Mitarbeiter. Roth rügte auch die Bundesregierung. Sie habe mit ihrem "Lavieren und interessengeleiteten Taktieren" ein fatales Signal sowohl in die Mitarbeiterschaft der Bahn auch die Gesellschaft gesendet.
Die Gewerkschaften Transnet und GDBA werteten den Rücktritt als "logische Konsequenz aus der Schnüffelaffäre".
Die CSU brachte bereits einen möglichen Nachfolger ins Spiel. Ex-CSU-Chef Erwin Huber plädierte im "Münchner Merkur" für seinen Parteifreund Otto Wiesheu als Bahnchef. Wiesheu war bis Ende 2005 über mehrere Legislaturperioden Wirtschafts- und Verkehrsminister in Bayern und sitzt nun im Vorstand der Bahn.
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