Nickel, Zink, Kupfer, Eisen: Europa bangt um Rohstoffe
VON THOMAS REISENER - zuletzt aktualisiert: 21.06.2010 - 15:56Berlin (RP). Die Wirtschaft fürchtet um ihren Zugang zu Rohstoffen im Ausland. Zu Recht. Denn Europa hat den weltweiten Wettlauf um die Ressourcen bislang verschlafen. Jetzt bläst die Europäische Union zur Aufholjagd.
Mit dem Regierungswechsel in NRW kommt ein totgeglaubtes Thema auf die Agenda zurück: die Steinkohlesubventionen. Anders als das Kabinett von Jürgen Rüttgers (CDU), das die Zechen lieber gestern als morgen geschlossen hätte, will die künftige Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) den Zugang zur Steinkohle langfristig sichern. "Ich bin die Kohletante", rief sie auf ihren Wahlkampf-Touren den Bergmännern zu. Steinkohle sei ein Beitrag zur Energiesicherheit.
Energie ist nicht das Problem
Geschickt pickte sich Kraft jene Rosine aus der Rohstoff-Debatte, die ihr die Sympathien der 25.000 Kumpel im Land sicherte. Die Probleme liegen aber woanders. Denn die Energieversorgung Deutschlands ist dank Atomstrom, billiger Braunkohle, moderner Kraftwerke und stabiler Lieferungen von Öl und Gas aus dem Ausland sicher.
Rohstoffagentur
Die Idee einer deutschen Rohstoffagentur stößt bei Wirtschaftsvertretern auf Zustimmung: Unter der Leitung des Bundeswirtschaftsministerium trafen sich Vertreter von Verbänden, Unternehmen und Gewerkschaften zu einem zweiten Rohstoffdialog. "Gerade im massiv anziehenden globalen Wettbewerb um Rohstoffe müssen wir die deutsche und europäische Rohstoffpolitik klug verzahnen", sagte Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) am Montag in Berlin.
Viel dramatischer ist es um die metallischen und mineralischen Voraussetzungen unserer Zivilisation bestellt: Eisenerz, Kupfer, Nickel und Zink sind nur die bekanntesten Beispiele für die massive Abhängigkeit der deutschen Industrie vom Ausland. Aber auch ohne Exoten wie das Metall Gallium aus Südamerika wären moderne Leuchtdioden und Solarellen undenkbar, ohne chinesisches Antimon gäbe es kaum Stahllegierungen. Der Bedarf an Metall aus dem Ausland wächst mit der Elektrifizierung des Alltags: Ein Elektroauto braucht 40 Kilogramm mehr Kupfer als herkömmliche Fahrzeuge. Kupfer kommt in der Regel aus Chile.
Problem ist der schlechte Zugang
"Das Problem der Rohstoffe liegt weniger in ihrer Knappheit, als im schlechten Zugang", erklärt Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln. Fehlender Wettbewerb, Export-Zölle und mangelnde Abbau-Anreize in den oft staatswirtschaftlichen Fundort-Ländern machten die Versorgung schwierig. So schwierig, dass Hüther das Rohstoffproblem die "Archilles-Ferse der Deutschen Wirtschaft" nennt. Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) will das Thema nun zur Chefsache machen.
Reichlich spät, meint die Industrie, denn andere Industrienationen wie die Vereinigten Staaten oder China haben ihre Claims längst abgesteckt: China arbeitet schon seit fünf Jahren einen Masterplan ab, um systematisch die Rohstoffe Afrikas auszubeuten. Die USA sichern sich milliardenschwere Bodenschätze in Afghanistan. Russland hat selbst genügend Rohstoffe. Nur Europa hat den weltweiten Run verschlafen.
Die EU will jetzt aufholen
Auf Drängen der Industrie bläst die EU jetzt zur Aufholjagd. In der vergangenen Woche veröffentlichte die EU-Kommission ein Register von 14 Mineralien, deren Lieferung künftig mit Mitteln der Außen-, Handels- und Entwicklungspolitik gesichert werden soll. Die meisten davon kommen aus China.
"Wir müssen sicherstellen, dass der Zugang unserer Unternehmen zu Rohstoffen nicht behindert wird", gab EU-Industriekommissar Antonio Tajani die außenpolitische Marschrichtung vor. Bis 2030 werde sich die Nachfrage nach Antimon, Beryllium, Kobalt, Fluorit, Gallium, Germanium, Graphit, Indium und Magnesium teilweise verdreifachen.
Was dem Industriekommissar Sorge macht: Ein kleines Oligopol von vier Ländern beherrscht deren Abbau: Brasilien, Kongo, Russland und China. Alles Länder, zu denen die diplomatischen Beziehungen schon mal Schwankungen unterliegen. Bis zum Herbst soll der EU-Vorstoß in eine offizielle EU-Rohstoff-Strategie münden. Diskutiert wird auch, ob Europa seine Entwicklungshilfen künftig neben der Einhaltung der Menschenrechte auch vom Zugang zu Rohstoffen abhängig machen soll.
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