Mögliche Übernahme durch Fiat: Experte sieht Chance für Opel
VON STEPHAN DÖRNER - zuletzt aktualisiert: 24.04.2009 - 15:08Düsseldorf (RPO). Neben dem Zulieferer Magna buhlt auch Fiat um den deutschen Auto-Bauer Opel. Die Krise nutzen die Italiener um auf Expansionskurs zu gehen. Sie weiteten ihre Beteiligung an General Motors (GM) aus und wollen Chrysler übernehmen. Ein Experte sieht in der Offerte eine Chance für Opel. Allerdings stünde dann wohl auch das Bochumer Opel-Werk auf dem Prüfstand.
In der Autokrise leiden alle, auch Fiat. Der Autobauer ist hochverschuldet. Auf dem Unternehmen lasten 6,6 Milliarden Euro Nettoschulden. Dennoch agiert Fiat aus einer Position der relativen Stärke heraus. Denn die spritsparenden Kleinwagen sind in Zeiten der Rezession gefragt. Während der weltweite Pkw-Absatz um neun Prozent einbrach, gelang Fiat ein Absatzplus von 14,7 Prozent – nicht zuletzt dank der deutschen Abwrackprämie. Hierzulande konnte Fiat seinen Absatz um satte 200 Prozent steigern.
Aufgrund der hohen Schulden bezweifeln einige Experten allerdings, dass Fiat überhaupt in der Lage ist, die Übernahme zu finanzieren. Mit einem derart hohen Schuldenberg könne man "keine großen Sprünge machen", zitiert die "Financial Times Deutschland" den Analysten einer Mailänder Bank. Autoexperte Prof. Diez glaubt dagegen, dass Fiat eine Übernahme stemmen könnte: "General Motors hatte im Vorfeld schon angedeutet, Opel quasi zu verschenken". Da außerdem die gesamte Mutter GM eine Börsenkapitalisierung von nur noch rund einer Milliarde Euro aufweise, könne die Tochter Opel nicht besonders teuer sein.
Auch Chrysler sei angesichts der bevorstehenden Insolvenz wohl nicht all zu teuer, eine Dreier-Konstellation von Opel und Chrysler unter dem Dach von Fiat also "durchaus vorstellbar". Diese habe aber auch durchaus ihre Risiken, wie das Beispiel Daimler zeige: Bei der Übernahme Chryslers und Mitsubishis habe sich gezeigt, wie groß der Manageraufwand in einem solchen Fall sei. Daimler musste sich von Chrysler wieder trennen, die Übernahme kam die Stuttgarter teuer zu stehen. Auch Mitsubishi hat Daimler inzwischen wieder vollständig verkauft.
Dennoch könnte Fiat ein ernsthaftes Interesse haben, glaubt Prof. Diez. Hauptgrund sind laut dem Autoexperten die anstehenden Milliardeninvestitionen in neue Antriebstechniken. Um neue spritsparende und emissionsarme Motoren zu entwickeln, seien bei allen Autoherstellern in den kommenden fünf Jahren Investitionen in Höhe von rund 10 bis 15 Milliarden Euro in die Entwicklung neuer Antriebstechnologien notwendig. Je höher der Autoabsatz eines Herstellers, desto eher lohnt sich eine solche einmalige Investition.
Fiat-Chef Sergio Marchionne hatte schon im Vorfeld gesagt, ein Autohersteller müsse im Jahr rund 5,5 Millionen Fahrzeuge absetzen, um profitabel zu sein. Laut "Financial Times Deutschland" setzt Fiat derzeit 2,3 Millionnen Autos ab. Mit Opel kämen laut Professor Dr. Willi Diez vom Institut für Automobilwirtschaft etwa 1,5 Millionen weitere Fahrzeuge hinzu. Außerdem kann vermutet werden, dass der Kleinwagenhersteller langfristig auch in das Segment der Mittelklasse einsteigen will. Zwar boomen die Kleinwagen in der Krise – doch die Gewinnmargen sind in den höheren Klassen deutlich größer. Mehrmals schon ist Fiat bei dem Versuch gescheitert, seine Modellpolitik nach oben zu ergänzen. Mit Opel könnte es Fiat den Einstieg in das Mittelklassensegment gelingen.
In einer möglichen Übernahme durch Fiat sieht Prof. Diez eine Chance für Opel: "Opel kann sich keine Ideallösung aussuchen", warnt der Professor. Die Hoffnungen, über Nacht einen Investor aus Abu Dhabi zu finden, glichen eher Geschichten "aus Tausendundeine Nacht". Natürlich müsse Opel im Falle einer Übernahme Federn lasse, so der Autoexperte. Sicher ständen im Fall der Fälle die Opel-Standorte Bochum, Antwerpen und Ellesmere Port in Großbritannien auf dem Prüfstand – zwei davon würden dann wohl geschlossen werden. "Rumpf-Opel" sei aber immer noch besser als gar kein Opel mehr, so der Autoexperte.
Wichtiger als der Einstieg bei Opel ist Fiat jedoch die Übernahme des schwer angeschlagenen Autobauers Chrysler, der laut einem Bericht der "New York Times" vom Donnerstag kurz vor einer Insolvenz nach Kapitel 11 des US-Insolvenzrechts steht. Damit wäre eine Übernahme Fiats ein mögliches Rettungsszenario für den US-Autobauer, der Widerstand der Gewerkschaften dürfte bröckeln. Für Fiat wäre Chrysler die lange erhoffte Möglichkeit auf dem großen aber schwierigen US-Markt endlich Fuß zu fassen. Außerdem soll über den US-Hersteller Know How ins Unternehmen eingekauft werden.
Der Autoexperte Professor Ferdinand Dudenhöffer vermutet deshalb nur ein Scheininteresse Fiats an Opel, um Chrysler zu erpressen. Denn bei den Amerikanern sträubt sich insbesondere die mächtige Autogewerkschaften UAW bisher gegen die Übernahme aus Italien. Dudenhöffers Theorie: Das Interesse an Opel sei ein Täuschungsmanöver, um Chrysler zu zeigen, dass Fiat nicht alternativ los ist. Fiat-Chef Marchionne sei gewieft, zitiert ihn "Welt Online", er spiele "ein wenig über Bande". Prof. Diez hält dieses Szenario zwar für möglich, glaubt aber zumindest an "ein Stück ernsthaftes Interesse". Eine solche Taktik sei "ein Spiel mit dem Feuer", denn wenn ein Unternehmen zu häufig so agiere, verliere es an Glaubwürdigkeit.
Bei Politik und Gewerkschaften stößt die Übernahme-Offerte überwiegend auf Ablehnung. Grund sind Befürchtungen, eine Übernahme könne zum Abbau von Arbeitsplätzen führen, denn Opel und Fiat überschneiden sich in ihrer Modellpolitik. Laut Autoexperte Prof. Diez wären allerdings sowohl Fiat als auch Opel von einem Stellenabbau betroffen. "Dass Fiat in Italien günstiger produziert als Opel in Deutschland, glaube ich nicht", sagte er im Gespräch mit unserer Redaktion. Insbesondere im Eisenacher Stammwerk produziere das Opel vergleichsweise günstig.
Fiat-Chef Sergio Marchionne kann außerdem als arbeitnehmerfreundlich gelten. Als er 2004 das Ruder bei Fiat übernahm, unterwarf er dem Konzern zwar einem harten Sanierungsplan – sparte dabei aber vor allem auf den oberen Etagen. Bei seinem radikalen Umbau hatte er es vor allem auf die Manager und alten Seilschaften des Konzerns abgesehen: Er ersetzte alte Konzerngrößen durch eigene, junge Leute. Bei den Arbeitern auf den unteren Etagen des Konzerns sparte er dagegen nicht: Während er das Edelrestaurant für die Führungskräfte im Unternehmen schließen ließ, erneuerte er die Kantinen für die einfachen Arbeiter und Angestellten.
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