Erwerbslosenzahl unter drei Millionen: Experten warnen vor Arbeitsmarkt-Euphorie
zuletzt aktualisiert: 30.10.2008 - 14:39Nürnberg (RPO). Trotz Konjunkturabkühlung und Finanzmarktkrise liegt die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland erstmals seit 16 Jahren wieder unter drei Millionen. Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) sprach von einem "trotzigen Signal der Zuversicht", CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla feierte sogar einen "großen Tag für Deutschland". Doch Experten warnen vor Euphorie.
Wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Donnerstag in Nürnberg bekanntgab, ging die Zahl der Erwerbslosen verglichen mit September um 84.000 auf 2,997 Millionen zurück, zum Vorjahr beträgt die Abnahme 437.000.
"Der Oktober hat ein von vielen Menschen erhofftes Signal für den Arbeitsmarkt erbracht", sagte Behördenchef Frank-Jürgen Weise.
Begeisterung in der Politik
In der Politik wurden die neuen Zahlen mit Begeisterung aufgenommen. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla würdigte die niedrigste Arbeitslosigkeit seit 16 Jahren als "großen Tag für Deutschland". Dass die Zahl weiter gesunken sei, habe man einem gemeinsame Kraftakt von Politik und Wirtschaft zu verdanken, sagte der CDU-Politiker in Berlin. Eine solche Entwicklung hätten zu Beginn der Großen Koalition "selbst die kühnsten Optimisten" nicht für möglich gehalten.
Arbeitsminister Olaf Scholz wertete die Verringerung der Erwerbslosigkeit als "trotziges Signal der Zuversicht". Gleichzeitig bekräftigte der SPD-Politiker, dass die Regierung mit der Ausweitung des Kurzarbeitergelds auf bis zu 18 Monate und anderen Maßnahmen jetzt Vorsorge für die erwartete Eintrübung am Arbeitsmarkt treffen werde.
Dass erstmals seit 16 Jahren weniger als drei Millionen Menschen ohne Job sind, sei nicht nur der bislang guten Konjunktur zu verdanken, sondern auch den Arbeitsmarktreformen, sagte Scholz. Der Arbeitsmarkt sei damit wetterfest gemacht worden. Allerdings werde ein "Wachstum nahe Null" im kommenden Jahr zum Stresstest für die Wirksamkeit der Reformen werden.
Weise warnt vor Euphorie
BA-Chef Weise versuchte jedoch, die Euphorie ein Stück weit zu bremsen. Der Arbeitsmarkt sei zwar aktuell von der Konjunktureintrübung noch nicht betroffen, sagte Weise, warnte allerdings: "Mittelfristig ist das aber zu erwarten." Im kommenden Jahr sei mit einem Anstieg der Erwerbslosen zu rechnen, wenngleich dieser wegen der Arbeitsmarktreformen nicht so stark ausfallen dürfte wie bei früheren Abschwüngen.
Jeder Arbeitslose werde zumindest statistisch gesehen eine Chance auf einen neuen Job haben, etwa durch Qualifizierungsmaßnahmen. "Uns wird es treffen, aber nicht in dem Maße, wie es früher war", betonte Weise.
Zur Entspannung auf dem Arbeitsmarkt im Oktober haben laut Weise neben der üblichen Herbstbelebung auch die Arbeitsmarktreformen und das rückläufige Arbeitskräfteangebot beigetragen. Unter drei Millionen hatte die Zahl der Menschen ohne Job zuletzt im November 1992 gelegen.
Im Dezember mehr als drei Millionen Arbeitslose erwartet
Für November geht die Bundesagentur von einem weiteren leichten Rückgang der Arbeitslosigkeit aus. Erst im Dezember dürfte die Drei-Millionen-Marke wieder überschritten werden. Im kommenden Jahr sollte die Arbeitslosigkeit in der zweiten Jahreshälfte zulegen. Das der BA angeschlossene Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) rechnet damit, dass die Zahl der Arbeitlosen im Jahresdurchschnitt 2009 bei einem Wirtschaftswachstum von null Prozent um 30.000 zunehmen wird.
Nach wie vor hoch ist derzeit die Zahl der offenen Stellen. Nach BA-Angaben standen im Oktober 1,026 Millionen Arbeitsplätze zur Vermittlung zur Verfügung und damit 98.000 mehr als im Vorjahr. Besonders gefragt waren wieder Verkäufer, Elektriker, Werbe- und Dienstleistungskaufleute sowie Bürofachkräfte. Stellen abgebaut werden dagegen im Bergbau, in der Baubranche, im Banken- und Versicherungsgewerbe sowie im öffentlichen Dienst.
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