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Analogkäse und Schinkenersatz: Experten warnen vor Lebensmittel-Imitaten

zuletzt aktualisiert: 11.07.2009 - 08:18

Berlin (RPO). Neben Analogkäse und Schinkenersatz landen auch zahlreiche andere Lebensmittelimitate im Einkaufskorb ahnungsloser Kunden. Die Verbraucherzentrale Hamburg veröffentlichte am Freitag eine Liste mit elf weiteren Produkten, bei denen Kunden etwas vorgemacht werde - wie etwa Schokoladenkekse ohne Schokolade.

"Offenbar sehen sich immer mehr Anbieter veranlasst, an den Zutaten zu sparen, und möchten vor allem eines vermeiden: Dass die Verbraucher das merken", erklärte die Verbraucherzentrale.

Als Beispiel wird etwa gepresstes Fischeiweiß in Garnelenform gezeigt, das täuschend echt aussieht. In einem "Meeresfrüchtecocktail" fehlen die Meeresfrüchte, eine Dose italienisches Pesto ist mit billigem Sonnenblumen- statt teurem Olivenöl angerührt, in einer Dose Schafskäse steckt sogenannter Analogkäse.

Laut Verbraucherzentrale müssen die Kunden "nicht nur bei den Billigmarken, sondern auch bei teureren Markenartikeln" aufpassen. Auf der oft kleingedruckten Zutatenliste müssten die Inhalte deklariert sein. Die Verbraucherzentrale rät dazu, auf imitierte Lebensmittel zu verzichten.

Info
Was sind Lebensmittelimitate?

Damit bezeichnet man Produkte, die ein anderes Lebensmittel nachahmen und ihm somit in Aussehen und Geschmack weitgehend gleichen, wobei die verwendeten Rohstoffe nichts oder wenig mit dem echten Lebensmittel zu tun haben. Als Analog- oder Kunstkäse bezeichnet man käseähnliche Erzeugnisse, die nicht oder nur zu einem Teil aus Milch oder Milchprodukten hergestellt werden, sondern aus Eiweiß, Pflanzenfetten, Verdickungsmitteln, Geschmacksverstärkern sowie Aroma- und Farbstoffen.

Analogkäse und Schinkenersatz

Erst zu Beginn der Woche hatten SPD und Union auf die Veröffentlichung der Namen der Hersteller gedrungen, die Schinkenimitat auf den Markt bringen. Zuvor war öffentlich geworden, dass bei Kontrollen vor allem in der Gastronomie in zahlreichen Fällen Imitate entdeckt wurden, die als Schinken ausgegeben wurde.

Sie bestehen aus einem großen Anteil schnittfestem Stärke-Gels, in das kleine Fleischstücke eingearbeitet sind. Vor wenigen Wochen war bereits öffentlich geworden, dass in überbackenen Produkten oft sogenannter Analogkäse verwendet wird, der mit echtem Käse nichts zu tun hat.

Die Verwendung von Lebensmittelimitaten, die normalerweise nicht gesundheitsgefährdend sind, ist in Deutschland nicht verboten, allerdings dürfen sie nicht als Original ausgegeben werden. Verbraucherschützer kritisieren aber, dass Kunden selbst dann, wenn die Imitate korrekt ausgezeichnet sind, häufig nicht klar erkennen können, was sie eigentlich kaufen. Sie fordern, dass Imitate klar als solche bezeichnet werden und zudem die Ergebnisse von Kontrollen öffentlich gemacht und Verstöße konsequent geahndet werden müssen.

Politik machtlos

Die Verbraucherbeauftragte der Unionsfraktion, Julia Klöckner, sagte dem "Tagesspiegel", nötig sei eine bessere Kennzeichnungspflicht. Bei Imitaten müsse "auch draufstehen, dass es sich um Imitate handelt". Klöckner forderte zudem "eine große Aufklärungskampagne".

Die stellvertretende Grünen-Fraktionschefin Bärbel Höhn warf der Union vor, sie habe "nichts unternommen, um die Verbraucherrechte gegenüber der Ernährungswirtschaft zu stärken". Um Verbrauchertäuschung zu verhindern, seien bessere Kontrollen und eine bessere Kennzeichnungspflicht nötig. Außerdem brauche man ein Verbraucherinformationsgesetz, "das die Ergebnisse von Lebensmittelkontrollen für alle öffentlich zugänglich macht".

SPD-Fraktionsvize Ulrich Kelber hat die Täuschungen bei Lebensmitteln scharf kritisiert. "Es ist ein Skandal, Verbraucher zu täuschen und ihnen billige Ersatzstoffe unterzuschieben", sagte Kelber der "Passauer Neuen Presse". "Wer erwischt wird, muss damit rechnen, dass sein Name genannt wird", unterstützte er eine Initiative des Landes Hessen.

Klare Kennzeichnung, Kontrollen und Sanktionen sind auch aus Sicht der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) die richtige Antwort. "Wir sind gegen jede Form des Manschens und Panschens", sagte NGG-Chef Franz-Josef Möllenberg. Notwendig seien "Reinheitsgebote für Lebensmittel". Wenn Imitate verwendet würden, müsse das klar gekennzeichnet werden

Der baden-württembergische Verbraucherschutzminister Peter Hauk sieht dagegen nur begrenzte Möglichkeiten, gegen Lebensmittelimitate vorzugehen. Deren Herstellung und Verwendung liege in der Entscheidung der Unternehmen, sagte der CDU-Politiker der AP.

Wenn im Produktionsverfahren Pflanzenfette deutlich hitzebeständiger und haltbarer seien und sich am Ende das Käse-Imitat im Geschmack nicht von echtem Käse unterscheiden lasse, dann könne die Politik das der Industrie nicht verwehren. Er forderte die Industrie aber zu klaren Inhaltsangaben auf.

Gefälschte Lebensmittel als Folge des Preisdrucks

Der Deutsche Bauernverband (DBV) sieht den Grund für immer stärker auf den Markt gelangende gefälschte Lebensmittel vor allem im Preisdruck im Lebensmittelhandel. Die ständigen Preissenkungen im Lebensmittelhandel führten auch zu "solchen Fehlentwicklungen, dass zunehmend Imitate bei der Lebensmittelherstellung angewendet werden", sagte Bauernpräsident Gerd Sonnleitner der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Wer als Verbraucher Fleisch oder Milchprodukte wie Käse an der Ladentheke verlange, dürfe kein Ersatzprodukt erhalten, forderte Sonnleitner.

"Schummel-Käse oder Schnitzel ohne Fleisch" seien "regelrecht Plagiate von qualitativ hervorragenden Lebensmitteln", die die Bauern mit hohem Aufwand und Glaubwürdigkeit erzeugten. Die Bauern stünden weiter für "Qualität, Regionalität und vor allem Reinheit unserer Produkte und nicht für Plagiate, die dann auch noch über verbrauchertäuschende Werbung und unscheinbare Kennzeichnung vermarktet werden", sagte Sonnleitner.

Quelle: AFP

 
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