Karstadt und Gazprom: Familie Schröder im Aufsichtsrat
VON GEORG WINTERS - zuletzt aktualisiert: 19.01.2011 - 09:30Essen (RP). Die Ehefrau des früheren Bundeskanzlers als Kontrolleurin beim Essener Handelskonzern Karstadt – das ist für manchen überraschend. Aber beileibe kein Zufall. Denn Gerhard Schröder gehört zum Beraterkreis eines Instituts von Karstadt-Eigner Nicolas Berggruen.
Die Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Michael Spence, der frühere spanische Ministerpräsident Felipe Gonzalez, der ehemalige EU-Kommissar Chris Patten und Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder – dieser illustre Kreis gehört zum Beraterteam des "Nicolas Berggruen Institute". Das ist eine Art Denkfabrik für Kalifornien, mit dem der neue Eigentümer des Handelskonzerns Karstadt den US-Staat unter anderem in Sachen Haushalt, Energie und Umweltschutz wieder nach vorn bringen will.
Weil Ex-Kanzler Schröder als politischer Berater in diesem Gremium sitzt, ist auch die Verbindung von dessen Ehefrau zu Berggruen eine logische. Im vergangenen Jahr wurden Berggruen und Schröder beim Essen in Berlin gemeinsam gesichtet, nachdem der deutsch-amerikanische Investor seine Pläne für die Karstadt-Übernahme öffentlich gemacht hatte. Dass Doris Schröder-Köpf am Montag in den Aufsichtsrat des im vergangenen Jahr durch Berggruen übernommenen Karstadt-Konzerns berufen wurde, ist also alles andere als ein Zufall – auch wenn der Einzug der Journalistin in das Kontrollgremium des Handelskonzerns manchen überrascht hat.
Die 47-Jährige war Zeitungsredakteurin in Augsburg, Parlamentskorrespondentin in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn, ging 1990 nach New York und kehrte zwei Jahre später nach Deutschland zurück – zum Nachrichtenmagazin "Focus". Als Kanzler-Ehefrau engagierte sie sich wie ihre Vorgängerinnen für soziale Projekte, unter anderem für krebskranke Kinder im ukrainischen Tschernobyl, dem Ort des furchtbaren Reaktor-Unglücks von 1986.
Die Illustrierte "Bunte" kürte Doris Schröder-Köpf 2004 zur "Frau des Jahres", und im Mai 2009 war sie Mitglied der Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten. Aber Aufsichtsrätin in einem großen deutschen Unternehmen – das ist Neuland für Doris Schröder-Köpf.
Ganz anders als für ihren Ehemann. Der erregte ein halbes Jahr nach seiner Wahl-Niederlage 2005 gegen Angela Merkel Aufsehen, als er Vorsitzender des Rats der Aktionäre beim Pipeline-Unternehmen NEGP wurde. Das ist das Konsortium aus dem russischen Gaskonzern Gazprom sowie den deutschen Großfirmen BASF und Eon, das die Ostsee-Pipeline nach Deutschland bauen und betreiben will. Das löste Unmut aus, weil Schröder sich noch als Kanzler für das Großprojekt ins Zeug gelegt und es zusammen mit dem damaligen russischen Präsidenten Wladimir Putin unter Dach und Fach gebracht hatte. Und: NEGP, ein Unternehmen nach Schweizer Recht, hat seinen Sitz in der Alpenrepublik und genießt dort natürlich auch Steuervorteile.
Schröders enge Verbindung zur Wirtschaft schon zu Kanzlerzeiten hat ihm auch einen Eintrag beim Online-Lexikon "Lobbypedia" gebracht. Das nennt sich unabhängig und lobbykritisch und bescheinigt Schröder in der Zeit von dessen Kanzlerschaft "eine bis dahin beispiellose Öffnung der Bundesregierung für Anliegen und Methoden des Lobbyismus".
Für den Ex-Kanzler ist das alles Unsinn. Als Buchautor äußerte sich Schröder jüngst darüber, dass der Wechsel zwischen Politik und Wirtschaft nach beiden Seiten offen sein müsse: "Wer glaubt, dies mit Sperrzeiten unterbinden zu wollen, erreicht nur ein Ziel: Für Menschen, die außerhalb der Politik beruflich erfolgreich sind, wird ein Wechsel in ein politisches Amt unattraktiv." Beim Rechtsanwalt Schröder hat das geklappt. Und in Hannover beim Abendessen unterhalten sich die Schröders künftig dann nicht mehr nur über Tagespolitik und das Energiegeschäft, sondern auch über die deutsche Handelslandschaft und die Konsumlust der Deutschen. Das sind doch auch schöne Themen.
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