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Heros-Skandal: Geldtransport mit Selbstbedienung

VON ANDREAS REINERS UND JÜRGEN STOCK - zuletzt aktualisiert: 21.02.2006 - 07:45

Viersen (rpo). In der Branche der Geldtransportunternehmen galt die Firma Heros schon lange als „billiger Jakob“, der die Preise der Konkurrenten stets unterbot. Jetzt scheint auch klar, wie sich dass Unternehmen dennoch über Wasser halten konnte: mit schmutzigen Tricks.

Nach der Pleite des Geldtransportunternehmen Heros fragen sich nicht nur in Viersen viele Menschen: Wie war es möglich, dass führende Mitarbeiter des Konzerns über Jahre hinweg Gelder veruntreut haben sollen, ohne dass die geprellten Kunden aufmerksam wurden?

Der Mülheimer Versicherungs-Experte Bernd Schäfer hat eine verblüffende Antwort parat. Nach Auswertung mehrerer vergleichbarer Fälle, die in den vergangenen Jahren aufflogen, kommt er zu dem Schluss: Die Kunden waren zufrieden und glaubten sogar ein gutes Geschäft zu machen.

Und so funktionierte der Trick: Die Geldtransporteure lieferten das eingesammelte Geld nicht sofort bei der Bank ab, sondern zahlten es vorübergehend auf ein eigenes Konto ein. Für diese Verzögerung mussten sie an ihre Vertragspartner einen Strafzins entrichten. Der liegt bei bis zu neun Prozent. Das ist mehr, als zum Beispiel ein Kaufhauskonzern bei der Anlage auf einem eigenen Konto hätte erzielen können.

Deshalb störten sich die Kunden zunächst nicht an der verspäteten Ablieferung. Was sie nicht wussten: Sie bezahlten den Strafzins aus den eigenen Tageseinnahmen, die ihnen zeitweise entzogen wurden. Denn die Geldtransporteure beglichen die Zinsen mit den folgenden Geldlieferungen, die sie - wie gehabt - wieder auf einem eigenen Konto anlegten, statt sie pünktlich abzuliefern. Ein Schneeballsystem, das nur funktioniert, solange stetig neues Geld nachgepumpt wird.

Nach Aussage der Staatsanwaltschaft Mönchengladbach haben die verhafteten Heros-Manager ebenfalls ein Schneeballsystem benutzt, um Geld auf Firmenkonten umzuleiten.

Auf dem Markt agierte Heros aggressiv: „Die Preisunterbietungen hatten eine Dimension erreicht, die betriebswirtschaftlich nicht zu erklären sind“, meint Harald Olschok von der Bundesvereinigung Deutscher Geld- und Wertdienste (BDGW). Ähnlich äußert sich auch Ralf Hübsch (58), Gewerkschaftssekretär beim Verdi-Landesverband in Düsseldorf. Er ist verantwortlich für den Bereich Sicherheitsdienste und Werttransporte. „Heros“, berichtet Hübsch, „war als billiger Jakob bekannt. Die haben überall die Preise unterboten. Da hat man sich schon gefragt, wie das möglich ist. Denn mit Geldtransporten lässt sich schon seit Jahren in Deutschland kein Geld verdienen.“ Er glaubt, dass der Schaden höher sein wird als die von der Staatsanwaltschaft veranschlagten 300 Millionen: „Er dürfte eher bei 500 Millionen liegen.“ Schätzungen anderer Experten liegen sogar noch deutlich darüber.

Die Konzernzentrale von Heros in Hannover hüllt sich in Schweigen. Nicht einmal zum Insolvenzantrag, den die Gruppe gestern für ihre 23 Töchter stellte, will sich die Geschäftsführung äußern. Sicher ist nur, dass jetzt auch die Beschäftigten in der Viersener Filiale um ihre Jobs bangen müssen.

Völlig unklar ist bislang, ob das Unternehmen weiterhin Geld ausliefern und abholen kann. Gestern noch ging der Betrieb in Viersen weiter, als wäre nichts geschehen. Bundesweit stehen 3000 Arbeitsplätze auf dem Spiel. „Wir sorgen uns um die Mitarbeiter“, betont Gerald Richter, Bundes-Fachgruppenleiter bei Verdi. Er hat gestern eine Versammlung von Betriebsräten aus der Sicherheitsbranche einberufen. Er will sondieren, ob es möglich ist, dass die Heros-Mitarbeiter von anderen Unternehmen übernommen werden, sollte die Firma nicht weitergeführt werden können. Die geschädigten Kunden werden einen Großteil des Geldes wohl abschreiben müssen. Schäfer: „Die Versicherungen übernehmen, wenn überhaupt, nur einen kleinen Teil.“

Geldinstitute haben zudem noch ein anderes Problem: Viele Banken und Sparkassen arbeiten mit dem größten Geldtransport-Unternehmen in Deutschland zusammen. Nach Aussagen von Branchen-Insidern fehlen jetzt die Kapazitäten, die Versorgung aller Bankautomaten in Deutschland mit Bargeld sicherzustellen, sollte Heros ausfallen. So müssten Techniker die Geldautomaten zeitaufwändig auf mögliche neue Abholer umstellen.

Quelle: Rheinische Post

 
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