Sparkassenskandal: Guter Klüngel, böser Klüngel
VON CARSTEN FIEDLER - zuletzt aktualisiert: 06.02.2009 - 16:49Köln (RP). Nirgendwo sonst in Deutschland ist das System gegenseitiger Gefälligkeiten so ausgeprägt wie in Köln. Der Klüngel hat sich in der kölschen Seele eingegraben – und macht die Stadt so korruptionsanfällig.
Wenn in diesen Tagen auf den Fluren des Kölner Rathauses über den gestürzten Bürgermeister Josef Müller getuschelt wird, fällt oft das böse rheinische Wort "widderlich". In das Entsetzen darüber, dass sich ausgerechnet der "Jupp", gelernter Postbote und CDU-Urgestein, hat korrumpieren lassen, mischen sich Wut und Enttäuschung. Im Umfeld von OB Fritz Schramma ist von "Schockstarre" die Rede: "Die Stadt ist wie gelähmt, weil nun wieder das gesamte System problematisiert wird", sagt ein Mitarbeiter.
Das System heißt Klüngel, funktioniert parteiübergreifend und gehört zu Köln wie der Dom und der Karneval. Der 2003 verstorbene Kölner Soziologe Erwin K. Scheuch hat dieses Gemisch gegenseitiger Gefälligkeiten und Abhängigkeiten in einem Dreistufenmodell erklärt. Stufe 1: Wer als Politiker Kritikwürdiges vorhat, nehme wirkliche und mögliche Gegner mit ins Boot. Stufe 2: Für erwiesene Gefälligkeiten verlange man die Belohnung nicht hier und heute. Stufe 3: Die Absprache darf nicht ruchbar werden.
Exakt nach diesem Muster lief auch der Sparkassen-Deal mit Bürgermeister Müller ab. Als er Ende 2000 als CDU-Fraktionsgeschäftsführer abgeschoben wurde (Bruttoverdienst: 6000 Euro), waren sich die Strippenzieher von SPD und CDU einig, dass der "Jupp" versorgt werden müsse. Heraus kam der mit Hunderttausenden Euro dotierte Beratervertrag mit einer Tochtergesellschaft der Sparkasse Düsseldorf. Tatsächlich bezahlt wurde Müller von der Sparkasse Köln-Bonn – ein perfekt eingefädeltes Klüngelmachwerk.
Der Fall Müller und der seines Parteifreundes Rolf Bietmann, der ebenfalls für einen Sparkassen-Beratervertrag 900 000 Euro kassierte, sind Beispiele für den "bösen Klüngel", den man auch schlicht Korruption nennen kann. Dieser Fall tritt ein, wenn das System der gegenseitigen Hilfeleistungen ("Eine Hand wäscht die andere") nicht mehr dem Gemeinwohl nutzt – sprich: wenn sich einzelne die Taschen vollmachen.
Der Psychologe Stephan Grünewald beschreibt den Unterschied zwischen "gutem" und "bösem Klüngel" so: "Wenn niemand zu Schaden kommt, ist Klüngel eine angewandte Alltags- und Lebensversicherung. Es besteht jedoch die Gefahr, dass sich der Klüngel verhärtet und daraus feste, mafiöse Strukturen entstehen." Beispiele für den fließenden Übergang von Klüngel zu Korruption gibt es in Köln viele: Die Skandale um Millionen-Schmiergelder beim Bau der Müllverbrennungsanlage, um den Bau der Kölnarena und der neuen Messehallen.
Woran liegt es, dass die Kölner so klüngel- und damit so korruptionsanfällig sind? Hier hilft ein Blick in die Geschichte. Im Mittelalter zwang das Stapelrecht die Händler, ihre Waren, die sie über den Rhein bringen wollten, zuerst in der Stadt anzubieten. So war man in Köln frühzeitig auf ein gegenseitiges Geben und Nehmen eingestellt. "Der Klüngel ist tief in der kölschen Seele eingegraben", schreibt der Kölner Politikwissenschaftler Frank Überall.
Anfang des 20. Jahrhunderts prägte der damalige Kölner OB Konrad Adenauer den Ausspruch "Mer kenne uns, mer helfe uns". Dieses Motto des "guten Klüngels" gilt bis heute – und wird von den Kölnern stolz in zahlreichen Liedern besungen: "Nit nur nemme, och jönne künne", heißt es bei der Kultband "Höhner". Für die Kölner ist Klüngel eben nicht nur die Verniedlichung von Korruption, sondern zunächst einmal "etwas zutiefst Sympathisches, Menschliches und Demokratisches", sagt Überall.
Seit den Korruptionsskandalen Ende der 90er Jahre gibt es Bestrebungen, den "bösen Klüngel" einzudämmen. Ende 2004 wurde in NRW ein Anti-Korruptionsgesetz beschlossen, in Köln wurde die Stelle eines Anti-Korruptionsbeauftragten geschaffen. Doch trotz neuer Vorschriften und schärferer Strafverfolgung wird es den fließenden Übergang vom "guten" zum "bösen Klüngel" in Köln immer geben. Es handelt sich quasi um einen programmierten Systemfehler.
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