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Fachkräftemangel
Handwerk fehlen 7000 Lehrlinge

Die beliebtesten Ausbildungsberufe 2010
Die beliebtesten Ausbildungsberufe 2010 FOTO: ap
Berlin (RP). Handwerkspräsident Otto Kentzler hat vor einem Mangel an Lehrlingen und Fachkräften gewarnt. "Allein in diesem Winter fehlen über 7000 Auszubildende", sagte er unserer Redaktion. Auch die Industrie warnt vor Fachkräftemangel. Arbeitgeberpräsident Hundt fordert Zuwanderungspolitik, die sich am Bedarf der Wirtschaft orientiert. Der DIHK will zudem bessere Kinderbetreuungsmöglichkeiten.

Die Arbeitsagenturen melden 12.300 unversorgte Bewerber bei 19.600 offenen Lehrstellen. In Wahrheit sei die Bewerberlücke jedoch größer, weil viele Betriebe sich dort nicht meldeten. "In Wahrheit ist die Bewerberlücke noch größer, weil viele Handwerksbetriebe sich dort gar nicht melden", sagte Kentzler im Interview mit unserer Redaktion.  

Bei den ausgebildeten Fachkräften drohten schon 2011 Engpässe. "Zuerst werden es Ausbauhandwerker spüren, Elektriker und Heizungsbauer etwa", sagte Kentzler unserer Redaktion. Auch die Zulieferer der Maschinenbauer und der Autoindustrie bekämen bald Schwierigkeiten.

Hundt fordert Zuwanderungspolitik

Auch die Industrie warnt. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt forderte gestern eine Zuwanderungspolitik, die sich am Bedarf der Wirtschaft orientiere. Die Auswahl der ausländischen Fachkräfte müsste nach Ausbildung, Sprachkenntnissen und Berufserfahrung erfolgen. Hundt mahnte zudem: "In einer alternden Gesellschaft gibt es auch keine Alternative zu einer schrittweisen Erhöhung des Rentenalters. Sonst werden die Renten sinken oder die Beiträge steigen. Beides wollen wir nicht."

Der Arbeitgeberpräsident betonte ferner, man müsse "alle Instrumente nutzen, um zu verhindern, dass der Fachkräftemangel zur Wachstumsbremse für die deutsche Wirtschaft wird". So gelte es auch, die Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen früh zu erkennen und zu fördern. Außerdem müssten die Bedingungen für eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen weiter verbessert werden.

Am Samstag hatte bereits der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, gemahnt: "Wir müssen uns vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung dazu bekennen, dass wir längst ein Zuwanderungsland sind und in Zukunft auf qualifizierte Fachkräfte auch aus dem Ausland angewiesen sein werden." Bei dem sich abzeichnenden Fachkräftemangel werde Deutschland mit anderen europäischen Staaten um qualifizierte Zuwanderer konkurrieren. Landsberg forderte: "Darauf müssen wir auch politisch eine geeignete Antwort geben."

Auch der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Hans Heinrich Driftmann, mahnte ein "schlüssiges Gesamtkonzept" der Bundesregierung an. So müsse die Qualität des Bildungssystems verbessert und für einen Ausbau der Kinderbetreuungsmöglichkeiten gesorgt werden. Außerdem sei eine Zuwanderung von ausländischen Arbeitnehmern notwendig, forderte Driftmann. Um diese Zuwanderung zu steuern, müsse man "nach kanadischem oder australischem Vorbild Kriterien wie etwa Qualifikation, Berufserfahrung und Sprachkenntnisse heranziehen".

Bewerberlücke wird immer größer

Handwerkspräsident Kentzler warnt: "Die Bewerberlücke bei den Auszubildenden wächst von Jahr zu Jahr." Noch mehr Unternehmen müssten verstehen, dass nur durch die eigene Ausbildung in Zukunft genügend Gesellen und Meister zur Verfügung stehen werden. Das Handwerk müsse darum kämpfen, die guten jungen Fachkräfte zu halten und nicht in andere Wirtschaftsbereiche abwandern zu lassen.

Bei der so oft beklagten mangelnden Ausbildungsreife vieler Jugendlicher sieht der Handwerkspräsident eine Verbesserung: "Von Jahr zu Jahr sinkt etwa der Anteil der Jugendlichen eines Jahrgangs, der keinen Schulabschluss hat." Seine persönliche Erfahrung ist: "Wenn Schüler ein Praktikum in einem Handwerksbetrieb gemacht haben, werden sie hinterher oft deutlich besser in der Schule, weil sie verstanden haben, wofür sie lernen."

Bis 67 arbeiten hält Kentzler im Handwerk für möglich. "Die Arbeitsbedingungen auch in körperlich anstrengenden Berufen haben sich längst verbessert. Ich schicke doch unserer Dachdecker im Betrieb mit einer schweren Rolle Dachpappe nicht mehr über die Leiter aufs Dach. Zeit ist Geld, dafür nutzen wir den Lastenaufzug."

Quelle: RP
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