Interview mit ZDH-Generalsekretär: Handwerk warnt vor 10.000 unbesetzten Lehrstellen
zuletzt aktualisiert: 26.02.2010 - 11:41Berlin (RPO). Eine Woche vor Beginn der traditionellen Münchner Handwerksmesse schlägt das Handwerk Alarm: Auch im laufenden Jahr drohen tausende Lehrstellen unbesetzt zu bleiben. Schon 2009 fehlten 10000 Lehrlinge. In den Kindergärten und Schulen müsse mehr getan werden, um das Interesse an Handwerksberufen zu wecken und die Ausbildungsreife der Jugendlichen zu verbessern, sagt Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Detuschen Handwerks (ZDH), im Gespräch mit unserer Redaktion.
Deutschland steckt in der tiefsten Krise der Nachkriegszeit. Wie sehr leidet das Handwerk?
Schwannecke: 2010 hoffen wir, die Umsatzrückgänge unter einem Prozent zu halten, dabei bleibt die Beschäftigung stabil. Die Stimmung in den Betrieben hat sich deutlich aufgehellt, sie ist derzeit besser als die Zahlen. 2009 mussten wir noch einen Umsatzrückgang von 3,5 Prozent hinnehmen, 60000 Arbeitsplätze gingen verloren. Damit sind wir aber immer noch deutlich glimpflicher davongekommen als viele andere Branchen.
Das Konjunkturpaket läuft Ende des Jahres aus. Wie schaffen Sie den Übergang?
Schwannecke: Wir müssen aufpassen, dass sich die Auftragslage am Jahresende nicht schlagartig verschlechtert. Wir stellen das Auslaufdatum 31. Dezember für das Konjunkturpaket gar nicht infrage. Es muss aber sicher gestellt sein, dass die bis dahin erteilten Aufträge auch 2011 noch abgearbeitet werden können. Durch den strengen Winter verzögern sich in vielen Regionen die Arbeiten deutlich. Auch die Gespräche der Betriebe mit den Banken zur Vorfinanzierung der Aufträge ziehen sich in der Krise oft lange hin und bremsen die Abwicklung.
Die Länder wollen die Bundesmittel aus dem Konjunkturpaket auch zum Stopfen von Haushaltslöchern ausgeben dürfen. Was halten Sie davon?
Schwannecke: Wir sind entschieden dagegen. Das würde unseren Betrieben zusätzliche Auftragschancen nehmen, die sie in der Krise dringend brauchen. Wir haben Bundesregierung und Fraktionen deshalb aufgefordert, sich der Länderinitiative nicht zu beugen.
Wie sieht die Ausbildungslage aus?
Schwannecke: Schon im vergangenen Jahr konnten wir fast 10000 Ausbildungsplätze nicht besetzen. Es gab schlicht nicht genügend Bewerber, auch weil die Zahl der Schulabgänger weiter zurückgeht. Die Lage wird sich auch 2010 kaum ändern.
Woran liegt das?
Schwannecke: Viele junge Menschen wissen zu wenig über das Handwerk und finden es uncool. Dabei haben wir hier in Zukunft beste Perspektiven, denn Deutschland rennt in einen akuten Fachkräftemangel hinein. Das gilt jetzt schon etwa bei den Ausbaugewerken. Dabei sind unsere Berufe hochspannend – denken sie etwa an Elektro oder Heizung und Klima, wo sich vieles heute um IT oder Energie sparen dreht.
Sie klagen aber auch über die mangelnde Ausbildungsfähigkeit der Jugendlichen.
Schwannecke: Ja, leider zählen wir pro Jahr über 100000, die nicht ausbildungsreif die Schulen verlassen. Die Schule muss das Rüstzeug für die weitere Ausbildung mitgeben. Wir müssen aufpassen, dass Hartz IV nicht zum Lebensschicksal junger Menschen wird. Deshalb heißt es schon im Kindergarten und früh in den Schulen anzusetzen: Wirtschaftsverständnis und Berufsorientierung müssen unbedingt Pflicht-Bestandteile der Lehrpläne werden!
Die Wirtschaft klagt immer wieder über die schleppende Kreditvergabe der Banken. Nun setzt die Regierung Hans-Joachim Metternich als "Kreditmediator" ein. Er soll zwischen Betrieben und Banken vermitteln. Eine gute Wahl?
Schwannecke: Die Handwerkskammern bieten ihren Mitgliedsbetrieben bereits Beratung an und begleiten die Fälle auch konstruktiv gegenüber der Hausbank. Das jetzt in Gang gesetzte Verfahren der Mediation kann ein weiterer wichtiger Schritt sein, den wir konstruktiv begleiten werden. Das Verfahren muss aber praktikabel und zielführend ausgestaltet werden.
Das Gespräch führte Birgit Marschall
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