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Chef der DB Regio NRW
"Hundestreifen in Regionalzügen wären sinnvoll"

Heinrich Brüggemann: "Wir sind für Hundestreifen in Regionalzügen"
Thomas Görtzen und Heinrich Brüggemann im Doppelinterview. FOTO: Hans-Juergen Bauer
Düsseldorf. Der vom Wettbewerb arg gerupfte Marktführer und der stärkste Konkurrent lassen sich gemeinsam interviewen – und das auf eigenen Wunsch: Thomas Görtzen, Geschäftsführer von Keolis Deutschland , und Heinrich Brüggemann, Chef der Bahn-Tochter DB Regio NRW. Von Klaus Peter Kühn und Maximilian Plück

Die von Thomas Görtzen geführte Eurobahn hat vor wenigen Wochen Heinrich Brüggemanns Deutsche Bahn Regio NRW zwei S-Bahn-Linien abgejagt. Die zum französischen Keolis-Konzern gehörende Eurobahn steigert damit ihren Marktanteil in NRW auf 21 Prozent. Der von DB Regio steuert im bevölkerungsreichsten Bundesland von derzeit 70 auf rund 43 Prozent zu. Dennoch geben sich die beiden Bahn-Manager mehr als Partner denn als Konkurrenten.

Herr Görtzen, wie groß ist Ihre Schadenfreude? Schließlich hat Keolis der DB Regio bei der S-Bahn Rhein-Ruhr einen Großauftrag abgeluchst.

Görtzen Streichen Sie bitte das Wort "Schaden". Wir freuen uns ganz ohne Häme, dass wir uns mit unserem Angebot durchgesetzt haben. Damit untermauern wir den Anspruch, die Nummer zwei im NRW-Regionalverkehr zu sein. Wir hoffen natürlich, ein paar Sachen noch besser zu machen als die Deutsche Bahn.

Was wird sich mit dem Betreiber Keolis ändern?

Görtzen Äußerlich merkt der Kunde nur wenig. Die Fahrzeuge, die der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr der DB abgekauft hat und uns zur Verfügung stellt, werden natürlich umgestaltet und erhalten das einheitliche VRR-Design. Bei der Leistung werden wir noch stärker auf Sauberkeit, eine bessere Kundenbetreuung und Fahrgastinformation setzen. Die hohen Pünktlichkeitswerte der Bahn möchten wir halten, wenn nicht sogar verbessern.

Wie groß ist der Frust der DB über den verlorenen S-Bahn-Auftrag?

Brüggemann Natürlich riesig. Das war ein herber Schlag für DB Regio NRW – vor allem für die Belegschaft. Es ist den Beschäftigten nur schwer zu erklären, dass sie einen hervorragenden Job gemacht haben – mit Spitzenwerten bei der Pünktlichkeit von deutlich mehr als 90 Prozent. Trotzdem ging der Auftrag verloren. Aber wir bleiben beteiligt, denn wir übernehmen für Keolis die Wartung und Instandhaltung der Züge.

Dafür ist nur ein Teil der Belegschaft nötig. Was passiert mit dem Rest?

Brüggemann Betriebsbedingte Kündigungen sind bei der Bahn ausgeschlossen. Wer von den rund 250 direkt betroffenen Beschäftigten im DB-Konzern bleiben will, wird auf einer vergleichbaren Stelle eingesetzt – nicht zwangsläufig in NRW. Es spricht deshalb sehr viel dafür, dass Eisenbahner, die mit den Strecken vertraut sind und damit das nötige Know-how haben, zu Keolis und Abellio wechseln können – und in anderer Unternehmensbekleidung für das gleiche Entgelt dieselbe Arbeit verrichten. Deshalb sprechen wir mit den anderen Bahn-Unternehmen und den Gewerkschaften. Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr versucht, eine Übernahme des Personals zu vermitteln.

Görtzen Keolis ist sehr daran interessiert, möglichst viele der erfahrenen DB-Mitarbeiter zu übernehmen. Wir haben bis zur Betriebsübernahme Ende 2019 aber auch genügend Zeit, Personal zu rekrutieren oder – mit Blick auf den Mangelberuf Lokführer – auch ganz neu auszubilden.

Wenn man Sie hier so einträchtig sieht, stellt sich die Frage: Müssen wir uns Sorgen um den Wettbewerb auf der Schiene machen?

Görtzen Reisende hatten noch nie so viele Möglichkeiten wie heute, zwischen Verkehrsmitteln zu wählen. Von Mitfahrzentralen wie Bla-Bla-Car bis hin zu Anbietern wie MyTaxi, das Angebot ist vielseitig. Das macht die Situation für den Schienenverkehr nicht einfacher. Bereits heute haben wir Hunderte von Baustellen, in Zukunft wird es noch deutlichere Einschränkungen des Betriebs geben. Wer mehrmals Probleme mit Baustellen erlebt, ist unter Umständen dauerhaft vergrätzt und sucht sich mit guten Erfolgsaussichten andere Fortbewegungsmöglichkeiten.

Brüggemann Auch wenn wir in Ausschreibungen gegeneinander antreten: Ein ganz entscheidender Wettbewerber für uns alle ist und bleibt die Straße. Deshalb arbeiten wir gemeinsam daran, das System Bahn attraktiv zu halten.

Vielleicht wäre es ja schon ein Anfang, wenn am Bahnsteig vernünftig über Störungen informiert würde.

Görtzen Wir geben unsere Informationen an die Bahn-Tochter "Station & Service" weiter. Leider kommt nicht immer alles bei den Fahrgästen auf dem Bahnsteig an. Das ist extrem ärgerlich. Da muss die DB noch besser werden.

Brüggemann Das ist kein ausschließliches Problem von Keolis. Die Verbesserung der Reisendeninformation ist daher auch ein wichtiger Bestandteil des Programms "Zukunft Bahn". Zudem haben wir seit einem Jahr sogenannte "Streckenagenten", die unsere Kunden über Smartphone via Twitter und WhatsApp informieren.

Wie könnte das Bahnfahren im Regioverkehr attraktiver werden?

Görtzen Die Unternehmen haben derzeit kaum eine Möglichkeit, sich durch besondere Angebote zu profilieren. Die Auftraggeber – also die Verkehrsverbünde – geben alles haarklein vor, bis hin zur Neigung der Sitzlehne. Den Zuschlag erhält, wer den niedrigsten Preis verlangt. Wer Sonderleistungen anbietet, ist beim nächsten Auftrag automatisch aus dem Rennen. In den Niederlanden läuft der Wettbewerb zum Beispiel ganz anders: Der Auftraggeber stellt eine bestimmte Summe bereit und fordert die Unternehmen auf, die Verkehrsaufgabe möglichst kreativ zu lösen.

Aufgrund der jüngsten Ereignisse - etwa der Axt-Attacke eines Islamisten in einem Würzburger Zug – ist das Sicherheitsbedürfnis gestiegen. Wie gehen Sie damit um?

Brüggemann Man muss unterscheiden zwischen der objektiven, statistisch messbaren Gefahrenlage – die ist nicht angespannter – und der gefühlten. Da gibt es verständlicherweise die Forderung nach mehr Sicherheit – nicht nur von den Kunden, sondern auch von unseren Beschäftigten. Ich begrüße die Debatte, die es in den Gremien des VRR gibt. Dort wird überlegt, Sicherheitskräfte mit Hunden auf Streife zu schicken. Hamburg hat damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Warum sollte das kein Modell für NRW sein? Auch sind Verfügungs-Teams angedacht, also Sicherheitskräfte, die flexibel je nach Verkehrsaufkommen und Art der Fahrt – also beispielsweise bei Fußballspielen – zusätzlich eingesetzt werden. Als Pilotprojekt bringt DB Regio NRW seit Anfang August zudem vermehrt Prüfteams von fünf Personen bei der Fahrkartenkontrolle zum Einsatz. Damit setzen wir nicht nur ein deutliches Signal gegen Schwarzfahrer, wir erhöhen auch das Sicherheitsgefühl an Bord unserer Züge.

Görtzen Wir bei Keolis stellen fest, dass die Hemmschwelle der Fahrgäste gesunken ist. Unsere Servicekräfte werden vermehrt bespuckt und angepöbelt. Wir sind deshalb kurzfristig dazu übergegangen, weibliche Mitarbeiter nachts nicht mehr alleine für den Service in den Zügen einzusetzen.

Sollten nicht ständig zwei Servicekräfte an Bord eingesetzt werden?

Görtzen Die Vorgaben des VRR sehen schon einen recht hohen Personaleinsatz vor. Für die S-Bahn ist ab 2019 tagsüber immer eine Servicekraft an Bord vorgesehen, abends ab 18 Uhr sind es zwei.

Wie teuer kommt die DB Regio NRW das Thema Vandalismus zu stehen?

Brüggemann Die Kosten für Schäden an unseren roten Zügen in NRW belaufen sich auf jährlich über acht Millionen Euro, allein die Graffitibeseitigung und die damit verbundenen Ausfallzeiten schlagen mit fünf Millionen Euro zu Buche. Bundesweit entstehen der Bahn insgesamt 34 Millionen Euro Kosten für Vandalismus und Graffiti. Es gibt leider Menschen, die sich an fremdem Eigentum abarbeiten müssen. Sitze werden aufgerissen, Graffiti sind ein Problem, auch vorsätzlich zerkratzte Scheiben. Man muss die Schäden rasch beseitigen.

Görtzen Auch wir haben uns vorgenommen, Graffiti innerhalb von 24 Stunden zu entfernen. Ansonsten greift die Zerbrochene-Fenster-Theorie: Ein einmal beschädigter Zug lädt Nachahmer geradezu ein.

Klaus Peter Kühn und Maximilian Plück führten das Interview. 

Quelle: RP
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